Die Theaterakademie August Everding bringt als Abschlussprojekt ihrer Musical-Studenten das Stück „American Idiot“ auf die Bühne des Prinzregententheaters. Das Musical auf Grundlage des 2004 erschienen Konzeptalbums der Band „Green Day“, bietet sich wie kein zweites Stück an, von jungen Künstlern aufgeführt zu werden. Und doch kommt man nicht umhin, das Buch ein wenig zu kritisieren.

Das Punk-Rock-Album „American Idiot“ von Green Day ist vermutlich der Soundtrack der 2000-Generation. Auch bei mir lief das Album, als es im Jahr 2004 erschien, rauf und runter. Damals war mir noch nicht bewusst, dass es sich bei der CD um ein Konzeptalbum handelt und sich hinter den Songs auch eine Story verbirgt. Erst als im Jahr 2009 das Album unter dem gleichnamigen Titel als Musicalversion seine Premiere am Broadway feierte, befasste ich mich zum ersten Mal wirklich mit der Story, die sich hinter den mir so bekannten Songs versteckte.

© Lioba Schöneck

Nun wurden zur ursprünglich angedachten Geschichte des Albums noch viele Charaktere und Handlungsstränge hinzugeschrieben und es erzählt nunmehr von den drei Freunden Johnny, Tunny und Will, die in einer amerikanischen Kleinstadt leben und planen, vor ihrem tristen Leben, das keinerlei Aussichten bietet, in die Großstadt zu flüchten. Bereits vor der Abreise verlässt Will die Gruppe, weil er erfährt, dass seine Freundin Heather schwanger ist. Johnny und Tunny machen sich somit alleine auf den Weg. Während Tunny sich in der Großstadt nicht wohl fühlt und sich letzten Endes der Armee anschließt, findet Johnny Zuflucht in Drogen und dem Mädchen „Whatshername“. Am Ende finden alle drei geläutert wieder den Weg nach Hause und fragen sich, ob das nun das Ende oder erst der Anfang ihres Lebens ist.

Vor allem die Frage, ob die Freunde am Ende des Musicals nun tatsächlich am Ende sind oder es erst der Anfang ist, beschäftigte mich besonders. Denn so sehr ich „American Idiot“ auch als das Jukebox-Musical meiner Generation feiern möchte, bin ich doch eher enttäuscht vom schwachen Buch des Musicals. Letzten Endes wird eine Geschichte erzählt, die wieder da ankommt, wo sie angefangen hat, ohne dass man wirklich eine Entwicklung hätte feststellen können. Zudem hält sich die politische Kritik in Grenzen und man hat das Gefühl, dass man einfach nur 90 Minuten lang einer Horde unzufriedener Teenager dabei zusieht, wie sie wütend auf die Welt sind, jedoch nichts dagegen tun und sich auch für die eigentlichen Hintergründe nicht wirklich interessieren.

Jukebox-Musical der Millennials?

Wie bei vielen Jukebox-Musicals ist es letzten Endes die Musik, welche die Leute begeistert und vor allem Songs wie „American Idiot“, „Wake me up when September ends“ oder „Boulevard of Broken Dreams“ sind es, die das Stück ausmachen und vielleicht sollte man aus diesem Grund bei der Handlung nicht zu genau hinhören. Das Musical wird in der deutschen Fassung von Titus Hoffmann gezeigt. Das Übersetzen der Texte – etwas, das vor allem viele Nicht-Musical-Gänger und Fans von Green Day bemängeln – ist hierbei keine Entscheidung der Produktion, sondern von der Band so gefordert. Das Musical soll immer in der jeweiligen Sprache des Landes in dem es gezeigt wird, gespielt werden, um die Aussage der Texte verständlicher zu machen.

© Lioba Schöneck

Im ersten Moment hören sich die deutschen Texte wie so oft gewöhnungsbedürftig an, jedoch findet man sich trotzdem schnell ein. Während bei vielen Songs die Übersetzung beinahe unnötig wirkt, da sich die deutschen Texte stark ans Original halten und vieles nicht wirklich eindeutig formuliert ist, gibt diese dem Zuschauer auch Gelegenheit, sich doch genauer mit den Texten von Green Day zu befassen. Besonders der Song „21 Guns“, der aus dem Nachfolge-Album „21 Century Breakdown“ ebenfalls in die Show mitaufgenommen und mit „Kampf jeder Gewalt“ übersetzt wurde, funktioniert auf Deutsch sehr gut und sorgt für einen großartigen Gänsehaut-Moment, der nochmal verstärkt wird, wenn einem bewusst wird, was die Aussage dieses Liedes eigentlich ist. Die „21 Guns“ bezieht sich auf die 21 Schüsse, die zum Beispiel bei Militär-Beerdigungen abgefeuert werden, oder auch, wenn hochrangige Staatschefs zusammen kommen. Eben diese, die oftmals weitreichende Entscheidungen wie zum Beispiel über Kriegseinsätze, treffen.

Der Nachwuchs ist schon mal gesichert

So groß meine Kritik am Buch von „American Idiot“ auch ist, bei der August Everding Akademie in München ist es auf jeden Fall bestens aufgehoben, um das Maximum herauszuholen. Wie es mit den Charakteren im Stück am Ende weiter geht, hat mich zwar ein wenig ratlos zurückgelassen, aber zumindest die Zukunft des Musicals ist erstmal gesichert, wenn man den Talenten auf der Bühne zuhören darf. Nicht nur gesanglich werden von der ersten Minute an viele stimmlichen Highlights geboten. Auch schauspielerisch macht man insbesondere den drei Hauptdarstellern Edward R. Serban, Florian Koller und Alexander Sichel als Johnny, Tunny und Will nichts vor. Leider sind insbesondere die Damenrollen im Stück nicht besonders ausgearbeitet, aber vor allem gesanglich holen Amber-Chiara Eul, Marcella D’Agostini und Fabiana Locke alles aus ihren Rollen heraus.

© Lioba Schöneck

Auch Andy Kuntz als St. Jimmy empfand ich zwar im ersten Moment als ungewöhnliche Wahl und doch freundete ich mich schnell mit der Rollen-Idee in München an. Für mich war St. Jimmy immer das Alter-Ego von Johnny, sozusagen das Drogenproblem in seinem Kopf. In München hatte ich bei St. Jimmy viel mehr das Gefühl, als wäre er so eine Art Drogenboss oder Sektenführer, der die Jugend und insbesondere Johnny verführt. Andy Kuntz – Leadsänger der Band Vanden Plas, welche auch Teil der Band im Prinzregententheater sind – setzte sich auch vom Alter her ganz klar von der Besetzung aus jungen Nachwuchsdarstellern ab, wodurch dieser Eindruck noch verstärkt wurde. Auf jeden Fall eine interessante Wahl und Auslegung der Rolle!

Auch das Ensemble zeigt, wie stark der Nachwuchs an Musicaldarstellern in München ist und es ist schön zu sehen, dass man versucht hat, möglichst vielen Talenten einen Platz auf der Bühne zu geben. Und doch war mir zeitweise auf der Bühne zu viel los, wodurch es in manchen Szenen ein bisschen zu sehr nach Quantität statt Qualität gewirkt hat. Natürlich bietet die große Bühne des Prinzregententheaters viel Platz und insbesondere, wenn die Bühne komplett geöffnet war, war ich doch begeistert wie gut die Weite der Bühne zu diesem eigentlichen intimen Stück passte. Auch empfand ich das simple Bühnenbild, das zum Teil nur aus 3-stöckigen Stahlgerüsten bestand, welche nach Belieben zusammengestellt werden konnten und zum Teil mit Videoprojektionen angestrahlt wurden, als eine zwar simple, aber beeindruckende Konstellation.

In München hat man es im besten Sinne geschafft mit viel Qualität das Beste aus „American Idiot“ herauszuholen und während ich mich freue, den ein oder anderen Nachwuchsdarsteller in hoffentlich naher Zukunft auf einer größeren Bühne wiederzusehen, trauere ich zudem der Schließung des Werk7-Theaters in München ein klein bisschen weniger hinterher. Schließlich versorgt uns die August Everding Akademie nach wie vor mit modernen und hochwertigen Musicalstücken in München.

Uraufführung: 15.09.2009 (Berkeley Repertory Theatre)
Besuchte Vorstellung: 08.11.2019 (Prinzregententheater München)
Musik & Lyrics: Green Day (Billie Joe Armstrong)
Buch: Michael Mayer, Billie Joe Armstrong
Regie: Johannes Reitmeier
Choreographie: Stefanie Erb
Kostüme & Bühnenbild: Michael D. Zimmerann
Besetzung: Edward R. Serban (Johnny), Florian Koller (Tunny), Alexander Sichel (Will), Andy Kuntz (St. Jimmy), Amber-Chiara Eul (Heather), Marcella D’Agostino (Whatshername), Fabiana Locke (Abgefahr’ne Frau), Simon Tobias Hauser (Lieblingssohn), Niklas Schurz (Theo), Delia Rachel Bauen (Alysha), Larissa Hartmann (Mary), Vanessa Heinz (Libby), Sarah Sonnenschein (Leslie), Julia Taschler (Christina), Klaudia Zajac (Josie), Sophie Gisbertz (Rebecca), Marco Beck (Brian), Manuel Grabowski (Miguel), Jacob Hetzner (Ben), Frank Kühfuss (Chase), Daniel Adriansson (Andrew)

Tickets und weitere Infos findet ihr hier.

Titelbild: © Lioba Schöneck

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.