Das Musical „Pretty Woman“ von Bryan Adams und Jim Wallance (Musik und Liedtexte) sowie Gary Marshall und J.F. Lawton (Buch) aus dem Jahr 2018, ist in Europa angekommen. Bereits ein knappes halbes Jahr vor der Londoner Produktion geht die deutschsprachige Erstaufführung in der Übersetzung von Nina Schneider (Buch und Liedtexte) und Frank Ramond (Liedtexte) in Hamburg über die Bühne. Die leichte Liebeskomödie überzeugt vor allem durch eine grandiose Besetzung.

Bild: © Stage Entertainment

Der Trend, erfolgreiche Filme auf die Musicalbühne zu bringen, reißt nicht ab. Dazu liegen Compilations-Shows mit Songs bekannter Künstler nach wie vor hoch im Kurs. Im Fall von „Pretty Woman“ – nach dem Erfolgsfilm mit Julia Roberts und Richard Gere aus dem Jahr 1990 – stammen die Songs aus der Feder des kanadischen Singer-Songwriters Bryan Adams. Erfreulicherweise hat dieser für dieses Stück neue Musik komponiert, die im gefälligen Rock-Pop-Stil die Stimmungen der einzelnen Szenen gut transportiert.

Modernes Märchen

Die Geschichte ist wie die moderne Version eines Märchens: Der erfolgreiche, gutaussehende und skrupellose Geschäftsmann Edward Lewis trifft zufällig die junge und attraktive Prostituierte Vivian Ward, bucht sie kurzerhand für eine Woche und verliebt sich in sie. Durch ihre natürliche Art verändert sie sein Leben und er später auch das ihrige. Parallel ergibt sich auch für Vivians Freundin und Kollegin Kit De Luca die Chance auf einen Neuanfang.

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Die Einstimmung zur Shows punktet bereits, denn das Publikum wird in der Begrüßungs-Ansage im Saal durch Julia Robert Synchronsprecherin Daniela Hoffmann mit Zitaten aus dem Film willkommen geheißen. Der Film wird zumeist eins zu eins auf die Bühne übertragen; es gibt lediglich kleine Änderungen in der Handlung. Auf einige – teils wichtige Dialoge, Szenen und Begebenheiten – wurde allerdings bedauerlicherweise verzichtet. Dies betrifft alle Autofahrten, den Flug in die Oper und das Picknick im Park. Somit findet die erste Unterhaltung der Protagonisten anstatt auf der Fahrt zum Hotel, an der Bushaltestelle am Hollywood Boulevard statt. Einige bekannte und auch irgendwie erwartete Sprüche wie „Eine schöne Stange“, „Für 75 darf uns deine Frau auch dabei zusehen“ und „Schlüpfriges Scheißerchen“ kommen nicht vor (letzteres lediglich in der Show-Ansage).

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Jerrys Mitchells Regie und Choreografie werden in Hamburg von DB Bonds und Rusty Movery eins zu eins übertragen. Alle Zahnräder sind geschmeidig miteinander verbunden, schöne Ideen wie Richards Ritt auf dem Pferd auf der Whiskey-Werbung auf der Bank sind allerdings selten. Insgesamt ist alles unspektakulär, lieb und brav. Auch die wenigen Konflikte der Handlung werden stets rasch gelöst. Einem weiteren Trend der Zeit folgend sitzt eine Band anstelle eines Orchesters im Graben, die der Partitur gerecht wird und ordentlich Power gibt.

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Potenzial nicht ausgeschöpft

Filme und Bühnenstücke sind gänzlich verschiedene Medien mit eigenen Stärken und Schwächen. Bei der Übertragung eines Films auf die Bühne ist es wichtig, die Stärken der Bühne wie den Live-Gesang, große Tanznummern oder bewegende Kulissen herauszustellen. Dies erfordert manchmal Änderungen im Buch oder Verlegungen im Fokus. Zu den wenigen Szenen, die es schaffen, auf der Bühne einen eigenständigen Charakter zu entwickeln, gehört „Tanz dich einfach frei“, bei welcher der Hotelmanager Mr. Thompson Vivian Tanzschritte beibringt, anstatt – wie im Film – die verschiedenen Bestecke. Diese schöne Tanz-Nummer zeigt das große Potenzial des Stückes, was aber nur selten ausgeschöpft wurde.

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Top-Besetzung

Die Besetzung ist durch die Bank erstklassig und stimmstark. Ein echter Glücksgriff ist Patricia Meeden als quirlige, emotionale und absolut natürliche Vivan. Ihre Songs interpretiert sie angenehm soulig mit schönen Phrasierungen. Damit erstickt sie den Vergleich mit Julia Roberts im Keim und überstrahlt rollenbedingt ihren Bühnenpartner Mark Seibert, der den langsam weicher werdenden, smarten Geschäftsmann Edward mit seinen wachsenden, ehrlichen Gefühlen zu Vivian glaubhaft darstellt und seine Songs mit großem Gefühl interpretiert. Maricel ist eine Bank als gestandene Kid von der Straße, die mit der größten Power von allen Akteure singt und sich mit ihrer dankbaren Rolle durch viel Freude zum Publikumsliebling spielt. In der Doppelrolle des Erzählers Happy Man und des Hotelmanagers Mr. Thompson glaubt Paul Kribbe stets an das Gute im Menschen. Seine Interpretation ist sympathisch, präsent und überzeugend. Die Rolle von Edwards schmierigem Anwalt Philipp Stuckey bietet Nigel Caesy kaum Möglichkeiten, nachhaltig auf sich aufmerksam zu machen. Unbedingt erwähnt werden müssen Johnny Galeandro als kleiner Hotelpage Giulio, der mit witziger Mimik und originellem Gang eine kleine Rolle ganz groß werden lässt sowie Rachel Bahler, die den Opernpart beachtlich authentisch trällert.

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Solide Ausstattung

Das Bühnenbild wird von transparenten Häuserfassaden, Palmen mit Showlichtern, dem großen Portal des Hotels sowie dem eleganten Penthouse dominiert. Beleuchtet wird dabei viel von der Rückwand, die in unterschiedlichen Farben erstrahlt. Dazu werden Tische, ein kleines Geschäft, die Badewanne oder die Opernloge hereingefahren, die in der Bühnenmitte allerdings etwas verloren wirkt. Das ist alles sehr gelungen, wirkt jedoch recht schlicht und bereits tourtauglich. Vielleicht ist dies der Grund, warum man auf Szenen im Auto oder Flugzeug verzichtet hat. Technisch möglich gewesen wäre es bestimmt. Hochwertige sind die Kostüme, die die beiden Welten arm und reich anschaulich treffen: Elegant Kleider und Anzüge auf der einen Seite sowie schlichtes Leder, Jeans und Leggins auf der anderen. Die 80er sind deutlich zu erkennen und viele Roben gekonnt dem Film entnommen.

Liebhaber des Films werden ihre Freude an diesem Musical als seichte Liebeskomödie haben. Die Produktion bietet solide Unterhaltung ohne Tiefgang– nicht mehr, aber auch nicht weniger. Vielleicht möchte das Massenpublikum genau das im Theater sehen. Am Broadway wurde eine Laufzeit von einem Jahr erreicht, was in Hamburg sicherlich übertroffen werden kann.

Pretty Woman“ in Hamburg

Uraufführung: 13.05.2018 (Oriental Theatre, Chicago)
Besuchte Vorstellung: 28.09.2019 (Medienpremiere im Theater an der Elbe, Hamburg)
Musik und Liedtexte: Bryan Adams, Jim Vallance
Buch: Garry Marshall, J.F. Lawton
Deutsche Übersetzung: Nina Schneider, Frank Ramond
Musikalische Leitung: Aday Rodriguez Toledo
Regie und Choreografie: Jerry Mitchell
Co-Regie: DB Bonds
Co-Choreografie: Rusty Movery
Bühne: David Rackwell
Kostüme: Gregg Barnes
Besetzung: Patricia Meeden (Vivian Ward), Mark Seibert (Edward Lewis), Maricel (Kit De Luca), Paul Kribbe (Happy Man / Mr. Thompson), Nigel Casey (Philip Stuckey), Frank Logemann (James Morse), Johnny Galeandro (Giulio), Rachel Bahler (Violettas), Marco Trespioli (Alfredo), Piek van der Kaaden (Scarlett)

Weitere Infos und Karten erhaltet ihr hier.

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