© Lennart Schaffert 2015

Ich weiß nicht, wann genau die Erkenntnis kam. Es ist seltsam, dass sie solange im Verborgenen heranreifen konnte und dann mit einem Schlag ans Tageslicht trat. Ich kann noch nicht einmal sagen, warum sie sich just in diesem Moment einstellte. Schließlich war es ein Moment, wie ich ihn schon etliche Male erlebt habe.
Gerade lief der Abspann von Evita und ich war einigermaßen begeistert. So wie nach den meisten Musicalverfilmungen. Ich fand die Umsetzung gelungen, die Darsteller, die nicht Madonna hießen, waren gut, die Orchestrierung kraftvoller, als man sie in jedem Stage Entertainment-Theater erleben würde. Alles in allem ein wirklich guter Film. Und wie sonst immer, dachte ich daran, wie das Musical wohl auf der Bühne wirken würde. Vielleicht war das der Moment, in dem etwas, was ich schon so oft vorher gedacht hatte, plötzlich ganz anders klang. Warum auch immer. Aber der Gedanke „Der Film kommt lange nicht an die Bühnenversion ran“ beinhaltete nun eine Botschaft, die sich mir vorher nie offenbart hatte. Nämlich die, dass Musical-Verfilmungen gar nicht funktionieren können.
Das mag hart klingen und ich höre schon beinahe die empörten Aufschreie, dass man so etwas doch nicht verallgemeinern könne. Und dass es doch Oscar-prämierte Musical-Filme gäbe gefolgt von einer Aufzählung, welche Filme man im Speziellen gut fand.
Das mag alles sein. Aber das erklärt nicht, warum ich als absoluter Musical-Fan, keine Musical-Verfilmung mehr als gut finde und keine einzige nur ansatzweise gleichwertig zu der Bühneninszenierung.

Bei Buch-Verfilmungen stellt sich das so ähnlich dar: Auch hier gehe ich häufig aus dem Kino und denke mir: Da ist aber viel von dem Zauber der Buchvorlage verloren gegangen. Aber es gibt eben auch Filme, die sich hinter ihrer literarischen Vorlage nicht verstecken müssen, in ihrer Bildsprache, Dramaturgie und schauspielerischen Intensität vielleicht sogar noch beeindruckender geraten. Zumindest aber gleichwertig.

Man darf nicht den Fehler machen, verschiedene Medien miteinander zu vergleichen. Das Medium Buch funktioniert anders als das Medium Film. Aber der Film kann sich Bücher zu eigen machen und mit seinen Mitteln in ein neues Gewand gießen.

Die große Frage, die sich mir nun aber stellt: Wenn so etwas bei Büchern funktioniert, warum funktioniert das dann nicht bei Musicals? Warum schafft Hollywood es hier nicht, Filme zu produzieren, die mich ähnlich faszinieren, wie die Bühnenversionen? Sind die Medien Theater und Film überhaupt kompatibel und aufeinander übertragbar?

Ich habe mal versucht, mit Maira über das Thema zu reden, aber sie meinte nur, dass ich doch das Theater-Erlebnis nicht mit einem Kinobesuch vergleichen könne. Ja warum denn eigentlich nicht? Was macht das Theater und, im Speziellen, das Musical denn so besonders?
Das Zauberwort lautet hier wohl „Live-Erlebnis“. Denn atemberaubende Bilder finde ich im Theater nicht mehr und nicht weniger als im Kino. Mit dem Unterschied, dass diese Bilder und Eindrücke im Theater eben live „produziert“ werden. Ich bin hier näher am Geschehen und an den Schauspielern. Ich sitze da und lasse mich in eine Handlung fallen.
Da muss ich nur an meinen ersten Elisabeth-Besuch in Essen denken. Zugegebenermaßen war ich noch recht jung und äußerst schnell zu beeindrucken. Ich saß in der ersten Reihe und war mit dem Musical und Thema vorher nie in Berührung gekommen. Und ich wusste auch nicht, dass Elisabeth drei Stunden später mein Lieblingsmusical für Jahre werden sollte.
Denn was ich damals im Colosseum Theater erlebte, war einfach nur: WOW! Die Geschichte rund um die Kaiserin Elisabeth wurde entkitscht und aus einer ganz neuen Perspektive erzählt: Nämlich ausgehend von dem Verhör ihres Mörders im Reich der Toten. Dieser führt als Art Conférencier durch die Handlung und lockert die düstere Stimmung durch seine bissigen wie humorvollen Kommentare auf und sorgt für Orientierung in dem historischen Konstrukt.
Die Darsteller, allen voran Uwe Kröger, Carsten Lepper und Pia Douwes spielten mit einer Intensität, wie ich sie noch nie vorher erlebt hatte. Mit jedem Ton ihres Gesanges versank ich tiefer in meinem Sitz. Dass Menschen solche Töne live bringen können, hielt ich vorher für einen Mythos. Hinzu kam die Ohrwurm-Musik von Sylvester Levay, dessen Melodien von einem großen Live-Orchester sehr kraftvoll und voluminös gegeben wurden. Ganz zu schweigen von dem wandlungsfähigen und beeindruckenden Bühnenbild, das zwar sehr düster aber dennoch stimmungsvoll gehalten wurde und sich im Minutentakt änderte.
Das Stück entfaltete eine depressive Atmosphäre der Vergänglichkeit. Und doch schlummerte gerade in der androgynen Person des Todes ein Schimmer Hoffnung auf die Erlösung von allen Sorgen. Diese Vorstellung beruhigte mich beinahe.
Zum ersten Mal fiel mir hier die Stärke auf, die das Musical als Genre besitzt: Es erzählt nämlich nicht nur Geschichten mit Musik. Nein. Das Musical macht einen zum Teil einer Geschichte. Was Worte nicht erzählen können, macht das Musical durch seine Musik begreifbar. Das mag sich hochgestochen anhören, aber jeder, der dem Musical wirklich mal eine Chance gegeben und nicht nur Phantom der Oper oder Cats gesehen hat, wird mir da zustimmen können.
Wenn die Stage-PR-Leute ihr Publikum dazu einladen, für drei Stunden in eine andere Welt einzutauchen und ihren Alltag beiseite zu lassen, so ist das auch ein hoffnungsvolles Versprechen, das sie bei mir meistens halten konnten.
Auch Filme entführen einen in eine andere Welt. Aber Filme schaffen es nicht, die oben erwähnte Stärke und Atmosphäre des Musicals auf die Kinoleinwand zu transportieren. Hier wirken die Lieder auf mich wie ein Fremdkörper. Die Elisabeth-Verfilmung der Vereinigten Bühnen Wien hat mich nie so abgeholt wie live im Theater. Les Misérables hat mich in London drei Stunden lang gefesselt und mich auf der heimischen Couche zum Gähnen gebracht. Bei Rent habe ich im Theater geweint (was keine Seltenheit ist bei mir). Die Verfilmung hingegen wirkte auf mich an vielen Stellen kitschig und unnatürlich.

Woran liegt es noch, dass mich Musical-Filme so kalt lassen, ganz abgesehen von dem Argument, dass der Theater-Zauber nicht in Filmbildern ausgedrückt werden kann?
Da wäre an erster Stelle wohl die Cast zu nennen. Das Film-Marketing funktioniert nach eigenen Spielregeln. Und hier lautet ein wichtiger Grundsatz: „Hast du keinen Star, hast du keine Chance!“
Ob ein Schauspieler wirklich in eine Rolle passt, wird stark von seiner Presse-Reputation und Zugkraft beeinflusst. Es wäre naiv zu glauben, dass das bei Musical-Filmen anders wäre. Denn am Ende, und da spricht wohl der BWLer aus mir, zählt nur, wie viel Rendite ein Film bringt.
Wenn nun Les Misérables in den Hauptrollen mit Hugh Jackman, Russell Crowe, Helena Bonham Carter und Sascha Baron Cohen besetzt wird, dann wohl nur bedingt, weil sie besser singen konnten, als ihre Mitstreiter um die Rolle. Dann wird gern argumentiert, dass die Darsteller zwar nicht die beste Stimme hätten, aber doch rollendeckend wären und falsche Töne durch perfektes Schauspiel vergessen ließen. Sorry, aber das ist totaler Blödsinn! Wer Russell Crowe`s Interpretation von „Stars“ hören durfte, weiß, was ich meine, wenn ich sage, dass die besten Lieder durch dünne Stimmen einfach verhunzt werden. Selbst ein Hugh Jackman, der von allen wohl noch die beste Stimme hat, war mit der Rolle des Jean Valjean stimmlich vollkommen überfordert. Abgesehen von seinen wirklich beeindruckenden hohen Tönen.
Wer die aktuelle Broadway Cast rund um Ramin Karimloo und Will Swenson erleben durfte, weiß, wie sich Les Misérables anhören kann. Und auch muss. Schauspielerisch ist ein Hugh Jackman nicht viel differenzierter als sein Bühnenpendant Karimloo. Nur Letzterer kann die Rolle eben auch noch singen.
Wenn jemand einen Elfmeter übers Tor schießt, sage ich ja auch nicht: „Gut, der war daneben. Aber er hat doch so hübsch dabei ausgesehen!“
Bevor ich mich zu sehr aufrege, will ich es so zusammenfassen: Ein Musical lebt von der Musik. Und wenn diese durch schwache Stimmen entfremdet wird, rettet auch kein Schauspiel der Welt die Emotionen eines Songs und ein Musical an sich. So bleibt nicht viel mehr übrig als eine Ahnung davon, wie sich ein Lied hätte anhören können. Mission failed!

Bei der Rent-Verfilmung von Chris Columbus waren nun größtenteils die Darsteller der Broadway-Premiere 1996 gecastet. Allesamt spielten und sangen ihre Rollen tadellos. Und trotzdem hat mich der Film nicht gepackt, obgleich er eine der gelungensten Verfilmungen des Genres ist.
Ich habe lange darüber gegrübelt, was ich nun hier schon wieder auszusetzen hatte. Als ich die Antwort darauf fand, fühlte ich mich, als hätte ich gerade Amerika entdeckt! Es mag sich trivial anhören, aber das Theater folgt ganz anderen Erzählweisen und noch wichtiger: ganz anderen Erzähltempi als der Film.
Wenn Boublil/Schönberg jeden zwischenmenschlichen Konflikt von allen Seiten einmal besingen lassen und jede kleine Gefühlsregung in eine drei-minütige Ballade verpacken (Miss Saigon!), dann mag das schon im Theater bisweilen etwas ermüden. Im Kino aber wäre der halbe Saal schon vorm Finale des ersten Aktes eingeschlafen.
Wir leben nunmal im Jahr 2015. Inmitten des Marvel-Universums und der Hunger Games. Schnelle Schnitte, etliche Kameraeinstellungen, Action und knackige Dialoge dominieren die populäre Art, Geschichten zu erzählen. Wenn ein Film Längen aufweist, so ist das der Dolchstoß in der Filmbewertung. Versteht mich nicht falsch: Ich bin ein Fan von Längen und Szenen, deren Aufgabe es weniger ist, zu unterhalten, als vielmehr eine Atmosphäre zu kreieren. Ich mag es, wenn sich eine Geschichte langsam und subtil entfaltet. Und ich liebe es, wenn Dialoge dramaturgisch komplex aufgebaut sind und vor lyrischer Schönheit nur so strotzen, egal, wie wenig zielführend sie sind.
Wo ich die Entschleunigung des Kinos schätze, bemängeln andere die Handlungsarmut und fühlen sich gelangweilt. Aber das Musical ist mehr als Entschleunigung und geht im Kino selbst über meine Schmerzgrenze hinaus. Wenn ein Jean Valjean zehn Minuten lang nicht sterben will und sein nahendes Ende noch in epischer Breite besungen wird, sehe ich in den meisten Gesichtern mehr müde Fassungslosigkeit als Mitgefühl. Denn mit dieser Erzählweise ist der durchschnittliche Kinogänger eben überfordert. Und ich mittlerweile eben auch.
Das Musical reflektiert Gefühle und Handlungen und nimmt sie nicht einfach hin. Auf einen Schicksalsschlag folgt nicht der nächste, ehe der erste nicht musikalisch verarbeitet wurde. Nur wurden wir durch all die Hollywood-Blockbuster, Thriller und Komödien von solchen Erzähltempi eben entwöhnt. Wie ich das bewerte, sei mal dahin gestellt. Schließlich bin ich kein Adorno.
Fakt ist aber, dass ein Musical anders erzählt wird, als es bei Filmen üblich ist. Wenn ein Buch verfilmt wird, wird die Geschichte auf zeitgemäße Art und Weise auf die Leinwand gebracht, Dialoge gekürzt und neu geschrieben. Der Film erzählt ein Buch mit seinen Mitteln und interpretiert es für sich neu. Wenn ein Musical verfilmt wird, werden höchstens einzelne Lieder gestrichen. Die Geschichte wird aber eben immer noch mit Mitteln und in der Geschwindigkeit des Musicals erzählt. Der Film kann sich ein Musical somit gar nicht zu eigen machen und auf seine Möglichkeiten adaptieren.
Natürlich ist Les Misérables anders als Mamma Mia. Und Rent wird auch anders erzählt als ein Phantom der Oper. Alle haben aber gemein, dass sie in ein Theater gehören und dort ihre ganz eigenen Stärken ausspielen können.
Es gibt sie, die guten Musical-Verfilmungen. Und ich werde auch in Zukunft bei jedem einzelnen Kinostart donnerstags in die erste Filmvorführung rennen. Ich denke aber, dass ich nie mit dem Gefühl aus dem Kino gehen werde, das sich im Theater jedes Mal aufs Neue bei mir einstellt.
Ich werde mich auch weiterhin über Schauspieler aufregen, denen irgendwelche Pappnasen gesagt haben, dass sie singen können. Und ich bleibe dabei: Den Zauber eines Theater-Erlebnisses kann kein Bild der Welt transportieren.
Aber eigentlich bin ich auch froh, dass es sie gibt: Die Chicagos und Mamma Mias Hollywoods. Denn sie bringen den Leuten ein Genre näher, mit dem sie sonst nie in Berührung kommen würden. Und vielleicht findet der ein oder andere nach einem DVD-Abend auch mal den Weg in ein Musical-Theater. Und erlebt dann, was ihm der Film nicht zeigen konnte.

(h.h.)

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.