Ich bin mit einer Boyband aufgewachsen.“ Mit diesem Satz beginnt das Musical „The Band“, welches vom 10. Oktober bis 03. November 2019 im Deutschen Theater in München zu sehen ist und die Geschichte von einer Mädchen-Clique erzählt, die mit 16 Jahren ein Konzert ihrer Lieblingsband besuchen und sich 25 Jahre später wieder treffen, um erneut auf ein Konzert ebendieser Band zu gehen.

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Ich denke, dass ich zu einer Generation gehöre, die nicht wirklich behaupten, kann mit einer bestimmten Band „aufgewachsen“ zu sein. Das einzige Mal, dass es in meiner Jugend – oder viel mehr Kindheit – eine Art Band-Hype gegeben hätte, waren die wenigen Wochen nach dem Finale der ersten „Popstars“-Staffel, als die „No Angels“ gecastet worden sind und es am nächsten Tag in unserer Grundschule nur ein Thema gab. Allerdings hielt dieser Hype auch nur bis zum ersten Konzert – wo natürlich jeder in meinem Freundeskreis vertreten war – aber an sich war es nichts, womit ich aufgewachsen wäre. Ganz anders also als bei den Protagonistinnen, deren Geschichte in „The Band“ erzählt wird. Ich scheine somit also die falsche Zielgruppe für dieses Musical zu sein und doch fallen mir ein paar mehr Gründe ein, warum mich dieses Stück mit der Musik von „Take That“ nicht komplett abholen konnte.

Die Handlung erzählt von fünf Freundinnen, die Mitte der 90er-Jahre auf eine Boyband stehen und sich nach einem Konzertbesuch von „The Band“ ewige Freundschaft schwören. Auf dem Nachhauseweg verunglückt eines der Mädels tödlich und die restlichen Mädchen gehen nach der Beerdigung im Streit auseinander. 25 Jahre später gewinnt eines der nun erwachsenen Mädchen Konzerttickets zur Revival-Tour von „The Band“, macht die restlichen Mädchen ausfindig und die vier treffen sich nach 25 Jahren wieder und erleben noch einmal das Gefühl, 16 Jahre alt zu sein.

Das Jahrzehnt der Boybands

Bei „The Band“ handelt es sich ganz klar um ein weiteres Jukebox-Musical, diesmal mit der Musik einer der bekanntesten Boybands, nämlich Take That. Im Musical selbst wird Take That niemals namentlich erwähnt und die Charaktere reden immer nur von der „Band“, jedoch ist es neben der Verwendung der Songs wie „Back for Good“ oder „Relight My Fire“ auch immer ziemlich offensichtlich, dass es sich um die Gruppe rund um Robbie Williams und Gary Barlow handelt. So ist das Logo der Band immer präsent und auch werden bekannte Konzert- oder Video-Performances nachgestellt. An sich ein interessanter Schachzug – somit kann sich letzten Endes jeder Zuschauer, der in seiner Jugend eine Boyband angeschmachtet hat, mit den Mädels identifizieren – und doch kommen vor allem die Fans von Take That nicht zu kurz.

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Nun reiht sich also auch Take That in die Riege bekannter Musiker ein, die ein Jukebox-Musical mit ihren bekannten Hits haben. Vermutlich hassen mich viele Fans von Take That aufs Blut für diese Aussage, jedoch empfinde ich die Musik als nicht ausreichend, um eine ganze Show damit zu füllen. Vielleicht kannte ich zu wenig Songs, aber die bekannte Begeisterung, die den Zuschauer spätestens zum Schluss – sei es nun bei „Mamma Mia“ oder auch „We Will Rock You“ – aus dem Theatersessel reist, wollte sich irgendwie nicht einstellen. Was jedoch nicht nur alleine an der Musik lag, sondern maßgeblich am Buch von Tim Firth.

Seichte Handlung trotz – oder wegen? – langer Dialoge

Bei Jukebox-Musicals wird oft kritisiert, dass man nur eine seichte Handlung rund um bekannte Songs geschrieben hat. Bei „The Band“ hat man wohl versucht, diesen Kritikpunkt gleich auszuräumen und vor allem der Moment, wenn eines der Mädchen verunglückt und die Freundschaft der Restlichen zerbricht, hat mich doch mehr berührt als erwartet. Leider zündet das Buch abgesehen von diesem Aspekt der Handlung nicht wirklich und oft sind die Dialoge im Stück doch sehr lang ausgefallen. Dadurch wünscht man sich als Zuschauer stellenweise, dass endlich wieder einer der Band-Mitglieder aus einem Schrank springt und den nächsten Hit von Take That anstimmt. Ich habe absolut nichts gegen lange Dialoge in Musicals. Wenn diese gut geschrieben sind, finde ich sie teilweise sogar packender als manche Song-Performance. In diesem Musical hatte ich jedoch das Gefühl, dass ewig um den heißen Brei geredet wurde. Während ich die Dialoge der 16-Jährigen einfach nur als „Teenie-Gefasel“ empfand, waren die Gespräche der erwachsenen Damen fast noch anstrengender, insbesondere weil es ewig dauerte, bis man von allen erfahren hatte, was denn nun in den letzten 25 Jahren in ihrem Leben passiert ist.

Erschwerend kam hinzu, dass ich die Damen am Ende trotz der vielen Dialoge nicht kennengelernt habe, da die Vita jeder einzelnen sehr lückenhaft blieb und von jeder Figur nur ein bestimmter Aspekt ihres Lebens aufgegriffen wurde. Auch empfand ich es als weit hergeholt, dass alle vier Freundinnen anscheinend so unzufrieden sind, weil sie eben nicht mehr in der Kiste sind, in die sie mit 16 Jahren gesteckt wurden.

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Nun soll das Hauptaugenmerk der Handlung auf der Damen-Clique und nicht auf den Mitgliedern der Boyband liegen. Vermutlich bleiben genau deswegen die Jungs der „Band“ erstaunlich blass und wenig im Gedächtnis, da sie nur die Backgroundtänzer zur Handlung sind. Hier hätte ich es jedoch trotzdem gut gefunden, wenn man ein wenig Vielfältigkeit bei der Band reingebracht hätte und die Jungs auch einzeln hervorgestochen wären. Man muss ihnen ja nicht gleich einen Namen geben oder sie optisch wie die Originale aussehen lassen, aber irgendwie verstand man als Zuschauer den Hype nicht so wirklich, den die Damen um die Jungs gemacht haben. Hier wäre es doch ein wenig amüsanter gewesen, wenn man die bekannten Stereotypen der typischen Boyband ausgepackt hätte, wie es bei „Boybands Forever“ (unsere Review finde ihr hier) der Fall war.

Auch sonst fehlte mir bei der Show der Nostalgie-Charme und die Witze zündeten zum Teil überhaupt nicht bei mir, weswegen die eigentlich charmante Idee eines Musicals rund um die 90er-Jahre sehr glanzlos verpuffte. Am sympathischsten war mir noch die Figur „Dave“, der als schlecht gelaunter Dauergag immer mal wieder über die Bühne spazierte, sei es als Busfahrer, Bühnentechniker oder Hausmeister. Ansonsten konnte ich leider selten über die Witze lachen und auch das nostalgische Gefühl, dass man zum Teil von anderen Musicals kennt – seien es nun die 70er-Jahre bei „Mamma Mia“ oder die 80er-Jahre bei „Heathers“ – wollte sich so gar nicht bei mir einstellen.

Jukebox-Musicals funktionieren immer noch sehr gut, wenn man zum Beispiel den momentanen Hype um „Tina“ verfolgt oder auch den Erfolg rund um „Wahnsinn“ mit den Hits von Wolfgang Petry in Deutschland beobachtet. Aber trotzdem scheint man auch hier keine wirkliche Erfolgsgarantie mehr zu haben und ein bekannter Name reicht trotz allem nicht aus, um einen Kassenschlager zu produzieren. Vor allem bei den Boyband-/Girlgroup-Musical scheint sich ein Trend abzuzeichnen, dass das Konzept auf der Bühne nicht funktioniert. Somit war die Lebenszeit von „Viva Forever“ – dem Musical mit den Hits der „Spice Girls“ im Londoner West End – nur von kurzer Dauer und auch „The Band“ hatte in England keinen nennenswerten Erfolg. Auch in Deutschland scheint „The Band“ sein Publikum nicht finden zu können. Ob dies nun an der Qualität des Stückes, der Vermarktung oder allgemein daran liegt, dass die angesprochene Zielgruppe nicht ins Theater geht, sei dahingestellt.

Uraufführung: 08.09.2017 (Manchester Opera House)
Besuchte Vorstellung: 11.10.2019 (Deutsches Theater München)
Musik & Lyrics: Gary Barlow (Take That)
Buch: Tim Firth
Regie: Kim Gavin, Jack Ryder
Choreographie: Kim Gavin
Bühnenbild: Jon Bausor
Besetzung: Prince Damien, Alex Charles, Taddeo Pellegrini, Helge Mark Lodder, Sario Solomon (The Band), Silke Ceertz (Rachel), Laura Leyh (Heather), Heike Kloss (Zoe), Yvonne Köstler (Claire), Maria Arnold (Junge Rachel), Ruth Lauer (Debbie), Jara Buczynski (Junge Heather), Laura Saleh (Junge Zoe), Kristin Heil (Junge Claire), Tilmann Madaus (Jeff), Daniel Rossmeisl (Every Dave)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Titelbild: ©Eventpress

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Nadine Jobst
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An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.