Zweite Hälfte im zweiten Akt: Nach knapp zwei Stunden steuert das Musical seinem Höhepunkt entgegen. Jeder spürt diese spezielle Atmosphäre. Sie ist durchdrungen von den Hoffnungen und Träumen sowie der Angst um den Ausgang der Geschichte. An diesem Punkt hat man bereits mehr erlebt als bei diversen Theaterbesuchen in einem ganzen Jahr zusammen.

Weitere zwanzig Minuten später: Das Ende ist da. Leider. Man möchte auf die Wiederholungstaste drücken. Die ganze Gefühlsachterbahn noch mal erleben. Denn viele Zuschauer sind sich einig: Dieses Musical ist das Beste, was man seit Langem auf einer Theaterbühne gesehen hat!

Als am 30. April 2019 die Tony-Nominierungen für dieses Jahr bekannt gegeben wurden, war die Freude im Hadestown-Team groß – das Musical bekam 14 Nominierungen in so gut wie allen Kategorien, darunter natürlich auch die Nominierung für das beste Musical. Doch zwischen der ersten Idee und der Broadway-Premiere im Frühjahr 2019 lag ein langer Weg. (Achtung: Der Artikel bezieht sich auf den Ausgang des ursprünglichen Mythos um Orpheus und Eurydike und enthält somit auch Spoiler für das Ende des Musical-Plots.)

Way down Hadestown… way down under the ground

Kurz, nachdem Autorin und Komponistin Anaïs Mitchell 2010 ihr Konzeptalbum zu „Hadestown“ veröffentlichte, plante sie bereits die Bühnenadaption dieses Stoffes. Sechs Jahre später feierte das Musical in einer ersten Fassung im Off-Broadway-Theater „New York Theatre Workshop“ Premiere. Dann zog es weiter nach Edmonton in Kanada, wo es Ende 2017 im Citadel Theatre gezeigt wurde, und war vom 2. November 2018 bis zum 26. Januar 2019 als Short-Run im National Theatre in London zu sehen. Bis „Hadestown“ schließlich am 17. April 2019 seine Broadway-Premiere im Walter Kerr Theater feierte.

© Matthew Murphy

Wie bei vielen Musicals vergeht viel Zeit zwischen den ersten Vorstellungen und der eigentlichen Broadway-Premiere. In verschiedenen Städten auf zwei Kontinenten wurde das Material ausprobiert – Musiknummern wurden gestrichen, hinzugefügt und neu orchestriert, Kostüme wurden angepasst und unterschiedliche Besetzungen konnten sich erproben. In Interviews spricht das Kreativteam von ständigen Veränderungen, die gemacht wurden in der fast zehnjährigen Entstehungsphase dieses außergewöhnlichen Musicals. Nun scheint das Kreativteam rund um die zwei Leading Ladys Anaïs Mitchell (Musik, Gesangstexte, Buch) und Rachel Chavkin (Regie) eine broadwaywürdige Version gefunden zu haben.

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And brother, thus begins the tale of Orpheus and Eurydice!

Doch worum geht es in „Hadestown“ überhaupt? Kurz gesagt erzählt „Hadestown“ den Mythos von Orpheus und Eurydike in einem post-apokalyptischen Setting. In der ursprünglichen antiken Mythologie bekam Orpheus von seinem Vater, dem Gott Apollon, der unter anderem der Gott der Künste ist, eine Lyra geschenkt. Er ist ein begnadeter Sänger, der mit seiner Musik nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Pflanzen, Steine und Wasser bewegen und begeistern kann. Er verliebt sich in die Nymphe Eurydike. Doch leider währt ihr gemeinsames Glück nicht lange – Eurydike wird von einer Schlange gebissen und stirbt.

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Orpheus macht sich daraufhin auf den Weg in die Unterwelt, ins Totenreich, das von Hades beherrscht wird. Er fleht Hades und dessen Frau Persephone an, Eurydike wieder in die Welt der Lebenden zu bringen. Hades gestattet ihm diesen Wunsch, allerdings mit der Bedingung, dass Orpheus auf dem Weg in die Oberwelt vorangeht, Eurydike ihm folgt und er sich nicht nach ihr umdrehen darf. So laufen die beiden den weiten Weg aus der Unterwelt, bis Orpheus die Unsicherheit, ob Eurydike ihm wirklich folgt, nicht mehr aushält und sich kurz vor ihrem Ziel umdreht. Daraufhin ist Eurydikes Schicksal besiegelt, sie muss für immer in der Unterwelt bleiben. Orpheus kehrt zwar in die Oberwelt zurück, muss aber fortan mit der Schuld leben, Eurydike kurz vor der Erlösung wieder zum Tod verdammt zu haben.

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It’s a sad song… but we sing it anyway

Die Tragik dieser Geschichte und die direkte inhaltliche Verknüpfung mit der Musik bietet das erzählerische Potential für die unterschiedlichsten Adaptionen. Der „Orpheus und Eurydike“-Mythos ist auch dem Musiktheater nicht fremd. Schon seit der Entstehung der Oper im 17. Jahrhundert gab es zahlreiche Stoffe, die sich mit dieser Geschichte befassten – beispielsweise Monteverdis Oper „L’Orfeo“, Glucks Oper „Orfeo ed Euridice“ oder Offenbachs Operette „Orpheus in der Unterwelt“. Auch das Musical „Jasper in Deadland“, das 2014 in einem Off-Off-Broadway-Theater lief und seine deutschsprachige Erstaufführung im Januar 2019 in Hildesheim hatte (unsere Review könnt ihr hier nachlesen), erzählt lose die Geschichte von Orpheus und Eurydike, allerdings heißen die beiden Hauptcharaktere in dieser Adaption Jasper und Agnes.

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„Hadestown“ erzählt die Geschichte etwas näher am originalen Mythos. Mitchell und Chavkin gehen dabei sowohl musikalisch als auch erzählerisch einen spannenden Weg. Sie versuchen den Stoff für ein gegenwärtiges Publikum erlebbar zu machen. Die Storyline des Musicals interpretiert den antiken Mythos auf eine neue Weise, indem die Charaktere sehr stark an ihre Vorbilder angelehnt sind, sich aber in einer post-apokalyptischen Welt bewegen.

It’s a love song… it’s a tale of a love that never dies

In „Hadestown“ liegt der Fokus auf den fünf Hauptcharakteren Orpheus, Eurydice, Hades, Persephone und Hermes. Daneben gibt es noch drei sogenannten Fates (Schicksalsgöttinnen) und ein Ensemble, das ähnlich dem Theaterchor im antiken griechischen Theater Vorgänge kommentiert, aber gleichzeitig selbst Teil des Geschehens ist. Auch im Erzählstil finden sich Parallelen zum griechischen Theater: So fungiert Hermes als Erzähler der Geschichte und ist wie in der Mythologie Botschafter zwischen der Welt der Lebenden und der Toten.

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Orpheus ist in dieser Adaption ein Singer-Songwriter, der mit seiner Musik und seinen Texten Menschen begeistern möchte, sich aber als Künstler über Wasser halten muss. Eurydice verliebt sich in Orpheus, entschiedet sich dann allerdings, aus freien Stücken nach Hadestown zu gehen, weil Hades, der Herrscher von Hadestown, der Bevölkerung Arbeit, Wohlstand und Sicherheit verspricht, indem er sie eine Mauer um Hadestown errichten lässt. Hades’ Frau Persephone ist nur in den Wintermonaten bei ihm, weil sie die restliche Zeit in der Oberwelt verbringt und dort für den blühenden Frühling und Sommer sorgt, daher sehen sie sich nur wenige Monate im Jahr. In ihrer Beziehung kriselt es seit einiger Zeit. Und so, wie es in „Hadestown“ um das junge Liebespaar Orpheus und Eurydice geht, wird im Vergleich dazu auch die schon sehr lange andauernde Beziehung von Hades und Persephone thematisiert.

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Das Stück zeichnet zwar auch ein Bild von einer post-apokalyptischen Gesellschaft, in der die freie Bevölkerung in der trostlosen Oberwelt versucht, ein glückliches Leben zu leben, während die Bewohner von Hadestown als Sklaven für den Herrscher Hades eine Mauer um die Stadt bauen. Doch im Vordergrund stehen die beiden Liebesgeschichten und die Fragen, unter welchen Umständen Menschen zueinander finden, ob ein Leben, das man alleine verbringt, lebenswert ist, ob wir Menschen den Lebensweg alleine bestreiten können oder uns dann doch das Gefühl der Einsamkeit und Unsicherheit überkommt und wir uns wie Orpheus zu Eurydice umdrehen.

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Singing la la la la la la la…

Die Bühne besteht aus einer Drehbühne und hohen Wänden mit einem Balkon, Podesten und Treppen, die im Laufe des Stückes so einige Überraschungen bereithalten. Tische, Stühle und Barhocker erfüllen verschiedene Funktionen in unterschiedlichen Erzählsituationen. Die Band sitzt auf der Bühne, im Bühnenbild integriert, was eine große Nähe zum Publikum aufbaut. Der Zuschauer hat schon beim Betreten des Raumes das Gefühl, in einer stimmungsvollen Bar einer guten Band zu lauschen. Die Musik von „Hadestown“ besteht einerseits aus fetzigen Jazz- und Blues-Nummern, die einen New Orleans-Sound hervorbringen und an die Zeit der Großen Depression erinnern sollen. Andererseits besteht sie aus moderner American Folk Music, die dem Score eine Indie-Singer-Songwriter-Note verleiht. Wo Hermes und die Fates vor allem die bläserlastigen Jazz-Parts bedienen, ist Orpheus’ Musik sehr reduziert, beschränkt sich meist auf Gitarre und Gesang. Die Charaktere haben zwar ihre individuellen musikalischen Sprachen, die allerdings in Kombination miteinander eine ganzheitliche Atmosphäre erschaffen.

Schon das erste Lied „Road to Hell“, in dem Hermes in die Geschichte einführt, legt die Messlatte für die anderen Songs sehr hoch. Ein schmissige Musiknummer ist auch „Way Down Hadestown“, die sofort zum Mittanzen anregt. Das Musical ist fast komplett durchgesungen und die Musik entwickelt eine regelrechte Sogwirkung. Schnelle Rhythmen wechseln sich mit melancholischen Klängen ab. Jede neue Melodie ist sofort ein Ohrwurm.

Die Lieder funktionieren sowohl auf musikalischer als auch inhaltlicher Ebene unglaublich gut. So hat Orpheus ein Lied namens „Epic I“ über Hades und Persephone geschrieben, begleitet sich selbst mit seiner Gitarre und sofort hat man das Urbild von Orpheus mit seiner Lyra im Kopf, der Lieder über Legenden der gegenwärtigen Welt singt. Der musikalische Aufbau zum Finale des ersten Akts ist ein Kapitel für sich: Bei „Wait For Me I“ findet man sich mit Orpheus in einem Strudel der Emotionen wieder, um dann im darauffolgenden Lied „Why We Build the Wall“ noch eine halbe Stunde später Gänsehaut zu haben.

Viele Lieder sind zusätzlich zum Namen mit Nummern betitelt. Vor allem im zweiten Akt wird ersichtlich, warum. Anaïs Mitchell entschied sich für einige musikalische Wiederholungen, die dramaturgisch bis ins kleinste Detail durchdacht sind. Speziell die Musik und die Texte schaffen eine abwechslungsreiche und gleichzeitig einheitliche musikalische Linie, die mit allen anderen Elementen des Stückes wunderbar harmoniert.

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Everybody meet the cast!

Neben tollem Buch, Musik, Regie und Ausstattung hat „Hadestown” auch einen unglaublich starken Cast. Reeve Carney, unter anderem bekannt aus der Fernsehserie „Penny Dreadful“ oder in der Titelrolle des Broadway-Musicals „Spider-Man: Turn Off the Dark“, spielt seit 2017 Orpheus. Er ist selbst als Solokünstler oder mit seiner Band „Carney“ als Musiker tätig, hat schon mehrere Songs und Alben aufgenommen und spielt in „Hadestown“ auch live auf der Bühne Gitarre. Durch seine Stimme und Körperlichkeit auf der Bühne stellt er Orpheus einerseits als Herzblutmusiker, andererseits als verzweifelten Liebhaber dar.

Eurydice wird von Eva Noblezada gespielt. Am West End und Broadway kennt man sie vor allem als Kim in „Miss Saigon“, wofür sie ihre erste Tony-Nominierung bekam. Ihre zweite Nominierung erhielt sie für die Rolle der Eurydice, die im Musical nicht nur als unschuldige Nymphe und Jungfrau in Nöten dargestellt wird, sondern eine selbstbestimmte Frau ist. Noblezada findet die perfekte Balance zwischen all den unterschiedlichen Facetten ihres Charakters.

Patrick Page als Hades gehörte ebenfalls als Green Goblin zum Original-Cast von „Spider-Man: Turn Off the Dark“, war aber auch in Stücken wie „Spring Awakening“, „The Lion King“ oder „The Sound of Music“ zu sehen. Seine Bassstimme klingt dabei so bedrohlich, dass man ihm den Herrscher der Unterwelt komplett abkauft.

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André De Shields als Hermes und Amber Gray als Persephone haben beide eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Sie singen vor allem die atmosphärischen Uptempo-Nummern, was ihnen eindrucksvoll gelingt. De Shields und Gray haben bereits auf der ganzen Welt zahlreiche Theater-Credits gesammelt. Amber Gray ist wie Patrick Page seit Beginn des Projektes im Jahr 2016 dabei.

Come see how the world could be…

„Hadestown“ erzählt einen antiken Mythos für unsere moderne Zeit und wirft dabei politische und gesellschaftliche Fragen auf, ohne das Einzelschicksal der Hauptcharaktere aus den Augen zu verlieren. Es stellt eine unglaubliche Nähe zu den Hauptfiguren her. Die ambivalenten Charaktere zeigen menschliche Stärken und Schwächen, sie sind authentisch deswegen schaut man ihnen gerne zu. Keine Figur ist langweilig, kein Lied ist überflüssig – so etwas erlebt man sehr selten.

© Matthew Murphy

Auf allen Ebenen ist dieses Stück eines der besten Musicals, das es zurzeit gibt. Wenn nicht sogar das beste Musical. Es ist kurzweilig, überrascht, bewegt, lässt nicht mehr los, bringt den Zuschauer zum Lachen und Weinen. Wer nahe am Wasser gebaut ist, sollte bei einem Besuch auf keinen Fall die Taschentücher vergessen. Nach dem Besuch kann man tagelang nicht in Worte fassen, was man gerade gesehen hat. Wochenlang hört man die Musik rauf und runter. Monatelang möchte man kein anderes Stück besuchen. Es ist schwierig, dieses bis ins kleinste Detail durchdachte Musical in seiner Komplexität zu beschreiben – man muss es selbst erleben.

„Hadestown“ ist Musiktheater in seiner Perfektion!

Und am Ende bleibt nur noch zu sagen: Auf hoffentlich zahlreiche Tony-Gewinne! I raise my cup to „Hadestown“!

Broadway-Premiere im Walter Kerr Theatre: 17. April 2019
National Theatre in London: 13. November 2018 bis 26. Januar 2019
Besuchte Vorstellung: 26. November 2018, National Theatre in London
Musik, Texte und Buch: Anaïs Mitchell
Regie: Rachel Chavkin
Choreografie: David Neumann
Musikalische Leitung: Liam Robinson
Orchestrierung und Arrangements: Michael Chorney und Todd Sickafoose  Bühnenbild: Rachel Hauck
Kostüme: Michael Krass
Licht: Bradley King
Ton: Jessica Paz und Nevin Steinberg
Dramaturgie: Ken Cerniglia

Aktuelle Broadway-Cast:
Hermes: André De Shields
Orpheus: Reeve Carney
Eurydice: Eva Noblezada
Hades: Patrick Page
Persephone: Amber Gray
The Fates: Jewelle Blackman, Yvette Gonzalez-Nacer und Kay Trinidad
Workers und Swings: Afra Hines, Timothy Hughes, John Krause, Kimberly Marable, Ahmad Simmons, Malcolm Armwood, T. Oliver Reid, Jessie Shelton und Khaila Wilcoxon

Weitere Informationen und Tickets:

https://www.hadestown.com/

Beitragsbild: © Matthew Murphy

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Agnes Wiener
"The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.