Das Musical „Carrie“ nach Stephen Kings 1974 erschienenem und 1976 verfilmtem Debütroman wurde 1984 erstmals in einem Reading vorgestellt, nach Tryouts im englischen Stratford-upon-Avon ging es 1988 mit lediglich fünf regulären Aufführungen als eine der größten Pleiten am Broadway in die Geschichtsbücher ein, was es allerdings zum Kultstück gemacht hat. Seit es 2012 wiedereindeckt, umgeschrieben und teils mit neuen Songs versehen wurde, gab es einige kleine Produktionen, u. a. in London (weitere Infos siehe Link). Nun ist das Musical von Michael Gore (Musik), Dean Pitchford (Liedtexte) und Lawrence D. Cohan (Buch) im Hamburger First Stage Theater als Projekt des Abschlussjahrgangs der Stage School mit Maya Hakvoort als Gast für die Rolle von Carries Mutter Margaret White zu sehen. Der Plot von religiösem Wahn über Mobbing bis zu Rache und Hexerei ist komplex und auch die musikalische Grundlage ist für das düstere Thema mit Pop-Balladen und rockigen Uptempo-Songs erstaunlich abwechslungsreich. Wegen der der zahlreichen sehr jungen Rollen bietet sich das Stück wunderbar.

© Dennis Mundkowski

Die schüchterne 16-jährige Schülerin Carrie White wird von ihrer fanatisch gläubigen Mutter mit harter Hand erzogen und immer wieder zum Beten in eine kleine Kammer eingesperrt. Sie muss sich gedeckt und alles andere als figurbetont kleiden sowie ständig beten. Durch ihr Anderssein wird deshalb von ihren Mitschülern gemieden und gehänselt. Als sie nach dem Sportunterricht unter der Dusche zum ersten Mal ihre Periode bekommt, ist sie nicht darauf vorbereitet und geschockt, was einen Shitstorm ihrer Klassenkameraden auslöst. Durch ihre Wut auf ihre Mutter und ihre Mitschüler entdeckt sie ihre telekinetischen Fähigkeiten und lernt, diese gegen andere einzusetzen.

© Dennis Mundkowski

Flotte Regie, aufwendige Bühne

Regisseur Felix Löwy drückt ordentlich auf das Tempo, was dem Werk sehr gut bekommt. Trotzdem lässt er den Darstellern in den ruhigen Momenten Zeit zum Innehalten und zur Entwicklung ihrer Rollen. Einzig der zu schnelle und zunächst fragliche Tod Margarets überzeugt nicht. Löwy selbst unterstützt seine Arbeit zusammen mit Felix Wienbürger durch das geschickte Bühnenbild mit seinen scheinbar wegfliegenden, kaputten Schranktüren an den Seiten, die sich – ähnlich wie bei der „Cats“-Müllhalde – bis ins Auditorium ziehen. Dies spiegelt anschaulich die Dynamik der telekinetischen Möglichkeiten Carries wieder. Die Rückwand kann aufgeschoben und ein Gerüst mit mehreren Etagen von hinten hereingeschoben werden, das für mehrere Szenen genutzt wird. Dazu werden Versatzstücke wie Tische und Stühle von den Seiten hereingefahren.

© Dennis Mundkowski

Auch die Spezialeffekte wie ein wackelnder Bücherschrank, die schließenden Fenster oder das wegfahrende Skateboard gelingen einwandfrei. Zusammen mit Wienbürgers Lichtdesign aus kleinen Discokugel-Spots oder starken Rottönen für das Feuer werden schnell unterschiedliche Stimmungen erzeugt. Lauren Slater-Klein (auch Co-Regie) kreierte ansehnliche Alltagskleidung für die SchülerInnen und konnte ihrer Kreativität vor allem bei den abwechslungsreichen und verschiedenfarbigen Kleidern und Anzügen für die Prom-Night freien Lauf lassen. Chris lässt sie stets schwarzes Leder tragen. Schaurig schlicht sind die wie Sack und Asche wirkenden Roben von Carrie und Margaret, die dazu bleich geschminkt sind.

© Dennis Mundkowski

Hakvoort führt starken Cast an

Maya Hakvoorts Auftritte als Margaret sind düster und beängstigend sowie in allen Ton- und Stimmungslagen perfekt intoniert und fantastisch interpretiert. Man merkt, dass sie bereits ähnliche Rollen wie Mrs. Danvers und Norma Desmond gespielt hat. Star-Quality pur! Damit legt sie die Qualitätslatte mächtig hoch, doch auch die jungen Absolventen liefern zumeist hervorragende Rollenprofile. Lorena Dehmelt als Carrie meistert ihren schwierigen Part mit Bravour. Anfangs unauffällig und stimmlich zurückhaltend, dreht sie im Lauf des Stückes mit anwachsendem Selbstbewusstsein richtig auf und zeigt eine anschauliche Entwicklung. Gerade die gemeinsamen Auftritte mit Hakvoort sorgen durch intensives Spiel beider Akteure für Gänsehaut-Feeling.

© Dennis Mundkowski

Als einzig überlebende desillusionierte Sue Snell ist Larissa Pyne äußerst liebenswert und singt mit schönem, vollem Sopran. Ihre Bitte an ihren Freund Tommy Ross, mit Carrie zum Abschlussball gehen, leitet das fatal Ende ein. Tim Taucher ist als Tommy der nette Junge von nebenan, der rollenbedingt als cooler Sportler allerdings mehr aus sich herauskommen müsste. Damit hat Alexandra Nikolina als Chris Hargensen keine Schwierigkeiten. Sie ist schon durch ihre laute und bestimmende Art tonanführend und wird zu Carries größter Widersacherin. Nikolina gibt auch tänzerisch in den schwungvollen, an Jazz-Dance angelehnten Chorografien von Phil Kempster den Ton an. Ihr in nichts nach steht Nils Marckwardt als ewig sitzenbleibender Billy Nolan, der sichtlich Spaß daran hat, mit Chris gegen Carrie vorzugehen. Beide sind ein Antagonisten-Paar im besten Sinn. Als um Carrie besorgte Lehrerin Miss Gardener mit strengem Dutt ist Isabelle Schubert natürlich viel zu jung. Dies macht sie allerdings durch ihr unnachgiebiges Spiel wett und überzeugt auch stimmlich.

© Dennis Mundkowski

Rundherum gelungen

Musikalisch bietet die Band unter der Leitung von Christian Feldkamp einen für lediglich fünf Mitglieder überraschend satten Sound. Auch die Textverständlichkeit der gelungenen deutschen Übersetzung von Martin Wessels-Behrens und Judith Behrens ist erstklassig.

Der Weg für dieses Musical war weit, aber auch der größte Broadway-Flop kann im Off-Bereich neu entdeckt, mit Schwung und gutem Cast überzeugend auf die Bühnen gebracht werden. „Matilda“ hat gezeigt, dass telekinetische Fähigkeiten auch auf der Bühne erfolgreich funktionieren. Es lohnt sich, „Carrie“ mit dieser äußerst beachtenswerten Hamburger Produktion kennenzulernen, wo es noch bis 15.07.2019 auf dem Spielplan steht.

© Dennis Mundkowski

„Carrie“ in Hamburg

Uraufführung: 12.05.1988 (August Wilson Theatre, New York)
Premiere dieser Produktion:
17.06.2019 (First Stage Theater, Hamburg)
Besuchte Vorstellung:
21.06.2019
Musik:
Michael Gore
Liedtexte:
Dean Pitchford
Buch:
Lawrence D. Cohan
Deutsche Übersetzung:
Martin Wessels-Behrens und Judith Behrens
Regie: Felix Löwy
Musikalische Leitung: Felix Löwy / Christian Feltkamp
Associate Director / Kostüme: Lauren Slater-Klein
Choreografie: Phil Kempster
Bühne: Felix Löwy, Felix Wienbürger
Licht-Design: Lukas Wienbürger
Besetzung: Maya Hakvoort / Kaatje Dierks (Margaret White), Lorena Dehmelt / Eva Schütz (Carrie), Larissa Pyne (Sue Snell), Tom Taucher (Tommy Ross), Alexandra Nikolina / Rita Sebeh (Chris Hargensen), Nils Marckwardt (Billy Nolan), Isabelle Schubert (Miss Gardener), Nicolas Schulze (Mr. Stephens), Kerstin Leowin (Norma), Selina Bögelein (Frieda), Sara Kettmann (Helen), Dominic Angler / Sven Geiger (George), Dominik Thätner (Stokes), Piero Ochsenbein (Freddy),Eva Schütz, Rita Sebeh, Angelika Studensky, Jennifer Buga. Katrin Diesenhammer, Lina von Soosten, Nadine Stiebel, Lucia Feneberg, Robin Scheel (Ensemble)

Weitere Infos und Karten erhaltet ihr hier.

Beitragsbild: © Dennis Mundkowski