Man sagt, dass Komödie viel schwerer zu spielen ist als Tragödie, da es im Lustspiel um perfektes Timing geht. Die Hamburger Fassung des Musicals „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ von Jeffrey Lane (Buch) und David Yazbek (Musik und Liedtexte) bestätigt dies glücklicherweise nur im ersten Teil. Das Stück aus dem Jahr 2010 ist mit seiner temporeichen und aberwitzigen Handlung eine turbulente Screwball-Komödie mit speziellem Humor, die auf Pedro Almodóvars gleichnamigen Film von 1988 basiert. Yazbek feierte am Broadway große Erfolge mit „The Band‘s Visit“ (zehn Tony Awards) und aktuell „Tootsie“ (zwei Tony Awards).

© G2 Baraniak

Obwohl die 1980er Jahre noch gar nicht so lange her sind, erscheinen bei der immer rasanteren technischen Entwicklung der letzten Jahre, Telefone mit Kabel (aber immerhin bereits mit Tasten), Anrufbeantworter und Telefonzellen wie Relikte aus einer anderen Zeit. Unverändert bleiben jedoch die menschlichen Gefühle. Auch in den 80ern war es hart für die spanische Schauspielerin und Synchronsprecherin Pepa vom Beziehungsende von Freund und Kollegen Iván per Nachricht auf dem Anrufbeantworter zu hören. Und das gerade als sie erfahren hat, schwanger zu sein. Dazu tauchen verschiedene Personen aus unterschiedlichen Motiven in ihrer Wohnung auf, jedoch nicht der erwartete Iván, für den sie eine mit Valium versehene Gazpacho vorbereitet hat.

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Viele gelungene Details

Regisseur Franz-Joseph Dieken hat einen guten Sinn für kleine Details. So setzt er dem Taxifahrer einen Fahrradhelm mit Taxischild auf, der einen Sessel als Taxi benutzt, lässt Iván auf einer großen Ente auf die Bühne rollen und das Gazpacho-Tablett an einer Stange von der Decke hereinfahren. Seinen Darstellern gibt er dazu die Freiheit, herrlich überzogen zu agieren. Im ersten Akt lässt er ihnen allerdings kaum Atempausen, weshalb hier vieles noch hektischer und schriller wirkt als ohnehin schon. Nach der Pause haben die Akteure dann das richtige Timing gefunden und die Witze zünden beim Publikum.

80er überall

Yvonne Marcour und Sabine Kohlstedt platzieren einen drei-etaigen Steg auf die Bühne, der über Rampen miteinander verbunden ist. Darauf befinden sich diverse gemusterte Sessel und Podeste, die immer wieder neu gestellt werden. Dem hohen Tempo des Stückes folgend werden somit schnell Spielräume wie Pepas Wohnung, das Synchronstudio und ein Gerichtssaal angedeutet. Die Rückwand ist lediglich mit einem Vorhang versehen, der je nach Szene in verschiedenen Farben beleuchtet wird. Rechts vorne befindet sich eine gelbe Telefonzelle, in der sich im Laufe des Abends immer mehr Darsteller zusammenzwängen, was der Running Gag der Inszenierung ist. Überhaupt kommen zahlreiche Telefone vor, teils lediglich als Hörer von der Decke, vor der auch mal eine Ladung Kuscheltiere fällt. Auch die pastellfarbenen Kostüme und die Perücken mit stets großem blonden Farbansatz zeigen deutlich, dass wir uns in den 80ern befinden. Sven Niemeyers spritzige und eckige Choreografien mit Moves von Flamenco bis Aerobic unterstützen die Songs treffend.

Ohne Live-Musik

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Bedauerlich, dass die mit lateinamerikanischen und spanischen Klängen angereicherte Musik der vierköpfigen Band unter der Leitung von Jens Wrede vom Band kommt. Dies ist hoffentlich kein neuer Trend an diesem Haus, denn eine Live-Band rundet einen Musicalbesuch mit Live-Gesang positiv und sinnvoll ab. Der Qualität tut es in diesem Fall glücklicherweise keinen Abbruch.

Überzeugende Besetzung

Aus dem energiegeladenen achtköpfigen Ensemble ragt Katrin Gerken heraus, die ihre Lucía mit taktgenauer, divenhafter Überdrehtheit gibt und dazu über eine kräftige, tiefe Stimme verfügt. Auch ihre Perücken- und Hutwechsel auf der Bühne sind zum Niederknien. Die Gerichtsszene zusammen mit Madeleine Lauw als Paulina mit herrlicher Mimik und akzentuierter Komik gerät so zum Kabinettstückchen par excellence. Als naives, quirliges Model Candela sprüht Sophia Gorgi geradezu vor Power und Anmut. Sie genießt es sichtlich, Carlos den Kopf zu verdrehen. In der zentralen Rolle der bedauernswerten Pepa ist die sympathische Lisa Huk mit ihrem unaufdringlichen Spiel trotz allem Chaos der Fels in der Brandung. Gesanglich setzt sie mit ihren lang gehaltenen Tönen Glanzmomente.

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Die Männer auf der Bühne haben die deutlich schwächer gezeichneten Rollen; dazu fallen sie mit ihren Singstimmen gegenüber den Frauen klar ab. Als alternder Womanizer Iván zeigt Dirk Hoener genau die richtige Portion Macho-Manierismen, so dass ihm die Frauen reihenweise zu Füßen liegen. Den Spagat zwischen Zuneigung zu seiner ruhigen Verlobten Marisa und seiner Faszination für die rassige Candela lotet Pedro Reichert als Carlos punktiert aus.

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Auch wenn die Tragik-Komödie „Frauen Am Rande des Nervenzusammenbruchs“ mit ihrem hohen Tempo und ihrem schrägen Klamauk sicherlich keinen Preis als bestes Musical gewinnen wird, ist es eine willkommene neue Show in Hamburg. Wer sich auf die Geschwindigkeit und den Humor einlässt, erlebt mit dieser gut besetzten und stimmig ausgestatteten Produktion einen kurzweiligen und unterhaltsamen Sommerabend.

„Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ in Hamburg

Uraufführung: 04.11.2010 (Belasco Theatre, New York City)
Premiere in Hamburg: 27.07.2019 (Altonaer Theater)
Besuchte Vorstellung: 01.08.2019
Musik und Liedtexte: David Yazbek
Buch: Jeffrey Lane
Deutsche Übersetzung: Kevin Schroeder
Regie: Franz-Joseph Dieken
Musikalische Leitung: Jens Wrede
Choreografie:
Sven Niemeyer
Ausstattung: Yvonne Marcour, Sabine Kohlstedt
Besetzung: Lisa Huk (Pepa), Katrin Gerken (Lucía), Dirk Hoener (Iván), Sophia Gorgi (Candela), Madeleine Lauw (Paulina), Pedro Reichert (Carlos), Roxana Safarabadi (Marisa), Joseph Reichelt (Malik, Taxifahrer)

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