Von Markus Zeller

Wenn ein ausgewiesener Musicalfachmann wie Gil Mehmert mit der Inszenierung „des“ Frank-Wildhorn-Musicals schlechthin beauftragt wird, ist klar, dass man es ernst meint. Und es ist ebenso klar, dass das auf der Bühne Dargebrachte Bezug zu Werk und Musik haben wird – Regietheater-Verfremdungen sind glücklicherweise nicht zu erwarten. Da verwundert es nicht, dass diese Inszenierung schon alleine in optischer Hinsicht bewährte Wege einschlägt: Jekyll hat zum Zopf gebundene lange Haare zwecks Transformations-Headbanging, Lucy hat lange offene rote Haare und trägt vorzugsweise Strapse und Lisa ist ganz und gar der romantisch-viktorianische Sonnenschein. Wenn diese Rollen auch noch mit Top-Stars der Szene besetzt werden, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Zumal auch beim Bühnenbild geklotzt wurde, was die Technik des Hauses hergibt. Um es vorwegzunehmen: Es ging auch nicht schief, „Jekyll & Hyde“ an der Oper Dortmund ist eine sehenswerte Produktion mit fabelhaften Stimmen, einem tollen Orchester und einer soliden Inszenierung.

© Theater Dortmund

Wer jedoch angesichts von solch ambitionierten Rahmenbedingungen mehr von dieser Produktion erwartet, wird ein großes Stück weit enttäuscht. Nach über 20 Jahren Rezeptionsgeschichte hätte diesem Werk ein bisschen mehr Mut zur szenischen Erneuerung gut getan. Obwohl es der Show ohnehin nie an Bühnentechnik gefehlt hat, die deutschsprachige Original-Inszenierung bot immerhin ein Feuerwerk davon, ist die Bühne von Jens Kilian das hervorstechendste Merkmal dieser Produktion. Auf der viergeteilten Drehbühne stehen konkret gestaltete Spielflächen zur Verfügung, die je nach Bedarf nach vorne gefahren werden und hierdurch nahtlose Übergänge ermöglichen. Das ist für sich genommen natürlich zunächst einmal eine beeindruckende Bühnenmaschinerie, die hier in Gang gesetzt worden ist. Die Frage ist nur, ob sie außer dem erwähnten Fluss einen Mehrwert für das Stück mit sich bringt. Dies darf zumindest angezweifelt werden, denn die szenische Einrichtung ist merklich oft davon getrieben, die Darsteller punktgenau in ihr richtiges „Bühnen-Tortenstück“ zu bugsieren. Zudem nutzt sich der anfängliche Wow-Effekt ziemlich schnell ab, mit zunehmender Spieldauer ist das ständige Anfahren des für die jeweilige Szene benötigten Bühnenbildes schlichtweg enervierend. Ein wirklich großartiger Effekt hingegen stellt sich ein, wenn die Drehbühne nach oben gefahren wird und sich in Gestalt von Jekylls Labor eine dampfende und brodelnde Unterwelt auftut. Zieht man Freuds Strukturmodell der Psyche heran, handelt es sich hierbei um eine wunderbare Allegorie für das triebhafte, destruktive Es – dort unten im Labor liegt der Ursprung von Hyde.

© Theater Dortmund

Leider keine wirklich neuen Ideen

Eine ebenfalls sehr schöne Inszenierungsidee, wie sie auch schon beim 2013-er Broadway-Revival des Stückes zu sehen war, ist der einleitende Auftritt der durch und durch verlogenen und moralisch verrotteten Oberschicht in schnöder Unterwäsche. Erst danach streifen sich Lady Beaconsfield, General Lord Glossop und Co. ihre Kleidung und somit ihre großbürgerliche Fassade über. Die Mordserie zu „Mörder, Mörder“ ist Business as usual und ein wenig spannungsarm geraten, einen wirklich in der Ausführung einer Bluttat überraschenden Moment hat sie nicht zu bieten. Die Konfrontations-Szene präsentiert sich bei der Premiere aufgrund einer technischen Panne, wodurch sich David Jakobs improvisierend irgendwie durchmogeln muss, leider völlig vermurkst. Die bei der Premierenveranstaltung bereits in Stellung gebrachte Spiegelwand lässt darauf schließen, dass sich die szenische Auflösung ebenfalls am Broadway-Revival orientiert und Jekyll mit einem auf die Spiegelwand projizierten Hyde gesanglich kommuniziert. Schade, dass es nicht geklappt hat.

© Theater Dortmund

Die Songs „Mädchen der Nacht“ und „Die Welt ist völlig irr“ sind gestrichen, wohl aus dem Grund, dass sie nicht gerade unter Generalverdacht stehen, die Handlung massiv voranzutreiben. Wie üblich bleibt der Nummer „Ein Gefährliches Spiel“ dieses Schicksal erspart, obgleich auch in dieser Inszenierung unklar bleibt, welch gefährliches Spiel Lucy und Hyde da eigentlich miteinander treiben. Trägt Lucy eine wie auch immer geartete Todessehnsucht in sich? Wohl eher nicht, besingt sie doch voller Inbrunst ihr „neues Leben“. Oder findet sie Gefallen an einer sexuell härteren Gangart im Unterwerfungsmodus? Dass der Hyde in Jekyll dies goutieren würde, steht außer Frage. Aber trifft dies auch für Lucy zu? Das wiederum erscheint ganz und gar absurd, denn nach welch „verbotenen Freuden“ könnte sich eine Hure wie Lucy noch sehnen, die ihr nicht schon längst aufgezwungen worden wären? Welch männlichen Körper könnte sie noch begehren, den von Hyde? Vielmehr ist doch davon auszugehen, dass sie in all dem Dreck und Elend, in dem sie Männer erlebt, nur noch Abscheu für sie empfinden muss – dies ist auch der Grund dafür, warum sie den um Fürsorge bemühten Jekyll liebt. Obgleich der Song mit Lisa als Verführungsobjekt hinsichtlich des Plots auch nicht funktionieren würde, könnte diese Figur, eine wohlerzogene Tochter aus gutem Elternhaus, zumindest eine sexuell weniger ausgedeutete Persönlichkeit in die Szene mit einbringen, was letztlich auch der Beziehung zu Jekyll, oder eben auch Hyde, eine völlig neue Dynamik geben würde. Der Song, der in einer der frühesten Fassungen des Werkes noch Sinn gemacht haben mag und einen Beitrag zur Schwarzen Romantik des Stückes darstellt, funktioniert einfach nicht mehr. Auch in Dortmund misslingt die Nummer veritabel, denn das unfreiwillig komische Popowackeln von Lucy, das wohl hochschießende Lust über die Rampe bringen soll, ergründet auch nicht diese inhaltliche Leerstelle.

© Theater Dortmund

Hyde nicht von der Leine gelassen

In der Titelrolle steht David Jakobs auf der Bühne, der sicherlich zum Spannendsten gehört, was das deutschsprachige Darsteller-Personal derzeit zu bieten hat. Insofern irritiert es ein wenig, dass die Figur des Hyde seltsam undefiniert bleibt. Einmal schnaubt er Lisa wie ein gefräßiges Raubtier ins Gesicht, das andere Mal agiert er als der selbstkontrolliert-zynische Psychopath, der selbstverliebt mit seinem Geh- bzw. Schlag- bzw. Stich-Stock posiert. Zu konstatieren bleibt, dass Jakobs‘ Hyde nie völlig entfesselt ist, er agiert mit beängstigender Ruhe und nicht mit archaischer Urgewalt. Auch als Jekyll gibt es zunächst Luft nach oben: Das Leid des Vaters beobachtet er lediglich mit einem wissenschaftlichen Interesse und nicht mit der quälenden Sorge des Sohnes und in sein Engagement um die Genehmigung des Antrages 929 könnte er ein wenig mehr Besessenheit und Leidenschaft legen. Ein Höhepunkt hingegen ist seine Interpretation des Klassikers „Dies ist die Stunde“, der sich auch in inszenierten Bühnenaufführungen oft auf eine spannungsarme Gala-Nummer reduziert. Jakobs hingegen formt diesen Song Zeile für Zeile und gestaltet ihn sehr intelligent aus, was die Nummer so fesselnd wie schon lange nicht mehr macht. Wozu Jakobs in der Lage ist, zeigt sich vor allem im zweiten Akt, wenn Jekyll erkennen muss, dass ihm das Experiment endgültig entgleitet. Als getriebener Jekyll ist sein Spiel am zupackendsten und entfaltet eine ungeheuer intensive Sogwirkung, wie man sie sich für das gesamte Rollenporträt gewünscht hätte. Seine exzellente und kraftvolle Stimme indes überzeugt durchweg.

© Theater Dortmund

 

Großartige Stimmen zu üppigen Melodien

Mit ebenso starker Stimme changiert Bettina Mönch als Lucy gesanglich gekonnt zwischen großer Wucht und gefühlvoller Sehnsucht. Innerhalb der Solistenriege ist es sicherlich Mönch, die dem Affen am meisten Zucker gibt, ihre Auftritte sind voller Leidenschaft und Kraft. Zudem stellt sie sehr schön heraus, dass sich Lucy in all ihrem Elend eine empfindsame Seele bewahrt hat, die die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht aufgegeben hat. Es ist zutiefst anrührend, wie Mönch mit zarten fragilen Tönen zum Ausdruck bringt, dass Lucy eine große Unsicherheit darüber spürt, ob sie sich diesen Wunsch überhaupt zu wünschen trauen darf. Für die Lisa eine Darstellerin vom Kaliber einer Milica Jovanović zu verpflichten, stellt selbstredend einen Luxus dar. Der Besucher der Show kann sich freuen – ihr lyrischer und traumwandlerisch sicherer Sopran ist eine wahre Ohrenweide. Leider hat sie in dieser Rolle nicht viel zu spielen und dementsprechend unterfordert ist sie in dieser Hinsicht. Dass Lisa heutzutage weitaus emanzipierter und stärker angelegt ist als in den früheren Fassungen, was Jovanović auch gekonnt zum Ausdruck bringt, hat sich schon seit längerer Zeit etabliert. Morgan Moody gibt mit großer Präsenz und kraftvoller Stimme Jekylls Freund Utterson. Stride ist in dieser Inszenierung nicht wie früher der Verschmähte Lisas. Das ist sehr schade, denn das, was von Florian Sigmund in dieser nunmehr reduzierten Rolle noch zu sehen und zu hören ist, hätte aus ihm einen wunderbaren fies-aggressiven Widersacher von Jekyll gemacht. Auch Nellie und Spider, rollendeckend gespielt und gesungen von Jessica Trocha und Alejandro Fernández, bleiben reine Randfiguren.

© Theater Dortmund

Eine große Freude bereitet es, dieses Stück wieder einmal in einer großen Orchesterfassung zu hören. Die Dortmunder Philharmoniker bedienen unter der Musikalischen Leitung von Philipp Armbruster vortrefflich die üppig-ausladende Melodienlandschaft von Frank Wildhorn. Die Choreografie kann naturgemäß am meisten in der Roten Ratte glänzen, wofür Simon Eichenberger einige Kit-Kat-Club-Anzüglichkeiten einstudiert hat. Die stückgerecht entworfenen Kostüme von Falk Bauer sind prachtvoll für die Oberschicht und verdreckt für Londons Unterwelt. Eine Herkulesaufgabe dürfte es für die Kostümabteilung gewesen sein, den vielköpfigen Opernchor, der sich äußerst spielfreudig zeigt, sowie die Statisterie einzukleiden.

„Jekyll & Hyde“ in Dortmund ist also in vielerlei Hinsicht einen Besuch wert. Unterm Strich bleibt jedoch der Eindruck, dass das große Potential dieser Produktion nicht völlig ausgeschöpft worden ist.

© Theater Dortmund

„Jekyll & Hyde“ in Dortmund

Uraufführung: Mai 1990 (Alley Theatre, Houston)
Besuchte Vorstellung: 12.10.2019 (Premiere im Theater Dortmund)
Musik: Frank Wildhorn
Liedtexte: Frank Wildhorn, Leslie Bricusse, Steve Cuden
Buch: Leslie Bricusse
Deutsche Übersetzung: Susanne Dengler, Eberhard Storz
Musikalische Leitung: Philipp Armbruster
Regie und Choreografie: Gil Mehmert
Choreografie: Simon Eichenberger
Bühne: Jens Kilian
Kostüme: Falk Bauer
Besetzung: David Jakobs (Henry Jekyll / Edward Hyde), Bettina Mönch (Lucy Harris), Milica Jovanovic (Lisa Carew), Tom Zahner (Sir Danvers Carew), Morgan Moody (Gabriel John Utterson), Jessica Trocha (Nellie), Mario Ahlborn (Bischof von Basingstoke), Nico Fernandez (Spider / Prister), Florian Sigmund (Simon Stide / Polizist), Johanna Schoppa (Lady Beaconsfield), Georg Kirketerp (Lord Savage), Johannes Knecht (General Lord Glossop), Thomas Günzler (Sir Archibald Proops), Nico Hartwig (Poole / Bisset / Polizist)

Weitere Infos und Karten erhaltet ihr hier.

Beitragsbild: © Theater Dortmund