Gil Mehmerts Inszenierung von „Catch Me If You Can“ ist mit Riccardo Greco, Alen Hodzovic und Dirk Weiler in den Hauptrollen von Nürnberg nach Darmstadt gezogen. Das Stück ist ein sehr gutes Beispiel einer gelungenen Film-Adaption auf der Bühne. Mit ausschließlich Musicalprofis wird großen Wert auf die Shownummern gelegt. Die schwungvolle Jagd auf den Betrüger Frank Abagnale Jr. wird so zum Genuss.

© Nils Heck

Fang mich doch, wenn du es schaffst. Das auf wahren Begebenheiten beruhende Katz- und Maus-Spiel über den in den 1960er Jahren von Ermittler Carl Hanratty gejagten Hochstapler Frank Abagnale Jr. wird in Marc Shaimans, Scott Wittmans und Terrance McNallys Musical „Catch Me If You Can“ aus dem Jahr 2011 beschrieben. 1980 als Biografie erschienen, erlangte der Stoff durch die Verfilmung im Jahr 2002 mit Leonardo DiCaprio und Tom Hanks große Bekanntheit. Am Staatstheater Darmstadt ist das Stück nun als Übernahme der Oper Nürnberg – wo es in der letzten Saison auf dem Spielplan stand (Link zu unserem Review) – zu sehen. Besonders bemerkenswert bei dieser Produktion ist, dass sowohl das Kreativ-Team als auch die gesamte Besetzung aus Musical-Experten besteht. Dies unterstreicht den hohen Stellenwert und die Etablierung des Genres Musicals an beiden Häusern.

© Nils Heck

Betrug mit guten Absichten

Frank Abagnale Jr. ist auf der Flucht – vor der Polizei, vor seiner Vergangenheit, vor sich selbst. Inspiriert von seinem Vater, begann er bereits als Jugendlicher im kleinen Rahmen zu tricksen um als junger Erwachsener zum meistgesuchtesten Scheckbetrüger seiner Zeit zu avancieren. Zudem gibt er sich – wie von einer Sucht besessen – erfolgreich als Pilot, Arzt und Rechtsanwalt aus. Wie kam es dazu? Seine Eltern trennten sich als er 16 war und er wurde damit aus seiner heilen Welt gerissen. Mit seinem Vater, von dem er viele Tricks gelernt hat, geht es gesellschaftlich und wirtschaftlich bergab und Frank Jr. möchte ihm unter die Arme greifen. Er glaubt, seine Eltern damit wieder zusammenbringen zu können.

Seine Intention ist grundsätzlich gut. Die Rolle avanciert als klarer Sympathieträger und das Verbrechen wird daneben zum Mythos stilisiert – kein Mensch kommt dabei zu Schaden. Genauso fiebert der Zuschauer mit seinem Gegenspieler mit, dem FBI-Agenten Carl Hanratty. Den schrulligen Ermittler und Frank Jr. verbinden die jeweilige Einsamkeit und der Eifer für ihre Sache. Am Ende bietet Hanratty Frank Jr. ein „Leben“ beim FBI, wo er seine Fähigkeiten für die andere Seite einsetzen kann, und beide werden gute Freunde.

© Nils Heck

Show steht im Vordergrund

Anders als der Film ist die Bühnenversion als Fernsehshow der 60er Jahre mit der starken Eröffnungsnummer „Live und ganz in Farbe“ geschrieben, die von Frank und teilweise auch von Carl moderiert wird. Regisseur Gil Mehmert (Co-Regie Till Kleine-Möller) hebt diese Shownummern durch Handmikrofon inkl. Ständer, Glitzervorhänge, Discokugeln, Background-Sängern sowie der sichtbar auf der Bühne platzierten Band noch hervor. Dies verstärkt den Showcharakter und passt gut in die USA der 60er Jahre. Das Verhältnis zwischen Frank Jr. und seinem Vater und später zu Brenda ist ein weiteres zentrales Thema dieser Inszenierung. Die Geschichte der beiden Mäuse, von der nur eine durch List und harte Arbeit überlebt, zieht sich als Franks Lebensmotto wie ein roter Faden durch die Handlung.

© Nils Heck

Musicalprofis am Werk

Mit Leichtigkeit und großer Präsenz meistert Riccardo Greco den Mammutpart des Frank Jr.. Mit seiner sehr angenehmen, strahlenden Singstimme, gerade in der Höhe, wird vor allem der Song „Sieben Wunder“ zum Genuss. Dazu verfügt er auch über die notwendige Power für den Final-Song „Goodbye“. Seine Tricksereien bringt er ungeheuer verschmitzt und somit sympathisch rüber. Ein überzeugendes Rollendebüt! In Nürnberg als Roger Strong gecastet, ist der große und schlaksige Alen Hodzovic in Darmstadt zur zweiten Hauptrolle des Antagonisten Carl Hanratty aufgestiegen. Damit ist er was Alter und Figur angeht gegen den bisherigen Rollentyp besetzt. Mit breitem Dauergrinsen und übertriebenem Lachen drückt er der Figur seinen eigenen Stempel auf. Herrlich ist seine Tanzeinlage bei „Brich kein Gesetz“ mit unglaublich elastischen Beinen, und auch die ruhigen Momente wie „Der Mann da drin im Müll“ bringt er gefühlvoll auf die Bühne. Als Franks Mutter Paula spielt Anaïs Lueken verführerisch mit glaubhaftem französischem Akzent. Bei „Lass von dir hören!“ glänzt sie mit ihren drei Bühnenpartnern gesanglich und in den Paartanz-Elementen.

Einige Darsteller haben ihre Rollen bereits in Nürnberg verkörpert und sind daher gut eingespielt. Mit sonorer Stimme und nachvollziehbar verkörpertem sozialem Abstieg gefällt Dirk Weiler als Frank Sr., für den Betrug ein Spiel ist und einfach zum System gehört. Inga Krischke ist eine anrührend naive Brenda Strong, die ihren Solo-Song „Flieg“ zum Showstopper werden lässt. Tanja Schön macht als überdrehte Carol Strong in ihrem hellgrünen Kleid eine exzellente Figur. Heiliger Strohsack!

© Nils Heck

Ausstattung punktet

Bühne und Kostüme sind ebenfalls deutlich an die 60er Jahre angelegt. Durch das Augenmerk auf den Showcharakter kommen neben den bereits beschriebenen Elementen wie den Discokugeln auch Studiolampen, Glitzerkostüme sowie grelle Scheinwerferspots zum Einsatz. Die Bandmitglieder sitzen hinter Werbetafeln, die die Buchstaben „FWA“ für Frank William Abagnale Jr. tragen.

Die körperbetonten, pastellfarbenen Kleider der Damen sind hübsch anzusehen und durch die immer wieder neu angeordneten grünen Sitzmöbel ergeben sich rasch wechselnde Spielorte. Zwei Treppen an den Seiten führen auf eine bespielbare Empore mit einer Drehtür darunter. Dazu werden eine kleine Bar aufgeklappt und verschiedene Atmosphären durch originelle und teils amüsante Hintergrund-Projektionen geschaffen. Bemerkenswert ist der Schreibtisch als voll besetztes Polizeiauto sowie die auf drehenden Barhockern singenden Carl und Frank Sr.

© Nils Heck

Am Staatstheater Darmstadt wird mit „Catch Me If You Can“ das Genre Musical so geboten wie man es sich wünscht. Damit macht diese Produktion den großen Shows hierzulande echte Konkurrenz. Das ist Musical am Stadttheater at its best – live und ganz in Farbe!

„Catch Me If You Can“ in Darmstadt

Uraufführung: 10.04.2011 (Neil Simon Theatre, New York)
Besuchte Vorstellung: 21.09.2019 (Premiere am Staatstheater Darmstadt)
Musik: Marc Shaiman
Liedtexte: Marc Shaiman, Scott Wittman
Buch: Terrence McNally
Deutsche Übersetzung: Werner Sobotka
Musikalische Leitung: Michael Nündel
Regie: Gil Mehmert
Co-Regie: Till Kleine-Möller
Choreografie: Meslissa King
Choreografische Einstudierung: Yara Hassen
Kostüme: Falk Bauer
Bühne: Jens Kilian
Videoprojektionen: Fufu Frauenwahl
Besetzung: Riccardo Greco (Frank Abagnale Jr.), Alen Hodzovic (Carl Hanratty), Dirk Weiler (Frank Abagnale Sr. / Agent Branton), Anaïs Lueken (Paula Abagnale), Inga Krischke (Brenda Strong), Markus Schneider (Roger Strong / Agent Dollar), Tanja Schön (Carol Strong), Tim Hüning (Agent Cod / Jack Barnes)

Weitere Infos und Karten erhaltet ihr hier.

Beitragsbild: © Nils Heck