„Chicago“ gehört zu meinen persönlichen Lieblingsmusicals. Bisher kannte ich es ausschließlich in der minimalistischen, halbkonzertanten Revival-Inszenierung von 1996 mit den markanten lasziven und erotischen Choreografien nach Bob Fosse. Ulrich Wiggers hat es sich in seiner Neuinszenierung im Rahmen des Magdeburger DomplatzOpenAirs 2019 zur Aufgabe gemacht, das Stück nicht mehr als Kammerspiel, sondern viel größer zu präsentieren und dazu in die heutige Zeit zu bringen. Daher war ich sehr gespannt auf das Ergebnis.

© Andreas Lander

Das Musical beschreibt als Satire auf das US-Gerichtsystem die Geschichten der kaltblütigen Mörderinnen Roxie Hart und Velma Kelly, die durch eine geschickte Selbstdarstellung und mit einem gewieften Anwalt freigesprochen werden und anschließend durch ihre gewonnene Publicity auf Vaudeville-Tour gehen. Wiggers verlegt die Handlung der 1920er mehr als hundert Jahre nach vorne und damit vom Vaudeville zum Reality-TV. Das Fernsehpublikum trifft nun in den privatisierten Gefängnissen die Entscheidung über schuldig und nicht schuldig. Erschreckenderweise wirkt dies kaum noch realitätsfern. Das moderne Vaudeville ist die Medienwelt der nahen Zukunft.

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Bombastische Ausstattung

Alleine durch das um Ballett und Chor verstärkte Ensemble sowie die gigantische Bühne (Leif-Erik Heine) und die zahlreichen Kostüme (Franz Blumauer) unterscheidet sich diese Produktion vom bekannten Revival. Mittelpunkt der Kulisse auf verschiedenen Ebenen ist eine zehn Meter hohe Justitia-Figur mit Waagschale in den Händen, die an den Bühnenseiten vorne von zwei acht Meter hohen bewaffneten Soldaten-Figuren umrahmt wird. Eine Plattform oben um die Justitia wird mehrmals bespielt. Rechts und links befinden sich kleine Räume auf zwei Etagen, die sich mittels Drehelementen als Gefängniszellen und Wohnungen der Fernsehzuschauer nutzen lassen. Ganz vorne an den Rändern oben sind die Zellen von Velma und Roxie bzw. Billys Büro. Wiggers nutzt alle Spielflächen aus, auch die Ebenen-verbindenden diversen Treppen und Stange sowie das Dach der Kammern. Damit schafft er verschiedene Atmosphären.

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Die 1920er Jahre bleiben durch Velmas Zelle im Art-déco-Stil und ihre Kostüme wie die breite Hose im Marlene-Dietrich-Stil erhalten. Überhaupt hat sich Blumauer bei den über 200 wunderbar anzuschauenden, hochwertigen Roben viele Details überlegt. Neben viel Glitzer, fantasievollen Kopfbedeckungen und zahlreichen Accessoires wie langen Bändern sind hier neben Velmas blauer Nerzstola zur Perlenkette bei „Moral“ auch die zahlreichen, immer eleganter werdenden, engen Kleider von Roxie zu erwähnen. Besonderes Highlight ist ihr wassersprühender Rock bei der Pressekonferenz. Mit diesem ist sie – wie einst Helene Fischer – quasi ein Springbrunnen. Es wird richtig aufgefahren, womit diese Produktion alleine schon optisch einen erstklassigen Eindruck hinterlässt.

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Großartige Besetzung

Das Cook County Gefängnis ist hier eine gemischte Anstalt, in der es alles andere als zimperlich zugeht. Es wird mit harten Bandagen gefrotzelt und gekämpft. Die von Carin Filipčić gespielte Aufseherin Mama Morton mit roter Kurzhaar-Mähne und großem Tattoo im Dekolleté ist in schwarzem Leder gekleidet, was an die Killer Queen erinnert. Sie ist nicht nur gewohnt geschäftstüchtig, sondern genießt es sichtlich, Herrin über ihrer Schützlinge zu sein und ihnen ganz nah zu kommen. Filipčić kann damit auch mal ihre harte Seite und eine dunklere Stimme zeigen. Schaurig schön sind ihre körperlichen Annährungen an Roxie und Velma. Sandy Mölling interpretiert Roxie Hart mehr prollig als naiv. Dazu ist sie stimmlich tiefer als ihrer Rollenvorgängerinnen, was ihren Songs sehr gut steht. Schon in ihrem ersten Solo „Schussel-Dussel“ kann sie mit Schnapsflasche in der Hand ihre einfache Herkunft nicht verleugnen. Auch in ihren Auseinandersetzungen mit Velma Kelly bleibt sie vulgär, bis sie in der Gerichtsverhandlung zu großer Form aufläuft und klar berechnend ihre verlangte Rolle spielt. Eine starke Interpretation. Von Beginn an spielt sich Marcella Adema als divenhafte und würdevolle Velma Kelly in den Vordergrund und hinterlässt damit nachhaltig Eindruck. Alleine durch ihre feinen Roben und ihre Cleopatra-Frisur hebt sie sich von den anderen Gefangenen in lilafarbenen Trainingsanzügen ab. Mit ihrer kraftvollen Stimme und ihrem einnehmenden Spiel ist sie die Entdeckung des Abends.

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Der eher als Tänzer bekannte Dániel Rákász ist durch seine Jugend und seine langen Haare nicht der typische Billy Flynn im dunklen Anzug. Am Ende von „Bin nur für die Liebe da“ steht er oberkörperfrei auf gestapelten Bänken. Rákász ist hier als Meister der japanischen Kampfkunst Kendo äußerst bestimmend und trotzdem durchweg sympathisch. Damit gelingt es ihm, der Rolle seine eigene frische und jugendliche Note zu geben. Vielleicht stellt sich das junge Fernsehpublikum von morgen einen Staranwalt genauso vor.

Seine wenigen Auftritte nutzt Enrico de Pieri als bemitleidenswerter Amos Hart gekonnt und zeigt damit, dass er die ruhigen Töne perfekt beherrscht. In seinem Solo „Mister Zellophan“ ist er herrlich unauffällig und gerade damit einer der Höhepunkte des Abends. Diese Szene ist übrigens die einzige, bei der lediglich ein Akteur auf der Bühne steht. Einen absoluten Star-Auftritt legt Gerben Grimmius als Klatschreporterin Mary Sunshine hin, die wie Mary Poppins bei Song „Etwas Gutes ist an jedem dran“ mittels Seil über die gesamte Tribüne bis zur hinteren Bühnenwand gezogen wird. Mit seinem Falsett-Gesang, seinem rotem Kleid mit großem Kranz hinter dem Kopf und eigenwilligem Kopfschmuck ist er ungeheuer schrill.

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In die Zeit des Reality-TV versetzt

Anders als im Revival setzt Ulrich Wiggers den Fokus auf die Handlung. Damit werden die Hintergründe der Rollenhandlungen klarer. Das spielfreudige Ensemble setzt dies exzellent um und hat sichtbar Freude daran. Unterstützt wird Wiggers von Choreograf Jonathan Huor, der sich am Fosse-Stil orientiert, jedoch stets eine eigene Handschrift erkennen lässt. Darin vermischt er die 20er mit modernen Dance-Movements und lässt die Tänzer auch an den Stangen herunterrutschen. Eine gekonnte Annährung an das Original, ohne dies zu kopieren. Durch das intelligent integrierte Ballett entfalten Szenen wie „All That Jazz“, „Beide griffen zum Colt“ und „Hokuspokus“ eine opulente Optik.

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Musikalisch ist die jazzige Partitur bei Damian Omansen und der mit Verve spielenden Magdeburgischen Philharmonie bestens aufgehoben. Der bei Open-Air-Aufführungen oft komplizierte Sound ist hier erstklassig. Die Gefängniszellen und die Justitia können per Lichterketten in verschiedenen Farben beleuchtet werden, was gerade bei zunehmender Dämmerung im zweiten Teil zu sehr schön anzuschauenden zirkusähnlichen Bildern führt. Zum Ende entzündet sich gar Feuer in Justitias Waagschalen.

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In Magdeburg wird eine bombastische, moderne und in alle Belangen überzeugende Neuinterpretation dieses inhaltlich nach wie vor hochaktuellen Musicals geboten. Dies zeigt wieder einmal, dass es sich lohnt, Stücke neu zu entdecken. Das Theater Magdeburg, Kreativteam und Akteure treffen damit voll ins Schwarze. Wer das Spektakel genießen möchte, sollte sich beeilen, denn die Spielzeit beträgt lediglich drei Wochen. Dieser Version ist zu wünschen, dass sie danach an anderen Bühnen gezeigt wird.

„Chicago“ in Magdeburg

Uraufführung: 03.06.1975 (Richard Rogers Theatre, New York City)
Premiere des Revivals: 14.11.1996 (Richard Rogers Theatre, New York City)
Premiere / besuchte Vorstellung: 14.06.2019 (Domplatz, Magdeburg)
Musik: John Kander
Liedtexte: Fred Ebb
Buch: Fred Ebb, Bob Fosse
Regie: Ulrich Wiggers
Musikalische Leitung: Damian Omansen
Choreografie:
 Jonathan Huor
Bühnenbild: Leif-Erik Heine
Kostüme: Franz Blumauer
Besetzung: Sandy Mölling (Roxie Hart), Marcella Adema (Velma Kelly), Dániel Rákász (Billy Flynn), Ernico de Pieri (Amos Hart), Carin Filipčić (Mama Morton), Gerben Grimmius (Miss Sunshine), Chris M. Nachtigall (Conferencier), Jasmin Eberl, Marja Hennicke, Emma Hunter, Antanina Maksimovich, Cristina Salamon Lama, Lara de Toscano, Christian Funk, Michael Konings, Pablo Martinez, Nico Went (Ensemble)

Weitere Infos und Karten erhaltet ihr hier.

Beitragsbild: © Andreas Lander