Harvard, Hund und Heiterkeit – Mit „Natürlich Blond“ inszeniert die Amateurgruppe Musicalgroup e.V. aus Böhl-Iggelheim die Tony Award-nominierte Bühnenversion des 2001 erschienenen Films mit Reese Witherspoon in der Hauptrolle. Neben einer rasanten Show und schönen Songs beeindruckt vor allem die Spielfreude der Laiendarsteller.

Elle Woods hat alles, was man sich nur wünschen kann: einen ausnahmslos pinken Kleiderschrank, ihren Chihuahua Brutus und mit Warner Huntington den perfekten Freund an ihrer Seite. Die heile Welt bricht jedoch zusammen, als Warner Schluss mit ihr macht, um sich auf sein Studium in Harvard zu konzentrieren und um sich eine seriösere Freundin zu suchen. Doch Elle lässt sich nicht unterkriegen. Sie beginnt ebenfalls ein Jura-Studium und ergattert einen der begehrten Praktikumsplätze bei Professor Callahan. Als dieser plötzlich einen Mordfall um die berühmte Fitnesstrainerin Brooke Wyndham an Land zieht, ist Elles Talent gefragt. Unterstützt von Callahans Mitarbeiter Emmett will sie es allen beweisen. Ob die taffe Blondine den Fall tatsächlich löst und wer schließlich ihr Herz erobert, wird noch nicht verraten.

Die Bühnenversion von „Natürlich Blond“ feierte sechs Jahre nach Erscheinen des gleichnamigen Films Premiere und wurde für sieben Tony Awards nominiert. Dennoch konnte sich am Broadway mit einer Laufzeit von nur einem Jahr nicht der erwartete Erfolg einstellen. Auf deutschsprachigen Musicalbühnen ist vor allem die Version der Vereinigten Bühnen Wien mit Barbara Obermeier in der Hauptrolle ein Begriff. Auch hier kam das Stück mit geringer Auslastung eher schlecht als recht an.

Rasant und Rosarot

Auf den ersten Blick strotzt „Natürlich Blond“ nur so vor Klischees. Verpackt in einer rosaroten Hülle und mit ganz viel Glitzer fährt die Bühnenversion ein ganz schön rasantes Tempo auf. Eine schneller agierende Show mit so vielen Powersongs und furiosen Tanznummern hat wohl nur Starlight Express zu bieten. Als Elle dann zum Sound einer Marschkapelle nach Harvard marschiert, war das vielen Kritikern dann doch zu bunt und oberflächlich. Doch wer genauer hinsieht, der wird bemerken, dass vor allem grundlegende menschliche Werte wie Freundschaft und der Glaube an sich selbst im Vordergrund stehen. Figuren wie Elles schusseliger Verehrer Emmet oder die gutmütige Friseurin Paulette sind so liebevoll gezeichnet, dass die Botschaft hinter all dem rosa Tüll nicht verloren geht.

Die Musik von Nell Benjamin und Laurence O’Keefe gibt ein durchaus angenehmes Klangbild ab. Ohrwürmer findet man hier definitiv. Energiegeladene Songs wie „Oh mein Gott“ oder „Was du willst“ sind kraftvolle Motivationshymnen, während „Knick und Pop“ sowie „Blut in den Kiemen“ die komödiantischen Seiten der Darsteller zeigen. Mit „Irland“ und dem titelgebenden Song „Natürlich Blond“ finden auch leise Töne ihren Platz.

Überhaupt wirken Handlung und Musik wie aus einem Guss. Fast so als würde man gerade einen äußerst entspannenden Film sehen. Die Songs um die Storyline tragen den Zuschauer förmlich durch das Musical, ohne das dieser sich großartig anstrengen müsste. Vielleicht ist es gerade diese Harmonie, die in ihrer Monotonie die Zuschauer in Wien und am Broadway nicht von den Stühlen riss. Dennoch ist „Natürlich Blond“ ein durchaus sehenswertes Musical, dass unglaublich viel Spaß beim Zuschauen macht und dabei noch ein wenig nachdenklich stimmt.

Laientheater voller Leidenschaft

Mit der Geschichte um Elle Woods wagt der Musicalgroup E.V. sich erstmals an die Inszenierung eines kompletten Musicals. Bei der aus Böhl-Iggelheim stammenden Gruppe handelt es sich um Laien-Darsteller, die auf reiner Amateurbasis ihrem Hobby nachgehen. Dass hier keine Profis am Werk sind, sollte man sich als Zuschauer bewusst sein. Den Akteuren hat man die Nervosität zu Beginn teilweise angemerkt, doch spätestens im zweiten Akt lösten sich alle Anspannungen und man sah den Darstellern an, mit wie viel Freude sie ihre Rollen verkörperten. Gerade die Schauspieler der beiden Hauptfiguren Elle und Emmett, Caroline Hernandez Sanchez und Sascha Soh, spielten herzerwärmend. Hervorheben möchte ich Djanette Kabouche als Friseurin Paulette, deren Stimme nicht nur das Herz des UPS-Fahrers zum Schmelzen brachte.

Im Rahmen ihrer Möglichkeiten hat die Pfälzer Gruppe um Regisseur Dominic Konrad eine tolle Atmosphäre auf der Bühne gezaubert. Das Bühnenbild wurde auf unglaublich kreative Weise immer wieder verändert und auch die Kostüme transportierten einen direkt nach Harvard. Einzig und allein die Perücken waren für meinen Geschmack etwas zu viel des Guten. Beeindruckend gestalteten sich auch die Tanzszenen, allen voran „Peitsch dich in Form“. In der Nummer, die den zweiten Akt eröffnet, springt Fitnessqueen Brooke gemeinsam mit dem Ensemble Seil und singt dabei auch noch – das alles in fast Original-Choreografie. Das 15-köpfige Orchester unter der Leitung von Timo Degen hat eine eigene Erwähnung verdient und stellt so manches Orchester sparender Theaterhäuser in den Schatten.

Doch das Wichtigste: Alle Beteiligten hatten Spaß an der Sache und als Zuschauer konnte man deutlich erkennen, wie viel Schweiß, Tränen, aber auch allen voran Leidenschaft hinter der Produktion stecken. Und genau auf diese Art und Weise transportiert man eine Story, die auf den ersten Blick kunterbunt, auf den zweiten doch irgendwie tiefgründig ist. Wer die Gelegenheit hat, sollte sich „Natürlich Blond“ vom Musicalgroup e.V. definitiv anschauen. Spaß ist garantiert! Am 9. und 10. November ist die Gruppe in Ludwigshafen-Oppau zu sehen und wird auch nächstes Jahr sicherlich wieder ein Musical auf die Bühne bringen.

Uraufführung: 23.01.2007 (Golden Gate Theatre, San Francisco)

Besuchte Vorstellung: 27.10.2019 (Kultursaal, Limburgerhof)

Musik und Gesangstexte: Laurence O’Keefe, Nell Benjamin

Buch: Heather Hach

Deutsche Übersetzung: Kevin Schroeder, Heiko Wohlgemuth

Musikalische Leitung: Timo Degen

Regie: Dominic Konrad

Ausstattung: Pascal Göpel

Kostüme: Sabine Mohr

Choreografie: Sharon Wiechert, Sabrina Fath, Daniela Lahdo

Besetzung: Caroline Hernandez Sanchez/Madeline Rebel (Elle Woods), Dominic Konrad (Warner Huntington III), Sascha Soh (Emmett Forrest), Djanette Kabouche/Daniela Cisar (Paulette Buonufonte), Liviya Flamme (Vivienne Kensington), Matthes Elstermann (Professor Callahan), Carloine Binar (Brooke Wyndham), Orell Mielke (Kyle O’Boyle), Afra Fetzer (Pilar), Sharon Wiechert (Margot), Sabrina Adam (Serena), Samuel di Dio (Nico Chevalier)

Weitere Infos findet ihr hier.

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
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An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.