© Guenter Meier/Stadttheater Fuerth

Da sind sie wieder, meine Lieblings-Gespräche. „Du magst Musicals? Wirklich?“ gefolgt von „Ich finde Musicals ja albern…“, gefolgt von „ Klar war ich schon in einem Musical. Ich hab „Cats“ gesehen!“
Den krönenden Abschluss bildet dann meist die einfühlsame Mischung aus Frage- und Feststellung: „Bist du schwul?“
Eigentlich würde es mir viel Zeit ersparen, eine Sprachnotiz aufzunehmen, die ich in solchen Momenten immer abspielen könnte:
„Ja, ich mag Musicals. Nein, ich finde Musicals nicht albern. Ja, „Cats“ ist für mich auch keine Sternstunde. Nein, ich bin nicht schwul.“
Häufig wundere ich mich einfach über die Vorstellung, die manche Menschen von dem Genre Musical haben und wie stark solche Stücke, wie „Cats“ und „Das Phantom der Oper“, im Denken Vieler repräsentativ für eine ganze Kunstform geworden sind.
Vielleicht ist das aber auch mein überhebliches Denken, wenn ich Menschen dafür verurteile, dass sie Musicals verurteilen (okay, der Widerspruch leuchtet mir ein).
Meistens versuche ich dann zu erklären, dass Musical mehr ist als Andrew Lloyd Webber. Und seit 2009 kann ich eine solche Diskussion, ob Musicals denn auch eine ernstzunehmende Kunstform seien, mit einem einzigen Argument im Keim ersticken. Und dieses Argument heißt „next to normal“.

 

© Guenter Meier/Stadttheater Fuerth 

Wer den SPIEGEL abonniert hat, kennt die größten Probleme unserer Zeit: Nazi-Vergangenheit, Rückenbeschwerden und Depressionen. Letzteres ist ein Thema, das momentan leider zur Lebenswirklichkeit Vieler gehört. Auch zu meiner.
Einige der Menschen, die mir am nähesten stehen, mussten leider schon ihre Erfahrungen mit dieser Krankheit machen. Dabei sind Depressionen nicht nur heimtückisch und niederschmetternd für den Erkrankten selbst, sondern auch für seine Angehörigen, die einen ganz anderen Menschen kennenlernen müssen. Einen, der in all seiner Emotionslosigkeit und Gleichgültigkeit verletzt, ohne es zu merken. Jede Krankheit hat Auswirkungen auf nahestehende Personen. Die Depression aber hängt wie ein Schleier über den Angehörigen und verdunkelt das Leben aller, die mit ihr in Berührung kommen. So habe ich die Depression erlebt. Ich war nicht depressiv, aber die Krankheit meiner Freunde und Familie hat auch mit mir etwas gemacht.
Nun sind Depressionen sicherlich ein schwer erzählbares, aber wohl passendes Thema für ein Musical. Obgleich die Schwierigkeit besteht, die Geschichte in der richtigen Tonlage zu erzählen, nicht zu ernst, aber auch nicht zu locker mit dem Thema umzugehen und Depressionen realitätsnah darzustellen, ohne dass der Zuschauer kreidebleich und verstört das Theater verlässt.
Ein schwieriges Unterfangen also, dem sich Brian Yorkey, der Autor, und Tom Kitt, der Komponist, Anfang der 2000er annahmen.
Der Plot der Handlung geht so: Die Familie Goodmann verbringt ihr eher spannungsarmes Leben in einem amerikanischen Vorort. Um es mit den Worten der Mutter Diana zu sagen:

 

They’re the perfect loving family, so adoring
And I love them every day of every week
So my son’s a little shit, my husband’s boring
And my daughter, though a genius, is a freak

 

 

Wie man schon ahnen kann: so „perfect“ und „loving“ geht es im familiären Miteinander nicht immer zu und tatsächlich befindet sich die Mutter Diana in psychologischer Behandlung. Sie leidet an einer bipolaren Störung, einer Krankheit, die durch depressive und manische Episoden gekennzeichnet ist. Ihr Mann Dan bringt sie immer zu den Sitzungen und leidet selbst auch an einer Depression, die er aber eher versucht zu verdrängen, als zu verarbeiten.

 

 

 © Guenter Meier/Stadttheater Fuerth

Alles läuft „gut“, bis sich Diana entscheidet, ihre Tabletten abzusetzen. Als sie mit einer Geburtstagstorte für ihren Sohn Gabe in der Küche steht und Dan ihr behutsam zu erklären versucht, dass ihr Sohn schon seit langer Zeit tot ist, wird dem Zuschauer bewusst, wie schlimm es um Diana und die ganze Familie wirklich steht. Es ist ein erster Aha-Moment, der mit der bisher eher beschwingt-lustigen Erzählweise der ersten halben Stunde bricht.
Diana sucht in der Folge einen neuen Therapeuten auf und fasst den Entschluss, ihren Sohn endlich gehen zu lassen. Schließlich sieht sie den Ausweg von all ihrem Kummer aber nur darin, sich umzubringen.

 

There’s a world…
There’s a world I know.
A place we can go
Where the pain will go away
There’s a world
Where the sun shines each day.

 

Diana überlebt ihren Selbstmordversuch. Allerdings scheint sie in ihrer Verfassung so instabil, dass die Ärzte ihr zu einer Elektroschocktherapie raten, um einen erneuten Versuch, sich das Leben zu nehmen, auszuschließen.
Welche Entscheidung Diana trifft und wie sie nicht nur mit ihrer Krankheit klarkommt, sondern auch, wie ihr Mann und ihre vernachlässigte Tochter lernen, mit alldem umzugehen und ihr eigenes Leben zu führen, erfährt man in einem emotional aufwühlenden und Taschentuch-intensiven zweiten Akt.

 

© Guenter Meier/Stadttheater Fuerth

Die Arbeit von Kitt/Yorkey durchlief mehrere Workshop-Phasen und wurde an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Casts gezeigt, ehe es im Jahr 2008 am Off-Broadway unter dem finalen Namen „next to normal“ aufgeführt und ein Jahr später an den Broadway transferiert wurde. 733 Vorstellungen spielte das Stück am New Yorker Booth Theatre, was an der schnelllebigen 42. Straße kommerziell als Erfolg bezeichnet werden kann.
Künstlerisch sagen 11 Tony-Award-Nominierungen und der Gewinn des renommierten Pullitzer-Preises in der Kategorie Drama wohl alles über die Qualität des Stückes aus. Wie wir bei Elisabeth gesehen haben, können sich Kritiker auch mal irren, aber bei „next to normal“ lagen sie goldrichtig!

Ich habe selten einen so guten Soundtrack zu einem Musical gehört und wurde wohl noch nie von einer Musik so sehr berührt. Diese Mischung aus Ohrwürmern, rockigen Up-Tempo-Nummern und ergreifenden Balladen unterstützt zu jedem Zeitpunkt die wirklich emotionale Handlung und vermag es, ihr neue Tiefe zu verleihen, ohne auch nur einmal zu dick aufzutragen. Dabei beinhaltet die Musik viele Lieder, wie beispielsweise „Song of forgetting“ oder „Why stay/A promise“, die ihre Besonderheit und Wirkung erst beim zweiten und dritten Hören entfalten und einen danach nicht mehr so leicht loslassen. Die Broadway-Castaufnahme lief in meinem CD-Player damals rauf und runter und hat mich nicht nur in ihrer musikalischen Bandbreite beeindruckt, sondern auch aufgrund der Lyrics berührt, die nie zu pathetisch oder kitschig daherkamen und mir mehrmals eine minutenlange Gänsehaut bescherten. Von der grandiosen Cast um Alice Ripley, J. Robert Spencer und Aaron Tveit ganz zu schweigen.

 

 

Wenn man mich fragt, was „next to normal“ neben der phänomenalen Musik und Cast nun so besonders macht, dann sage ich häufig: 6!
Okay, das erinnert jetzt etwas an „Per Anhalter durch die Galaxis“ und den Sinn des Lebens, aber diese Zahl ist wichtig, um die Andersartigkeit dieses Musicals zu begreifen. Denn wo sonst Ensemblenummern und pompös angelegte Show-Choreographien die Musicalbühnen beherrschen, konzentriert sich „next to normal“ auf gerade einmal sechs Darsteller. Spektakel weicht Emotionen und „next to normal“ kommt dadurch sehr ehrlich daher. Durch den Verzicht auf großes Bühnenfeuerwerk, werden die Charaktere und viel stärker noch ihre Gefühle, Probleme und Unzulänglichkeiten in den Mittelpunkt des Bühnengeschehens gestellt. Das ist sehr konsequent und sehr gelungen!

 

Ich hatte ehrlich gesagt nie die Hoffnung, dass ich dieses Stück mal in Deutschland sehen würde, weil die Musicalszene hier zu Lande doch noch etwas hinter der amerikanischen und englischen hinterherhinkt und von der Stage Entertainment in den letzten Jahre etwas zu sehr auf Stücke, wie „Ich war noch niemals in New York“ und „Sister Act“, konditioniert wurde.

 

Das Stadttheater Fürth aber traute sich schon 2013 an die deutschsprachige Erstaufführung und wurde für seinen Mut durch ein ausverkauftes Theater und begeisterte Pressestimmen belohnt.
2015 folgt nun also die Wiederaufnahme dieses Musicals und wie zwei Jahre zuvor, konnte man wieder eine erstklassige Cast verpflichten, die sich hinter der Broadway-Besetzung nicht verstecken muss.

 

© Guenter Meier/Stadttheater Fuerth

Keine Geringere als Pia Douwes steht als Diana auf der Bühne und beweist, warum sie zu Recht seit Jahren die bekannteste und gefeiertste Musicaldarstellerin Kontinentaleuropas ist. Sie spielt die Krankheit, die Verzweiflung und den Schmerz so glaubhaft, dass man spätestens nach dieser Performance die Grausamkeit einer manischen Depression mit all ihren Facetten als Zuschauer begreifen lernt und sogar nachvollzieht. Sie verstört in Dianas schwachen Momenten und ist charmant in ihren starken. Als Ehemann Dan steht ihr Thomas Borchert zur Seite, der zusammen mit Dirk Johnston (Gabe) für einen der emotionalen Höhepunkte zum Ende des zweiten Aktes sorgt, wenn er seinen Sohn endlich erkennt und weinend inmitten einer verlassenen, dunklen Bühne sitzt. Man nimmt ihm die Sorge um seine Frau vom ersten Augenblick an ab und es tut gut, Thomas Borchert, nach all den Draculas und Graf von Krolocks, mal wieder in einer etwas leiseren Rolle zu erleben. Er hat eine unglaublich weiche Stimme, die er hier auch endlich mal wieder zeigen kann. Die schauspielerische Intensität und das gesanglich überdurchschnittliche Niveau zieht sich wie ein roter Faden durch das Ensemble, das ebenso wie die komplette Fürther Inszenierung überzeugt.
Einzig die Liedtexte haben etwas von ihrem Aussagegehalt und Witz verloren, was aber wohl auf die meisten deutschen Musical-Übersetzungen zutrifft.
Und bei all der Dramatik, die dem Stoff innewohnt, findet das Musical stets die richtige Balance aus heiter und dramatisch, ausweglos und dennoch hoffnungsvoll. Ein Journalist der New York Times schrieb einmal, „next to normal“ sei kein „Feel-Good“, sondern ein „Feel-Everything“-Musical. Ein sehr kluger Mann!
Ich habe gelacht und ich habe geweint. Aber ich war nicht traurig. Im Gegenteil: Ich war glücklich, dass es einem Musical gelingt, auf solch intelligente und nachhaltige Weise zu berühren und diese ambivalenten Gefühle in mir hervorzurufen. Das ganze Theater glich an diesem Abend einer Ansammlung berührter, ergriffener Zuschauer, die in ihrem Leben für wenige Stunden innehielten.
Alle Stärken, die das Musical als Genre besitzt, hebt „next to normal“ auf ein völlig neues Niveau.
Standing Ovations und minutenlanger, frenetischer Applaus waren noch der geringste Ausdruck dessen, was „next to normal“ mit seinem Publikum angestellt hat.

 


Wenn ich wieder erklären muss, dass Musical mehr ist als seichte Unterhaltung, würde ich meinen Gesprächspartner am liebsten ins Auto packen, nach Fürth fahren und drei Stunden lang ins Stadttheater setzen. Ich würde ihm ein Päckchen Taschentücher mitgeben und am Ende zählen, wie viele noch in der Packung sind.
Und dann würde ich das Gespräch von Neuem beginnen.

(h.h.)

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.