Dramatische Mantel- und Degen-Spektakel eignen sich wunderbar für die Theaterbühne. Bei „3 Musketiere“ werden – eingebettet in zahlreiche Fecht-Szenen – politische Intrigen und leidenschaftliche, aber auch schmerzhafte Liebesgeschichten erzählt. Mit zahlreichen Gästen auf und hinter der Bühne beweist das Theater Magdeburg mit dieser insgesamt gelungenen Musical-Produktion trotz kleiner Schwächen einmal mehr seine hohe Affinität für dieses Genre.

© Nilz Böhme

Bereits mehrere Musicals, die anfangs als große Longrun-Produktion spielten, haben ihren Weg auf Stadttheater- und Freilichtbühnen gefunden. Hier zur nennen sind „Sunset Boulevard“, „Jekyll & Hyde“ und „Les Misérables“. Auch die Musical-Version von „3 Musketiere“ der Stage Entertainment ist diesen Weg gegangen. Das Stück von Rob und Ferdi Bolland (Musik) sowie André Breedland (Buch) nach dem Roman von Alexandre Dumas wurde 2003 in Rotterdam uraufgeführt und 2005 dann erstmals auf Deutsch in Berlin und danach in Stuttgart. Später kam es zu Freilicht-Versionen in Tecklenburg, Staatz und Bad Gandersheim sowie einigen Amateur-Produktionen.

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Neuer Ansatz bei der Erzählebene

Regisseur Ulrich Wiggers, der durch seine Inszenierungen von „Tanz der Vampire“ und „Chicago“ zum Fachmann für Musical-Neuinterpretation geworden ist, versetzt die Rahmenhandlung der Gaukler, welche die Story um D‘Artagnan erzählen, in ein Gefängnis – angelehnt an den „Mann von La Mancha“. Anfangs hat der Conférencier spielunwillige Mithäftlinge, doch gelingt es ihm, sie zu motivieren und so verwandeln sich die Solisten durch Kostüme in die Hauptrollen und die Show beginnt. Das Gefängnis wird durch einen in der Bühnenmitte hochfahrenden Raum immer wieder thematisiert. Dazu lässt Wiggers die Tiere in der Jagdszene zum Ende des ersten Aktes von Mitgliedern des Balletts mit anmutigen Bewegungen in liebevoll gestalteten Kostümen darstellen. In dieser Sequenz geht die Königin durch einen Schuss Richelieus scheinbar, aber effektiv zu Boden. Höhepunkt ist die erotisch-knisternde Szene „Nicht aus Stein“, bei der Kardinal Richelieu von Tänzern in hautfarbenden, körperbetonten Kostümen umschwärmt und am Ende des Liedes in Kreuzhaltung auf die Bühne gelegt wird. Dazu wird die Kulisse in dunkle Rottöne getaucht. Eine Gänsehautmoment.

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Volle Bühne

Auf der Bühne passiert viel auf unterschiedlichen bespielbaren Ebenen. Leif-Erik Heike gestaltete von Hand bewegte Kulissenteile aus Holz und Stein, die Häuserfassaden, Gasthöfe und Plätze sowie das Innere einer Kirche zeigen. Unterstützt durch Projektionen an der Rückwand entstehen so diverse Szenen. Zu seinen edlen Kostümen zählen die mit Wappen an Bauch und Brust verzierten Kleider der Königin, das rote Priestergewand des Kardinals sowie hautenges Leder mit tiefem Dekolleté und einem Umhang aus Federn für Milady de Winter. Sympathieträger ist das von zwei Statisten gespielte entzückende Pferd Pomme de Terre, auf dem D’Artagnan sogar reitet. Die Überfahrt mit dem Boot findet hinter dem Gazevorhang statt, auf dem das Unwetter projiziert wird. Den Musketieren hätte man Kleidung gewünscht, die nicht an Schlafanzüge erinnern und auch die Umbauzeiten erzeugen immer wieder Längen im ohnehin umfangreichen ersten Akt. Zusätzlich ist die Bühne mit Kulisse, Solisten, Chor und Ballett in einigen Nummern sehr voll.

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Licht und Schatten bei der Besetzung

Patrick Stanke interpretierte 2005 den D’Artagnan und schlüpft nun in die Rolle des Strippen ziehenden und auf seinen Vorteil bedachten Kardinal Richelieu. Auch in diesem Part kann er gesanglich und schauspielerisch Akzente setzen, vor allem wenn er den König in seinem Sinne beeinflusst und in seiner Verzweiflung bei „Nicht aus Stein“. Daneben gibt Katia Bischoff – ähnlich wie Sabrina Weckerlin 2005 – ein brillantes Debüt als Constance. Die junge Darstellerin, die 2019 ihre Musical-Ausbildung an der UdK Berlin absolviert hat, schwebt prinzessinnenhaft und voller Anmut über die Bühne. Dazu verfügt sie über eine bis in die höchsten Töne wohlklingende Stimme, was sie bei ihrem Solo „Gott lächelt uns zu“ eindrucksvoll unter Beweis stellt. Auch Jeanett Neumeister aus dem Opernchor des Hauses gibt ihrer um den drohenden Krieg besorgten Königin Anna ein glaubhaftes und würdevolles Profil. Ein Hingucker ist ihr auffälliger Geweih-Kopfschmuck, der ihre Krone einbettet. Als tapfere und mutig für ihren König kämpfende Musketiere Athos, Aramis und Porthos sind Lucius Wolter, Dániel Rákász und Benjamin Eberling sehr präsent. Wolter interpretiert den Song „Egel aus Kristall“ um seine verlorene Liebe sehr emotional.

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Die Interpretationen der beiden Rollen D’Artagnan und Milady de Winter haben noch Potenzial. Florian Peters‘ hoher Tenor wird in der Tiefe seiner zahlreichen Uptempo-Nummern deutlich dünner. Mit seiner sehr jugendlichen, naiven Ausstrahlung und seiner Schlaksigkeit legt Peters die draufgängerische Rolle brav und unerfahren an und wirkt daher wie der jüngere Bruder von D’Artangnan. Verstärkt wird dies durch seine jungenhafte Perücke aus schulterlangen, zerzausten blonden Haaren. Katja Berg, die mit ihren hellblonden, welligen Perücke wie eine Mischung aus Cher und Madonna daherkommt, legt ohne große Mimik den Rachefeldzug der Lady verärgert und wie eine trotzige Göre mit viel Aggression an. Trotz ihrer stimmlichen Möglichkeiten schreit sie s die Spitzentöne unschön heraus. Dies fällt auch unangenehm beim Terzett „Wer kann schon ohne Liebe sein“ auf, bei der sie dadurch nicht mit ihren Kolleginnen harmonisiert und deutlich heraussticht. Tänzerisch ist sie bei „Männer“ außen vor, was der Szene die Kraft nimmt. Ungewöhnlich ist die Besetzung der beiden Rollen König Ludwig XIII. und Herzog von Buckingham mit einem Darsteller, Andreas C. Meyer. Dies verleiht der Liebelei der Königin einen amüsanten Effekt.

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Großes Orchester

Musikalisch kann das Haus mit einer vollen Orchesterbesetzung aus den Vollen schöpfen. Musical-Profi Damian Omansen dirigiert die Madgeburgische Philharmonie versiert. Insgesamt wird das Stück im Tempo langsamer als im Original gespielt, weshalb der Abend eine Spielzeit von über drei Stunden erreicht. Die Choreografien von Kati Heidebrecht sind wunderbar in die Handlung eingebettet und halten alle Akteure angemessen in Bewegung. Ergänzend dazu hat Klaus Figge schnelle und spannende Fecht-Movements entworfen, die erstklassig umgesetzt werden.

Die „3 Musketiere“ kämpfen mit allen vorhandenen Chancen und Risiken auch erfolgreich im Stadttheater. Das Theater Magdeburg hat bei dieser unterhaltsamen Produktion vieles richtig gemacht.

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„3 Musketiere“ in Magdeburg

Uraufführung: 30.03.2003 (Nieuwe Luxor Theater, Rottersam)
Deutschsprachige Erstaufführung: 06.04.2005 (Theater des Westens, Berlin)
Besuchte Vorstellung: 09.11.2019 (Premiere im Theater Magdeburg)
Musik: Rob und Ferdi Bolland
Liedtexte: Rob und Ferdi Bolland, Paul Bogaev, Gerard Cox, Jan-Simon Minkema, Petra van der Eerden
Buch: André Breedland
Deutsche Übersetzung: Wolfgang Adenberg, Ruth Deny
Musikalische Leitung: Damian Omensen
Regie: Ulrich Wiggers
Choreografie:
Kati Heidebrecht
Kampf-Choreografie: Klaus Figge
Bühne und Kostüme: Leif-Erik Heine
Besetzung: Florian Peters (D‘Artagnan), Katja Berg (Milady de Winter), Patrick Stanke / Armin Kahl (Kardinal Richelieu), Lucius Wolter (Athos), Dániel Rákász (Aramis), Benjamin Eberling (Porthos), Katia Bischoff (Constance), Jeanett Baumeister (Königin Anna), Andreas C. Meyer (König Ludwig XIII / Herzog von Buckingham), Johannes Wollrab (Rochefort), Christoph Bangerter (James / Conférencier)

Weitere Infos und Karten erhaltet ihr hier.

Beitragsbild: © Nilz Böhme