Das Kander/Ebb-Musical „Chicago“ wird seit 1996 weltweit nahezu immer in der gleichen minimalistischen Revival-Inszenierung aufgeführt. 2018 wurden die Rechte für neue Interpretationen im deutschsprachigen Raum freigegeben. Beim diesjährigen DomplatzOpenAir des Theater Magdeburg kommt das Stück über die Mörderinnen Roxie Hart und Velma Kelly aus dem Jahr 1975 in einer Neuinszenierung von Ulrich Wiggers zur Aufführung. Wir haben die erste Probe auf der Bühne vor dem Dom angeschaut und dazu mit dem Regisseur über sein Konzept gesprochen.

© Hardy Heise

In dieser Version werden Solisten und Ensemble durch Chor und Ballett verstärkt. Die Handlung spielt nicht mehr in den 20ern, sondern in der durch vom interaktiven Fernseh-Publikum beeinflussten Moderne, in der die Gefängnisse privatisiert wurden. Dazu gehört auch das Cook County Jail, in dem es hier alles andere als zimperlich zugeht – es wird gepöbelt, sich geprügelt und vulgär miteinander umgegangen.

Die Darsteller sind gut gelaunt, hochmotiviert und konzentriert bis in die Zehenspitzen. Auch von leichtem Regen am Nachmittag lassen sie sich nicht bremsen. Regisseur und Regieassistentin halten deshalb die Plane des Probenpianos, auf dem der musikalische Leiter Damian Omansen die weltbekannten Klänge des Openers „All that Jazz“ anschlägt. Bei Freilichttheater schwingt das Regenrisiko immer mit, doch für die Atmosphäre in der Magdeburger City an lauen Sommerabenden gibt das gesamte Team alles.

© Hardy Heise

Es kommt Ulrich Wiggers, der mit diesem Stück 1979 in Wien als Darsteller debütierte, bei seiner aktuellen Arbeit darauf an, es vom hierzulande kaum bekannten Vaudeville der1920er Jahren weg zu holen sowie dazu wesentlich größer als bisher in Szene zu setzen. Ein Kammerspiel wäre auch unpassend für die riesige Bühne auf dem Domplatz, die von drei überlebensgroßen, an den Film Metropolis erinnernden Figuren, dominiert wird. An den Seiten oben befinden sich die einzelnen Gefängniszellen, die schnell zu den Wohnzimmern der Fernsehzuschauer umgewandelt werden können. In einigen Szenen wird das gezeigte auch per Video an die Rückwand der Bühne übertragen.

© Hardy Heise

Wiggers ist dafür bekannt, dass er sich stets die Beweggründe der Handlungen seiner Bühnenfiguren ganz genau überlegt und diese mit seinen Akteuren akribisch und detailliert einstudiert. Durch die Bühnengröße ist das Staging bzw. das Ausnutzen der gesamten Bühne ein wichtiger Punkt. Daneben ist in diesem tanzreichen Stück die Choreografie von großer Bedeutung. In Magdeburg kann er auf eine Besetzung aus national und international erfahrenen Darstellern zurückgreifen. Als einzige Akteurin mit Stückerfahrung verleiht Marcella Adema der Velma Kelly einen differenzierten Ansatz als den gewohnt ausschließlich toughen Habitus. Ex-No Angel Sandy Mölling ist dafür hier gar nicht mehr so naiv als Roxie Hart und geht skrupellos ihren Weg. Staranwalt Billy Flynn wird von Daniel Rakasz in Magdeburg als Meister in japanischer Schwert-Kampfkunst Kendō gegeben und Carin Filipcic als Mama Morton hat in dieser Version ganz besondere Freuden an ihren Insassinnen…

© Hardy Heise

Spätestens seit seiner vielbeachteten Neuinszenierung von „Tanz der Vampire“ in St. Gallen 2017 hat Ulrich Wiggers bewiesen, dass er sich viele Gedanken um die Inhalte der Stücke macht und seine Ideen geschickt umzusetzen weiß. Für „Chicago“ in Magdeburg kündigt er das Einschweben einer Rolle wie bei Mary Poppins sowie eine besondere Überraschung für den „Presse Konferenz Rag“ an. Dieses Stück wird in Magdeburg also völlig neu entdeckt. Unser Review folgt nach der Premiere am 14.06.2019. Lasst euch überraschen.

Weitere Infos und Karten erhaltet ihr hier.

Beitragsbild: © Hardy Heise

(Die Fotos zeigen das noch nicht komplett fertiggestellte Bühnenbild)