Mit Erst- und Uraufführungen wie „Pardon my English“ (2009), „Passion“ (2011), „Viel Lärm um Liebe“ (2013) und „Zzaun!“ (2017) hat sich die Staatsoperette Dresden zu einem der führenden Theater für Musical im deutschsprachigen Raum entwickelt. Nun wagt sich das Haus als zweite Bühne in Deutschland an Stephen Sondheims Revue „Follies“. Regisseur Martin G. Berger versetzt die Handlung von den USA der 70er nach Dresden in die heutige Zeit. Dies funktioniert mit einem starken Ensemble und einer symphonischen musikalischen Untermalung wunderbar.

© Vincent Stefan

Ähnlich wie bei seinem kurz zuvor erschienenen Werk „Company“ konzentriert sich Sondheim auch bei „Follies“ aus dem Jahr 1971 auf die Gefühlswelt seiner Protagonisten; ehemalige Revuegirls, die sich nach 30 Jahren zu einer Art Klassentreffen wiedersehen. Martin G. Bergers Regiekniff schafft 30 Jahre nach dem Mauerfall Lokal-Patriotismus vor dem Hintergrund des 2016 erfolgten Umzugs der Staatsoperette von Leuben in den Neubau im Kraftwerk Mitte, der zu Beginn per Video thematisiert wird. Besonders präsent ist dies in Carlottas, mit reichlich augenzwinkernden Anspielungen an die DDR, gespicktem Song „Bin noch hier“ als Finale des ersten Aktes. Dazu nutzt Berger immer wieder die Möglichkeit von Handkameras, denen Aufnahmen für das Publikum effektvoll an die Rückwand projiziert werden. Im Gegensatz zu vorherigen Produktionen verzichtet er auf die große Showtreppe, die eleganten Abendkleider und die Schärpen mit den Jahreszahlen für die jeweilige Dame.

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Endlich wieder in Deutschland

„Follies“, eine Hommage an das Show-Business mit seinen Diven, fand ich bereits zu Beginn meiner Musical-Leidenschaft faszinierend. Songs wie „I’m still here“ und „Losing my Mind“ gehören zu den großen Klassikern des Genres. Die Möglichkeit, das Stück live zu sehen, ergab sich für mich allerdings erst 2011, als ein Revival am Broadway mit Bernadette Peters lief. Dies habe ich mir nicht entgehen lassen und war mit der Vielzahl der Rollen leicht überfordert. Das National Theatre in London zeigte das Musical 2017 mit Imelda Staunton. Da mir die Charaktere nun bekannter waren, konnte ich diese großartige Produktion genießen. Lediglich 1991 spielte es dieses Stück in Deutschland, im Berliner Theater des Westens. Daher war ich gespannt wie ein Flitzebogen auf die zweite deutschsprachige Produktion in Dresden, für die Regisseur Martin G. Berger eine neue Übersetzung erstellt hat, die es immer wieder das fast Unmögliche schafft, nämlich Sondheims Wortspiele gut zu adaptieren. Als ich hörte, dass die Handlung nach Dresden verschoben wurde, hatte ich Bedenken Glücklicherweise funktioniert dies erstaunlich gut und das Ergebnis ist eine erstklassig umgesetzte und besetzte Produktion.

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Gefühle im Vordergrund

Sondheims Stück spielt lediglich an dem einen Abend des Wiedersehens und baut Rückblenden mit den jüngeren Ichs der Personen 30 Jahre zuvor ein. Da einige Shownummern lediglich der Fantasie der jeweiligen Figur entsprechen, ist es schwer, manche Szenen nachzuvollziehen. Berger vermeidet im ersten Akt die räumliche Vermischung dieser Ebenen und führt diese erst im zweiten Teil zusammen. Zu Anfang werden die Charaktere alleine oder in kleinen Gruppen, verteilt auf der gesamten Bühne inklusive des oft bespielten Bereichs vor dem Orchestergraben, vorgestellt. Dies lässt das Stück auseinander gerissen und teils langatmig erscheinen. Zu den Songs öffnet sich dann der halb-durchsichtige Vorhang und das Event nimmt Fahrt auf. Die von Sarah-Katharina Karl gestaltete Bühne wird von vier Gängen aus je fünf halbkreisförmig hintereinander platzierten, begehbaren Ringen dominiert, die, unterschiedlich beleuchtet, in verschiedene Positionen auf der Drehbühne angeordnet werden können. Dazu wird in Bühnenmitte mehrmals ein runder Korb mit Geländer in die Höhe gezogen. Bei den „Loveland“-Nummern im zweiten Teil, die mit den Showgirls in den großen Buchstaben sitzend eingeläutet werden, kommen Trabis aus Pappmaché und die Kulisse der Frauenkirchen-Ruine zum Einsatz. Dazu hat Esther Bialas zahlreiche zeitgemäße und hochwertige Kleider und Anzüge für die Akteure gefertigt.

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Was für eine Besetzung!

Das aus Solisten des Hauses und Gästen bestehende Ensemble ist gesanglich und schauspielerisch in der ersten Liga, wirkt allerdings großenteils zu jung für die Parts. Viele sollten vor 30 Jahren noch Teenager gewesen sein. In der zentralen Figur der Sally zeigt Frederike Haas wunderbare Zurückhaltung und Unsicherheit. Sie möchte ihr Leben verändern, steht sich aber selbst im Weg und damit abseits. Ihr Song „Ich verlier‘ den Verstand“ gelingt herzzerreißend. Ein ganz anderer Typ ist Franziska Becker als großgewachsene und elegante Phyllis. Herrlich frustriert und zynisch hat sie immer eine kränkende Bemerkung auf Lager und kämpft trotz kaputter Ehe wie besessen um ihren Mann. Ihre Songs „Dich verlassen“ und „Die Geschichte von Lexie und Nancy“ sind Showstopper. Buddy und Ben, die Ehepartner von Sally und Phyllis, werden von Christian Grygas und Marcus Günzel als aufrichtige Typen verkörpert, die nicht nachvollziehen können, was aus ihren Leben und ihren Ehen geworden ist. Trotz aller zwischendurch aufkommender Verliebt- und Verwirrtheit, gehen die beiden Paare so nach Hause, wie sie gekommen sind. Aus zerplatzten Träumen werden neue Hoffnungen. Oder sind es die alten?

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Carlotta hat, mit dem Herz am rechten Fleck um keinen flotten Spruch verlegen, Karriere im Shopping-TV gemacht. Bettina Weichert, die im Hosenanzug an die resolute Mama Morton aus „Chicago“ erinnert, zeigt sie mit Power und Lebensfreude. Stefanie Dietrich offenbart ungeahnte tänzerische Qualitäten und lässt publikumsbegeisternd bei der Spiegelnummer „Wer ist sie denn?“ alle mittsteppen. Als quirlige und stets grinsende Solange mit eigener Parfumlinie bei DM wird Kaatje Dierks von Tänzern mit großen runden Tafeln vor Gesicht und Oberkörper unterstützt, die den jeweiligen Ort ihres Liedes „Ah, Paris“ anzeigen. Bei der Integration der Tänzer hat Choreografin Marie-Christin Zeisset ohnehin fantastische Arbeit geleistet. Sie lässt ihre Jungs, mit luftigen rosa Höschen bekleidet, flott mit Phyllis bei ihrer Loveland-Nummer im Stil großer Broadway-Stücke wirbeln. Damit gehören die Shownummern zu den Highlights der Inszenierung.

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Musikalisch grandios

Wie in der Staatsoperette gewohnt, sitzt ein riesiges Orchester im Graben, das die Sondheim-Nummern unter der versierten Leitung von Peter Christian Feigel mit tollem Verve in einwandfreiem Sound gibt, für dessen Design sich Martin Wingrath verantwortlich zeigt.

Mit seinen Inszenierungen „Stella“ 2016 in Berlin und „Aus Tradition anders“ 2018 in Darmstadt hat sich Martin G. Berger einen Ruf als aufstrebender Jung-Regisseur für Musicals aufgebaut, den er mit seinen überzeugenden Dresdner „Follies“ festigt. Was für eine Wonne ist es, diese hochwertige und höchst-professionelle Produktion zu genießen.

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„Follies“ in Dresden

Uraufführung: 04.04.1971 (Winter Garden Theatre, New York)
Deutschsprachige Erstaufführung: 27.09.1991 (Theater des Westens, Berlin)
Premiere dieser Produktion: 02.11.2019 (Staatsoperette Dresden)
Besuchte Vorstellung:
22.11.2019 (Staatsoperette Dresden)
Musik und Gesangstexte: Steven Sondheim
Buch: James Goldman
Deutsche Übersetzung: Martin G. Berger
Musikalische Leitung: Peter Christian Feigel
Regie: Martin G. Berger

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Choreografie:
Marie-Christin Zeisset
Bühne: Sarah-Katharina Karl
Kostüme:
Esther Bialas
Besetzung: Frederike Haas (Sally), Franziska Becker (Phyllis), Christian Grygas (Buddy), Marcus Günzel (Ben), Bettina Weichert (Carlotta), Stefanie Dietrich (Stella), Kaatje Dierks (Solange), Silke Richter (Hattie), Ingeborg Schöpf (Heidi Schiller), Florentina Beyer (junge Sally), Florentine Kühne (junge Phyllis), Gero Wendorff (junger Buddy), Claudio Gottschalk-Schmitt (junger Ben), Beate Kortner (junge Heidi), Roland Florstedt (Weismann), Michael Kuhn (Roscoe), Jeannette Oswald (Emily Whitman), Bryan Rothfuss (Theodore Whitman)

Weitere Infos und Karten erhaltet ihr hier hier.

Beitragsbild: © Vincent Stefan