Man nehme eine Geschichte Shakespeares und die Musik von Cole Porter. Heraus kommt eine kunterbunte Liebeskomödie mit durchaus fragwürdigem Ende. Das Staatstheater Darmstadt feierte im Oktober 2019 die Wiederaufnahme des Musical-Klassikers „Kiss Me Kate“ in einem Spagat zwischen historischer Vorlage und moderner Interpretation.

Basierend auf William Shakespeares Stück „Der Widerspenstigen Zähmung“ kreierte kein geringerer als Cole Porter ein Musical, das schon seit Jahren von Theaterhäusern als Klassiker des Musiktheaters inszeniert wird. Der unter anderem für „Anything Goes“ oder „High Society“ bekannte Komponist verlegt die Handlung des in Italien spielenden Theaterstücks ins US-amerikanische Baltimore an die Ostküste. Dort studiert eine Musicalgruppe den Shakespeare-Klassiker unter der Leitung des Regisseurs Fred Graham ein. Der spielt ebenfalls die männliche Hauptrolle des Petruchio, während seine mittlerweile als Star gefeierte Exfrau Lili Vanessi für die Rolle der Katharina engagiert wurde. Die Zankereien des zerstrittenen Ex-Ehepaares finden ein jähes Ende, als Lili Blumen von Fred in die Garderobe geliefert bekommt. Die waren jedoch für Louis Lane bestimmt, die im Musical die Rolle der Bianca übernimmt und obendrein Freds Geliebte ist. Während der Premiere des Musicals stößt Lili auf die Wahrheit und macht ihrem ehemaligen Gatten auf der Bühne nunmehr das Leben schwer.

Nils Heck

Schlag nach bei Shakespeare

Die Idee eines Stücks im Stück ist immer wieder schön anzusehen, gibt sie doch den Schauspielern die Möglichkeit, die vierte Wand zu durchbrechen – wie es hier mit Ansprachen Grahams an den Dirigenten oder Anspielungen auf das Publikum Darmstadts geschieht. Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ spiegelt passenderweise den Konflikt der Hauptcharaktere in seiner Erzählung wider. In Italien werben drei Verehrer um Bianca, Tochter des reichen Kaufmanns Baptista. Jedoch ist dessen älteste Tochter Katharina noch unverheiratet, da sie ein wahres Teufelsweib zu sein scheint. Der durchreisende Petruchio heiratet sie dennoch, um sich die Mitgift zu sichern, da er unter Geldsorgen leidet. Die Widerstände Katharinas gegen die Heirat und die Abscheu Lilis gegenüber ihrem Exmann vereinen sich in einer Person und sorgen für eine pannenreiche Premiere. Ob Petruchio Katharina am Ende zähmt und Lili und Fred wieder zueinander finden, erfährt der Zuschauer nach drei Stunden Spielzeit. Ja, das Stück ist lang. Aber es gibt ja auch viel zu erzählen.

© Nils Heck

Die Musik Cole Porters verbindet historische Klänge wie „Ich Will Mich Reich Beweiben Hier In Padua“ mit modernen Liebesduetten, die wirklich ganz wunderbar anzuhören sind. Es bleibt einzig und allein die Frage zurück, warum ein Teil der Songs auf Deutsch, der andere auf Englisch performt wurde. Mögen die englischen Originale auch besser klingen als hölzerne Übersetzungen, eine künstlerische Funktion des Hin- und Herwechselns zwischen den Sprachen konnte sich mir nicht erschließen.

Die Zähmung der Frau im 21. Jahrhundert

Die Darmstädter Inszenierung bleibt der historischen Vorlage treu, ohne den Bezug zur Gegenwart zu verlieren. Die Schauspieler agieren auf einer imposanten Drehbühne, die geschickt zwischen den Perspektiven der Figuren wechselt und sowohl Blicke „hinter die Bühne“ als auch auf das fiktive Publikum gewährt. Die Kulissen zu Shakespeares Stück, sei es nun Häuschen oder Kirche, erinnern in ihrem zeichnerischen Stil an mittelalterliche Märchenaufführungen. Das Lichtdesign rundet den Gesamteindruck ab und auch einige Tanz- und Stepeinlagen dürfen ebenfalls nicht fehlen. Vor allem die an Chicago erinnernde Eröffnungsszene des zweiten Aktes mit „Too Darn Hot“ bleibt im Gedächtnis.

© Nils Heck

Das sehr zahlreich bestückte Ensemble ist bis in die Nebenrollen gut besetzt. Allen voran Sopranistin Rebekka Reister als Lili Vanessi und Bariton Jörg Sabrowksi als Fred Graham überzeugen sowohl schauspielerisch als auch gesanglich auf ganzer Linie. Lilis Nebenbuhlerin Louis Lane – besetzt mit Beatrice Reece – und deren Freund Bill Calhoun – gespielt von Arvid Assarsson – machen ihre Sache ebenfalls gut. Garderobier Paul (Daniel Dodd-Ellis) bringt die Stimmung mit „Too Darn Hot“ zum Kochen, während die beiden Ganoven Michael Pegher und Georg Festl für einige Lacher sorgen.

Nur kein Mann

Das größte Problem an „Kiss Me Kate“ ist das Musical selbst. Sowohl Porters Werk als auch Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ sind aufgrund ihrer misogynen Strukturen als „Problemstücke“ bekannt. Ohne zu viel verraten zu wollen, bleibt folgende Szene im Gedächtnis. An einem bestimmten Punkt im Musical kehrt Katharina reumütig zu ihrem Petrucchio zurück und verkündet „Ich schäme mich, dass wir Frauen so einfach sind“. Dieser Schlüsselmoment spiegelt auch Lilis Reue gegenüber Fred wider. Was zu Shakespeares Zeiten noch normal war, hätte spätestens Cole Porter anders darstellen können. Nun gut, ist es doch die Kultur, die vergangene Gesellschaftsstrukturen aufzeigt und zum Nachdenken anregt. Das erkennt auch Regisseur Erik Petersen. Und so antwortet Fred auf Lilis Monolog über die Einfachheit der Frauen mit „Was ist das für ein bescheuerter Text“. Auch die karikative Darstellung des Generals Harrison Howell, der ebenfalls viel Wert auf die Züchtung der Ehefrau legt, und die weit ausgelegte Treue Biancas gegenüber Freund Bill zeigen, dass vielleicht doch die Frauen die Hosen anhaben, ganz zu schweigen von Katharinas leidenschaftlicher Hymne „I Hate Men“. Dennoch bleiben die Motivationen der Figuren oft fragwürdig. Erst verhalten sich sowohl Lili als auch ihre Bühnenfigur wie Furien, nur um dann voller Reue zu ihren Ehemännern zurückzukehren. Bianca scheint all das Drama um sie herum gar nicht zu tangieren, obwohl sie doch Auslöser desgleichen war.

Es ist nicht einfach, solch ein Musical ins 21. Jahrhundert zu transportieren. Das Staatstheater Darmstadt überzeugt dennoch mit einem wahren Augenschmaus voller schöner Melodien, einem Hauch Kritik und der Erkenntnis, was Shakespeare noch fehlte.

Uraufführung: 30.12.1948 (Century Theater, New York City)
Besuchte Vorstellung: 18.10.2019 (Staatstheater Darmstadt)
Musik & Lyrics: Cole Porter
Buch: Samuel und Bella Spewack
Deutsche Übersetzung: Günter Neumann, Peter Lund
Musikalische Leitung: Michael Nündel
Regie
: Erik Petersen
Besetzung: Rebekka Reister (Lili Vanessi/Katharina), Jörg Sabrowski (Fred Graham/Petruchio), Arvid Assarsson (Bill Calhoun/Lucentio), Beatrice Reece (Louis Lane/Bianca), Michael Pegher (1. Ganove), Georg Festl (2. Ganove), Thomas Mehnert (General Harrison Howell), Andreas Wellano (Harry Trevor/Baptista), Roy Goldman (Riley/Hortensio), Thijs Snoek (Flynt/Gremio), Daniel Dodd-Ellis (Paul), Ellen Wawrzyniak (Hattie), Rico Salathe (Dance Captain/Peter/Taxifahrer), Kilian Berger (Theo)

Mehr Infos findet ihr hier.

Titelbild: © Nils Heck

TEILEN
Vorheriger ArtikelNews: „Sweeney Todd“ am English Theatre Frankfurt
Nächster ArtikelReview: „Jekyll & Hyde“ in Dortmund – Zeit, dass sich was dreht
Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.