Am vergangenen Wochenende hatte das Musical „Zucker“ seine Premiere bei den Luisenburg Festspielen in Wunsiedel. Da es sich hierbei nicht nur um eine Premiere auf der traditionsreichen Felsenbühne handelt, sondern auch um eine Uraufführung, welche im Rahmen eines Symposiums rund um das Thema Musical zu sehen war, war vor allem unser Interesse sehr groß.

Worum geht es?

Luisenburg Festspiele / © Florian Miedl

Wie der Titel „Zucker“ schon vermuten lässt, geht es um Zucker. Klingt banal, aber rund um das weiße Gold hat Birgit Simmler eine kurzweilige Liebesgeschichte geschrieben, welche mit einer zweistündigen Laufzeit und ohne Pause kein einziges Mal Langeweile aufkommen lässt. Die Handlung spielt im Jahr 1809 und ist erst in Hamburg und dann in Wunsiedel angesetzt. In Hamburg ist der Geschäftsmann Florentin Schmidt im Zuckerhandel tätig und auch in dessen Schmugglerei verwickelt, jedoch fliegt er auf und muss mit gepackten Koffern in seine Heimat Wunsiedel zurückkehren, wo er versucht mit Unterstützung seiner Familie die alte Zuckersiederei seines verstorbenen Onkels wieder geschäftstüchtig zu machen. Die Geschäfte laufen gut, bis Franzi, ein Mädchen, welche er als seine Sekretärin in Hamburg eingestellt und für die er eine Schwäche hat, in Wunsiedel auftaucht. Was er nicht weiß ist, dass sie es war, die ihn unfreiwillig seinen Job in Hamburg gekostet hat…

Wo kommt das Stück her?

Bei dem Musical handelt es sich um eine Uraufführung. Die Idee stammt von der Intendantin der Luisenburg Festspiele Birgit Simmler, die auch für das Buch verantwortlich war. Zu Beginn hatte ich etwas Schwierigkeiten dem Geschehen zu folgen und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich sehr wenig über die Zeit rund um Napoleon in Deutschland weiß. Auch alles über die Herstellung und den Handel von Zucker hinterließ bei mir zu Beginn des Stückes ein großes Fragezeichen. Leider alles Fakten, die enorme Wichtigkeit für die Handlung des Stückes haben, sobald man jedoch in die Handlung und dessen geschichtlichen Hintergrund gefunden hat, war ich Feuer und Flamme für die Geschichte.

Komposition: Hui oder Pfui?

Paul Graham Brown hat eine solide Komposition verfasst. Vor allem die Eröffnungsnummer, die im Stück des Öfteren wieder angestimmt wurde und von der Inszenierung her stark an „Strandgut“ aus Rebecca erinnerte, blieb doch länger in meinem Ohr hängen als gedacht. Auch sonst liefert der Score wunderbare Soli, schöne Duette und tolle Ensemble-Nummern – die dank der hervorragenden Akustik der Felsenbühne auch gut verständlich waren.

Inszenierung: Top oder Flop?

Luisenburg Festspiele / © Harald Dietz

Offen gestanden ist es lange her, dass ich von einer deutschen Eigenproduktion so begeistert war, wie von „Zucker“. Dank der doch ungewöhnlichen und abstrakten Kulisse der Felsenbühne sowie einer eher einfachen Ausstattung, die dem Zuschauer erlaubt, doch noch ein wenig seine Fantasie zu gebrauchen, war ich regelrecht gefangen von der Welt die mir auf der Bühne präsentiert wurde. Auch erschienen mir die Charaktere – vor allem die Mitglieder von Florentins Familie in Wunsiedel – so herrlich bodenständig und liebenswert, dass ich regelrecht davon abgehalten wurde, einen wirklichen Fehler finden zu wollen. Auch gelang der Spagat zwischen witzigen Klamauk und dramatischen Szenen, wie z. B. der Tod von Franzis Mutter, sehr gut. Vor allem bei vielen deutschen Eigenproduktionen habe ich oft das Gefühl, dass man zwanghaft hin und her springt zwischen dramatischen Szenen und witzigen Ensemble-Tanz-Nummern, was oft gefühlsmäßig nicht so wirklich machbar ist.

Was waren meine Highlights der Show?

Auch wenn an diesem Abend auf der Bühne vieles gefallen hat, ist und bleibt doch die weitreichende und meterhohe Felsenbühne der große Star in Wunsiedel, wodurch eine Szene einen besonderen Gänsehaut-Moment bescherte als aus den verwinkelten Ecken der Bühne französische Soldaten wie aus dem Nichts erschienen und ihre Sehnsucht nach der Heimat in Französisch besangen.

Luisenburg Festspiele / © Harald Dietz

Wie war der Cast?

Allen voran Lukas Sandmann und Marina Granchette in den Hauptrollen Florentin und Franzi spielten und sangen ihre Rollen überzeugend. Wobei die Liebesgeschichte fast ein wenig in den Hintergrund gedrängt wurde, und man zwei eigenständige und glaubhafte Charaktere auf die Bühne zauberte. Auch die restliche Besetzung konnte überzeugen. 

Fazit?

Ich bin mit sehr wenig Erwartungen nach Wunsiedel gefahren und war aufgrund dessen umso begeisterter, was das Kreativteam hier auf die Beine gestellt hat. Ein Stück, welches ich gerne öfter und vielleicht an der einen oder anderen Stelle nochmal überarbeitet sehen würde.

Uraufführung: 16.08.2019 (Luisenburg Festspiele Wunsiedel)
Besuchte Vorstellung: 16.08.2019 (Luisenburg Festspiele Wunsiedel)
Musik & Lyrics: Paul Graham Brown
Buch: Birgit Simmler
Regie: Marc Krone
Choreographie: Simon Eichenberger
Bühnenbild: Karel Spanhak
Kostümbild: Marion Hauer
Musikdramaturgie: Philipp Riedel
Besetzung: Lukas Sandmann (Florentin Schmidt), Marina Granchette (Franzi), Sanni Luis (Elisabeth „Eli“ Brandenburg), Frank Logemann (Bürgermeister Dr. Georg Schmidt), Björn Schäffer (Richard Claudet), Mark Weigel (Stadtrat Reisinger), Patrick Miller (Heinrich Merck), Georg Münzel (Franzis Vater), Matthias Zeeb (Preußischer Wissenschaftler)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Beitragsbild: Luisenburg Festspiele / © Florian Miedl

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.