Nicht nur die Premiere des Musicals „Zucker“ hat uns nach Wunsiedel verschlagen, sondern auch eine Veranstaltung rund um die Perspektiven des Musicals mit dem Untertitel „Zukunft des Theaters oder Ausverkauf der Kultur?“. In äußerst interessanten Vorträgen von nationalen und internationalen Gästen wurde das Thema Musical und deren Zukunftsaussichten besprochen und heiß diskutiert.

Beim Begriff „Musical“ kommen mir viele wichtige Standorte in den Sinn. Während sich die internationale Szene auf New York und London konzentriert, sind es vor allem die Städte Hamburg und Wien, die im deutschsprachigen Raum eine große Rolle spielen. Daneben sind auch unzählige weitere Städte vertreten, betrachtet man die Landkarte der interessanten Musicalproduktionen im deutschsprachigen Raum. Doch Wunsiedel, ein Städtchen mit gut 9.000 Einwohnern im bayerischen Fichtelgebirge, kommt dem eingefleischten Musicalfan nicht wirklich in den Sinn. Einziger Anhaltspunkt könnten noch die alljährlichen Luisenburg Festspiele sein, die über die Sommermonate auf der hiesigen Felsenbühne ein buntes Programm aus Schauspiel, Oper, Sprechtheater und Musical präsentieren.

Mit Birgit Simmler, die seit Herbst 2017 die künstlerische Leitung der Luisenburg Festspiele übernommen hat, soll sich dies jedoch in den nächsten Jahren ändern. Ihr Plan ist es, jedes Jahr eine neue, extra für die Felsenbühne konzipierte Eigenproduktion zu zeigen, und sie startet dieses Projekt mit dem Musical „Zucker“ (unsere Review zum Stück findet ihr hier). Neben dieser Uraufführung fand das diesjährige erste internationale Symposium über das Musicalschaffen statt, worüber wir sehr dankbar waren, teilnehmen und darüber berichten zu dürfen.

„Musical: Morgen-Heute-Gestern“ – Dr. Wolfgang Jansen

Am Freitag begann das Symposium, neben dem Grußwort und dem Besuch des Musicals „Zucker“, mit einem äußerst interessanten Vortrag von Herrn Dr. Wolfgang Jansen mit dem Titel „Musical: Morgen-Heute-Gestern“. Wie der Titel verrät, gab Herr Dr. Jansen dem Publikum einen interessanten Überblick über das Genre im deutschsprachigen Raum und insbesondere über dessen Geschichte. Da es in den folgenden Tagen hauptsächlich um die Perspektiven und die Zukunftsaussichten von Musicals gehen sollte, bekam man hier einen hervorragenden Überblick darüber, was wir in Deutschland bereits geschafft haben. Vor allen bei den internationalen Vorträgen aus anderen Ländern wurde bewusst, dass der deutschsprachige Raum trotz allem ein vielversprechender Markt für das Genre „Musical“ ist.

Wer interessiert ist an diesem Thema, dem sei die Lektüre „Cats & Co. – Die Geschichte des Musicals im deutschsprachigen Raum“, ebenfalls von Herrn Dr. Jansen, ans Herz gelegt.

„So funktioniert Musical im deutschsprachigen Raum“ – Jörg Gade

Nachdem wir nun also bestens über die Vergangenheit des Musicals im deutschsprachigen Raum informiert waren, sollte am zweiten Tag des Symposiums der Fokus auf dem internationalen Bereich liegen. Zuerst gab es jedoch einen Vortrag von Herrn Jörg Gade, dem Intendanten des Theaters für Niedersachsen (TfN), mit dem Vortragstitel „So funktioniert Musical im deutschsprachigen Raum“. Herr Gade ist seit der Spielzeit 2007/2008 Leiter des TfNs und gründete die bundesweit erste und bislang einzige Repertoire-Musical-Company. Gleich vorweg erzählte er, woher seine Leidenschaft für das Genre Musical herrührt, welchen Schwierigkeiten er sich bei der Gründung der Musical-Company gegenübersah und wie der heutige Stand ist.

Herr Gade und seine Musical-Company stehen wohl sinnbildlich für jeden, der versucht, Musicals mit Herzblut für das Genre in Deutschland zu produzieren. Zum einen verkauft sich nur ein bekannter oder aussagekräftiger Titel. Ein Problem, welches nicht nur das TfN besorgt betrachtet, schließlich versucht man hier, insbesondere unbekannte Stücke auf die Bühne zu bringen. Auch Vertreter von Stadttheatern, Stage Entertainment und ganz aktuell an diesem Wochenende die Luisenburg Festspiele haben dieses Problem bemerkt. Somit hörte man von vielen regionalen Stimmen, dass sie das Musical „Zucker“ nicht besuchen, weil sie sich nichts unter dem Titel vorstellen könnten.

Zum anderen gibt es wenig Zusammenarbeit unter den Theater und Nacharbeitungen von Stücken. Denn die meisten Stoffe werden einmal zur Uraufführung gebracht und verschwinden anschließend für immer. Kaum ein zweites Theater nimmt sich dem Stück an und überarbeitet es für eine Neuinszenierung, um eventuell sogar die Qualität des ursprünglichen Stoffes zu verbessern. Deswegen wurden über Konzepte zu Koproduktionen, Workshops und Try-Outs, wie wir sie aus dem englischsprachigen Raum kennen, nachgedacht. Ein interessanter Input kam hier auch von Ryan Scott Oliver aus New York, der meinte, dass er vor Jahren „Hadestown“ am Off-Broadway gesehen hatte und es gut, aber nicht herausragend fand. Erst 6 Jahre später und nach mehrfacher Überarbeitung an verschiedenen Theatern wurde es zu einer der momentan am heißesten begehrten Shows am Broadway.

Auch wird die geringe Wertschätzung des Musicals beklagt. Sei es nun intern bei Theatermachern, beim Publikum oder auch in der Politik. Musical hat auch nach vielen Jahren noch Probleme, genauso anerkannt zu sein wie die Oper oder das reine Sprechtheater. In diesen Theatersparten werden „Experimente“, also Werke von neuen Autoren oder außergewöhnliche Inszenierungskonzepte, viel eher akzeptiert als „Musical-Experimente“. Das Musical, das in den allermeisten Theatern (Ausnahme ist beispielsweise das TfN) keine eigene Sparte hat, sondern an die Musiktheater-Sparte angegliedert ist, sieht sich oft mit dem Druck konfrontiert, Geld einzuspielen, um die anderen Produktionen der Theater zu finanzieren. Dieser kommerzielle Druck setzt sich auch bei den Autoren fort, die förmlich „Kassenschlager“ schreiben müssen und dabei in ihrer Kreativität eingeschränkt werden.

Als Herr Gade die Sparte Tanz in seinem Theater abschaffte, um die Musical-Company zu gründen, sah er sich vielen Skeptikern gegenüber. Hier bekommt man fast das Gefühl, in einer Teufelsspirale zu sein. Man möchte neue Stücke mit ernstzunehmenden Themen spielen, jedoch interessiert sich das Publikum nicht für Musicals, deren Titel ihnen nichts sagt. Auch die Intendanten könnten etwas experimentierfreudiger sein und den Musicals ihre Stellung als eigenständige Kunstform, in der auch anspruchsvolle Stoffe entwickelt werden, zusprechen.

„Querdenken und Erfolg“ – Ryan Scott Oliver

Weiter ging es mit dem Komponisten Ryan Scott Oliver aus New York. Da am Theater für Niedersachsen erst Anfang des Jahres die europäische Erstaufführung seines Musicals „Jasper in Deadland“ gezeigt wurde (unser Review findet ihr hier), war dies ein schöner Übergang zum vorherigen Vortrag von Herrn Gade. Da das Genre Musical in den USA eine ganz andere Wertschätzung genießt als bei uns in Deutschland, war es sehr interessant, einen Einblick vom amerikanischen Raum zu erhalten. Hier erscheint die Begeisterung auch eine ganz andere zu sein und vor allem bei Ryan Scott Oliver merkt man, dass er Musicals nicht nur schreibt, weil er es ganz gut kann, sondern weil er es liebt.

Auch im anschließenden Gespräch mit Lisanne Wiegand, die sein Stück „Jasper in Deadland“ übersetzt hat, merkt man, dass man zwei junge Menschen auf der Bühne sitzen hat, deren Begeisterung für das Genre „Musicals“ groß genug ist, um auch unentgeltlich dafür etwas zu tun. Ryan Scott Oliver schreibt Musicals, auch wenn er keinen Auftrag dafür hat, und Lisanne Wiegand hat praktisch im Alleingang die Übersetzung für „Jasper in Deadland“ angefertigt, nachdem sie das Stück in New York am Off-Broadway gesehen hat. Dank der Schreibmaschine in Berlin, wo sie ihre Übersetzungen vorgestellt hat, ist dann das TfN auf das Stück aufmerksam geworden.

„Kommerz und freie Szene – großes und kleines Format“ – Albert Guinovart

Weiter ging es mit einem Vortrag über eine Szene, die mir gänzlich unbekannt war, nämlich die spanische. Albert Guinovart erzählte uns hier von seinen Erfolgen mit seinen Eigenproduktionen, die äußerst erfolgreich in Barcelona in der dortigen „Off-Szene“ laufen, während in Madrid die großen Produktionen von Stage Entertainment etabliert sind. Im Gespräch mit Hartmut H. Forche, der sein in Spanien äußerst erfolgreiches Musical „Mar i Cel“ nicht nur ins Deutsche übersetzt, sondern auch in Halle im Jahr 2007 inszeniert hat, kamen viele interessanten Themen insbesondere zum spanischen Musical zur Sprache.

„Musical: Import und Export – Italien und der Rest der Welt“ – Alessio Imberti

Nach Spanien bekamen wir auch einen kurzen Eindruck von dem Genre in Italien. Hier gewährte uns Alessio Imberti, welcher Geschäftsführer der „Compagnia della Rancia“, der größten Musical-Produktionsfirma Italiens ist, einen kurzen Einblick. Während wir in Deutschland zwar noch weit hinter New York und London hinterherhinken, lassen uns die Einblicke aus Spanien und Italien doch ein wenig dankbar sein für das was, wir im deutschsprachigen Raum bereits geschafft haben. Insbesondere in Italien haben es Musicals sehr schwer und nur selten gelingt sowohl ein kreativer als auch ein kommerzieller Erfolg. Der letzte nennenswerte Erfolg war das Musical „Pinocchio“, welches im nächsten Jahr auch bei den Luisenburg Festspielen in Wunsiedel zu sehen sein wird.

„Vom Text zur Bühne – Stückentwicklung von Musicals in England“ – KS Lewkowicz und Judith Johnson

Nach Beiträgen aus den USA, Spanien und Italien kam nun ein Markt, der mir noch am vertrautesten von allen war, nämlich der englische. Hier hat man Judith Johnson und KS Lewkowicz eingeladen, die seit mehreren Jahren zusammen Musicals kreieren, und gewährten einen kurzen Einblick in ihre Arbeitsabläufe von dem Stückfinden bis hin zum fertigen Produkt auf der Bühne. Das Hauptaugenmerk lag hierbei auf ihrem Musical „Goodbye Barcelona“, welches nach seiner erfolgreichen Uraufführung im Londoner Arcola Theatre auch in Barcelona und Madrid zur Aufführung kam. Eine Aussage der beiden überraschte mich doch sehr, nämlich, dass man selbst in London, wo das Musical mehr oder weniger boomt, großen bürokratischen Problemen gegenübersteht und man begeistert von dem Theatersystem in Deutschland ist.

„Musical: Kunst vs. Kommerz“ – Andrea Pier und Cusch Jung

Obwohl es sich um ein internationales Symposium handelte, wurde die Diskussion zwischen Cusch Jung, Chefregisseur an der Musikalischen Komödie Leipzig und Andrea Pier, Executive Producer für Stage Entertainment, wohl mit der größten Spannung erwartet. Während Cusch Jung zwar immer wieder versuchte, zumindest ein wenig in die Richtung Streitgespräch zu gehen, entschuldigte er sich am Ende regelrecht dafür, dass man hier einfach nicht streiten kann, da man letzten Endes doch das gleiche Ziel verfolgte und gutes Musical machen will, die Rahmenbedingungen jedoch völlig unterschiedlich sind. Auch das Publikum war nicht wirklich dafür, einen Großkonzern wie Stage Entertainment an den Pranger zu stellen oder ein sogenanntes „Stage-Bashing“ zu betreiben, vor allem, weil Andrea Pier auf alle gestellten Fragen wie Marketing, Ticketing sowie Spielplangestaltung mit sachlichen und nachvollziehbaren Argumenten antwortete.

Vor allem mit den vorangegangenen Beispielen aus Spanien und Italien und sogar aus England und Amerika muss man betonen, wie glücklich wir uns schätzen können, eine so große Bandbreite an verschiedenen Musical-Anbietern aus Stadttheatern, Amateurproduktionen und Großkonzernen wie Stage Entertainment und Mehr-BB Entertainment zu haben. Alle genannten Musical-Anbieter, von denen auch viele Vertreter im Publikum saßen, waren sich einig, dass man sich letzten Endes die Zuschauer nicht wegnimmt, sondern jeder eine ganz andere Zielgruppe bedient bzw. die Erwartungshaltung an den Theaterabend eine ganz andere ist, weswegen es Unsinn wäre, sich zu streiten, weil der eine Anbieter angeblich mehr „Kommerz“ verkörpert als der andere.

Abschließende Podiumsdiskussion

Wie groß der Bedarf nach Austausch ist, zeigte sich auch in der abschließenden Podiumsdiskussion mit allen Gästen. Hier wurde z. B. fleißig diskutiert, warum Musicals in Amerika und London so gut funktionieren und was wir in Deutschland tun müssen, um einen ähnlichen Hype rund um das Musical zu erzeugen, was wir vielleicht aus der Vergangenheit lernen können und dass alle im Endeffekt den gleichen Problemen gegenüberstehen.

Vermutlich würden wir heute noch in Wunsiedel zusammensitzen und die „Erfolgsformel“ für Musicals in den nächsten Jahren ausdiskutieren, wenn Frau Simmler nicht irgendwann zu später Stunde die Runde aufgelöst hätte. Ich bin auf jeden Fall mit vielen neuen Erkenntnissen aus diesem Tag herausgegangen, habe alte Ideen wieder aus meinem Kopf hervorgekramt und habe gelernt, dass die Branche in Deutschland so großartig sein könnte, wenn man uns mehr Raum geben würde. Sei es nun kreativer Raum, um Musical-Ideen auszuarbeiten, oder ein wirklicher Raum, in dem Probleme angesprochen und gemeinsam Lösungen gefunden werden können. Denn wenn dieses Wochenende in Wunsiedel eines gezeigt hat, dann, dass man solche Symposien, Diskussionsrunden und Workshops rund um das Thema viel öfter veranstalten müsste. Der Diskussionsbedarf ist definitiv gegeben!

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.