Wer hätte Anfang des Jahres geglaubt, dass wir noch in diesem Jahr eines der erfolgreichsten Broadway-Musicals der letzten Jahre auf einer deutschen Bühne zu sehen bekommen würden? Und dann auch noch in der englischsprachigen Original-Produktion? Das ist nun noch bis zum 17. November möglich, denn bis dahin gastiert die Europa-Tour von „The Book of Mormon“ im Kölner Musical Dome. Ein Segen für alle Musical-Liebhaber!

Was in diesen Tagen im Musical Dome zu beobachten ist, kommt fast schon einem Wunder gleich: zwischen all der Werbung für „Starlight Express“ oder „Bodyguard“ ist dort auf einmal ein überdurschnittlich junges Publikum mit auffällig hohem Männeranteil anzutreffen. Die Mormonen sind zu Gast, und sie singen und tanzen, was das Zeug hält in einem frischen, vergnüglichen Musical der South Park-Schöpfer Trey Parker und Matt Stone und des jüngsten EGOT-Preisträgers Robert Lopez („Avenue Q“, „Frozen“).

„The Book of Mormon“ läuft seit 2011 ununterbrochen am Broadway, wurde mit neun Tony Awards ausgezeichnet und ist mittlerweile eine der erfolgreichsten Shows in New York. Ben Brantley, Chefkritiker der New York Times, betitelte es als „das beste Musical des Jahrhunderts“ – zumindest bis Hamilton. Seit 2013 läuft es auch im Londoner West End äußerst erfolgreich und tourt nun durch Großbritannien und Kontinentaleuropa. Dass Deutschland dabei nicht vergessen wurde, ist in diesem Fall Mehr-BB Entertainment zu verdanken und lässt den Glauben zurückkehren, das für das moderne Musiktheater hierzulande mehr möglich ist.

„This book will change your life“

© Paul Coltas

Das Musical ist eine Satire auf Religionen und Glaubensgemeinschaften. Im Mittelpunkt steht das in Deutschland relativ unbekannte Mormontentum, dessen Anhänger sich neben der Bibel auf das Buch Mormon als weitere heilige Schrift berufen. Frisch aus dem Trainingscenter der gleichgescheitelten, uniformierten Glaubensvertreter in Salt Lake City entlassen, werden die jungen Mormonen Elder Price und Elder Cunningham auf ihrer ersten Mission nach Uganda geschickt. Ganz zum Leidwesen des Vorzeigemormonen Price, der eigentlich viel lieber nach Orlando wollte, während Cunningham – ein kindlicher Nerd mit ausgeprägtem Erfindungsgeist („I lie a lot“) – in seinem Partner einen neuen besten Freund sieht.

In einem abgelegenen Dorf im afrikanischen Hinterland angekommen, merken die beiden Missionare schnell, dass die Einheimischen wenig Interesse daran haben, sich bekehren zu lassen. Zu groß sind schließlich die allgegenwärtigen Probleme in Uganda. Stattdessen haben die Dorfbewohner ihren ganz eigenen Weg gefunden, sich mit Gewalt, Krankheit und Armut zu arrangieren. Eine weitere Bedrohung stellt zudem ein Warlord mit unvorteilhaftem Namen dar, der die Region gewaltsam kontrolliert und Zwangsbeschneidungen fordert. So wird nicht nur der Zusammenhalt des ungleichen Paares auf die Probe gestellt, sondern vor allem auch deren Glauben und Vertrauen in Gott. In der Folge entwickelt sich ein turbulentes Stück mit überraschenden Wendungen und extrem hoher Gag-Dichte, bei der kein Auge trocken bleibt.

„We are all Latter-Day Saints“

© Paul Coltas

„Book of Mormon“ ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Das Stück ist mit seinem subversiven und zum Teil respektlosen Humor eines der witzigsten Musicals überhaupt. Schonungslos zieht das Musical alles und jeden durch den Kakao, auch wenn der schwarze Humor – der oft bis weit unter die Gürtellinie geht – sicher nicht jedermanns Sache ist. Es stellt die Konzepte von Religion und Glauben in Frage und entlarvt wunderbar die Absurdität religiöser Narrative. Darüber hinaus strotzt das Musical nur so vor zeitgenössischer Gesellschaftskritik. So werden der American Exceptionalism und Männlichkeitsideale in Frage gestellt, genauso wie die Vorstellung einer Überlegenheit des „Westens“ gegenüber anderen Regionen der Welt. Das Musical handelt von kulturellen Missverständnissen, Glaubenskrisen und utopischen Sehnsüchten. Es ist ein Plädoyer für das Überwinden von Gegensätzen und das Hinterfragen eigener Positionen sowie für Kulturbewusstsein und Pluralismus als Antwort auf die Hybris des Glaubenskolonialismus (Nabulungi: „I know what you people are. You travel from your sparkling, lovely paradise in Ootah to tell ridiculous stories to people less fortunate. To make fun of them.“).

Und was auf den ersten Blick vielleicht blasphemisch erscheinen mag, ist am Ende vielmehr ein Zelebrieren der Idee des Glaubens an sich. Bei aller Scharfzüngigkeit endet das Musical doch versöhnlich, nämlich mit der Botschaft, dass der Glauben nicht schlecht ist, da er Hoffnung bringt. Anders oder gar nicht zu glauben, ist aber genauso in Ordnung. In erster Linie ist das Stück aber lebensbejahend und erinnert daran, das Hier und Jetzt zu genießen, statt sein wahres Ich zu unterdrücken und sein ganzes Leben nur auf das erhoffte Jenseits auszurichten, denn „the only latter day that matters, is tomorrow“. Bei allen bösen Witzen über Gott, AIDS und Homosexualität endet „The Book of Mormon“ doch zutiefst optimistisch und entlässt den Zuschauer mit einem positiven Gefühl. Dieser Optimismus ist typisch für viele Religionen, aber eben auch das Genre Musical selbst.

© Paul Coltas

Wie „Book of Mormon“ mit dem Glauben umgeht, ist in dieser Hinsicht paradox. Dies gilt auch für das zweite große Thema, dass das Stück auf die Schippe nimmt – Musicals. Das Stück ist einerseits eine gelungene Parodie auf das Genre, andererseits aber auch selbst ein verdammt gutes Musical. Es ist wie ein traditionelles amerikanisches Musical konzipiert, und weist nicht nur inhaltlich Parallelen mit R&Hs „The King and I“ auf. Musikalisch bedienen die einzelnen Songs verschiedene Stile, doch ihre Strukturen entsprechen perfekt jeglichen Genre-Konventionen. So ist zum Beispiel „You and Me“ an den Wicked-Stil eines Stephen Schwartz angelehnt, „Sal Tlay Ka Siti“ an eine Menken-Ballade. „Turn it Off“ ist eine klassische Song-and-Dance-Nummer des Golden Age, während es sich bei „Baptise Me“ um ein herrlich komisches Liebesduett handelt. „The Lion King“ mit seinem romantisierenden Afrikabild steht gleich mehrfach im Blickpunkt, nicht nur mit der Hakuna-Matata-Parodie „Hasa Diga Eebowai“.

Auch die Choreographien sind ein wilder Mix aus verschiedenen Tanzstilen wie klassischer Tap Dance, Afrikanischer Tanz oder modernere Boy Band-Einlagen. Diese für ein Musical eher unkonventionelle, aber keinesfalls willkürliche Vielseitigkeit, bereitet große Freude. Das gilt auch für die abwechslungsreichen Orchestrierungen – ein Highlight sind hier sicher die Türklingeln im Opener – die den eingängigen Songs einen schwungvollen Live-Sound verleihen und auch in kleiner Tour-Besetzung und trotz unkonstanter Tonqualität im Saal immer noch toll klingen. Die ausgefeilten Vocal-Arrangements erscheinen leicht und entpuppen sich bei näherem Hinsehen doch als besonders anspruchsvoll.

„We love to dance and shout“

Die Inszenierung von Casey Nicholaw („Something Rotten“, „Mean Girls“) ist kurzweilig, ausgezeichnet getimt und besticht mit schnellen, filmischen Übergängen. Vor allem der erste Akt ist sehr temporeich ohne große Ruhepausen. Das Hauptaugenmerk liegt hier auf den Gags und Songs, während die Beziehungen der Protagonisten etwas zu kurz kommen. Zu loben ist, dass das Buch seine Charaktere trotz aller Albernheit ernst nimmt und nicht bloßstellt, was immer die einfachere Lösung wäre, auch wenn die Zusammensetzung des Duos Price/Cunningham an sich wenig innovativ ist.

Die Figuren wirken wie aus einer South Park-Folge entsprungen und auch das Bühnenbild und die Kostüme sind sehr cartoonesk gehalten. Den Rahmen der Bühne bildet ein mormonisches „Heiligtum“, an dessen Spitze der Engel Moroni thront. Die Szenen in Utah zu Beginn des Stücks finden vor gemalten Hintergründen statt, die später den Blick auf die „realistischen“ Sets von Uganda freigeben. So werden auch visuell die Kontraste zwischen den Schauplätzen deutlich. Auch vermitteln die Kulissen, Requisiten und technischen Effekte in ihrer Einfachheit immer wieder einen ironischen Eindruck, besonders wenn man diese mit den pompösen Schauwerten vieler anderer großer Shows vergleicht.

© Paul Coltas

Da es sich um die englischsprachige Tour der Original-Produktion handelt, ist es nicht überraschend, dass auf der Bühne ausschließlich erstklassige Darsteller zu sehen sind. Kevin Clay verkörperte Elder Price bereits am Broadway und der narzisstische, ehrgeizige Price scheint tatsächlich seine Paraderolle zu sein. Jacob Yarlett als Elder Cunningham wird erwartungsgemäß zum Publikumsliebling und überzeugt durch sein komödiantisches Talent, auch wenn ihm als Swing (Erstbesetzung ist der broadwayerfahrene Conner Peirson) an einigen Stellen etwas die Agilität und Ausdauer einer eingespielten Erstbesetzung fehlen.

Nicole-Lily Baisden als naive Nabulungi stiehlt mit ihrem Charme und Witz beiden etwas die Show und glänzt mit dem klarsten Gesang des Abends. Doch bei dieser Tourproduktion von „Book of Mormon“ punktet die gesamte Besetzung, die mit vielen noch jungen Darstellern gespickt ist. Somit macht es großen Spaß, den eigenen Blick des Öfteren über die Bühne schweifen zu lassen. Vor allem das Mormonen-Ensemble – angeführt vom hervorragenden Will Hawksworth als Elder McKinley – begeistert gleich mehrfach.

„Let your spirit grow“

Mit „ The Book of Mormon“ beweist Mehr-BB Entertaiment, dass Original-Touren in der deutschsprachigen Musicallandschaft sinnvoll sind (Stichwort „Hamilton“) und von der geeigneten Zielgruppe auch dankend angenommen werden. Die Stimmung im Saal ist gelöst, der Beifall groß. Wer sich diese fantastische Show in Köln nicht entgehen lassen möchte, hat leider nur noch bis zum 17. November die Möglichkeit dazu. Im Anschluss macht die Tour in Aarhus (ab 20.11.) und Zürich (ab 10.12.) Station, was vor allem für Musical-Fans im Süden Deutschlands eine gute Alternative darstellt.

„The Book of Mormon“ ist urkomische Satire und Musical-Entertainment auf Top-Niveau – ein Must-See das zeigt, dass zeitgenössische, englischsprachige Musicals auch in Deutschland funktionieren können. Und daran glaube ich.

Weitere Infos und Karten hier, zur Tour und anderen Produktionen hier.

BP: 24.03.2011 (Eugene O’Neill Theatre)

Besuchte Vorstellung: 10.11.2019 (Musical Dome, Köln)

Musik, Lyrics, Buch: Robert Lopez, Trey Parker, Matt Stone

Regie & Choreographie: Casey Nicholaw, Trey Parker (Co-Regie)

Bühne: Scott Pask

Kostüme: Ann Roth

Orchestrierungen: Larry Hochman, Stephen Oremus

Besetzung: Kevin Clay (Elder Price), Jacob Yarlett (Elder Cunningham), Nicole-Lily Baisden (Nabulungi), Will Hawksworth (Elder McKinley/Moroni), Ewen Cummins (Mafala Hatimbi), Johnathan Tweedie (Price’s Dad/Joseph Smith/ Mission President), Thomas Vernal (General/Satan), Jed Berry, Melissa Brown-Taylor, Chinasa, Tre Copeland-Williams, George Crawford, Jordan Lee Davies, Jemal Felix, Patrick George, Isaac Hesketh, M-Jae Cleopatra Isaac, Alex James-Hatton, Fergal McGoff, Lukin Simmonds, Chomba S Taulo, Brad Veitch, Tommy Wade-Smith, Sharon Wattis (Ensemble)

Beitragsbild: © Paul Coltas

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Dennis Traud
"„The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot.“ (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton“, „Dear Evan Hansen“, „Der Kleine Horrorladen“, „HAIR“
Lieblings-Komponist: Leonard Bernstein, Alan Menken, Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unglaublich große Bandbreite an Themen, Formen, Musikstilen. Nichts ist unmöglich und nichts zu ungewöhnlich.