Zu Beginn unserer Reihe „How to be a legend“, stelle ich euch den Inbegriff des erfolgreichen Musicalkomponisten vor, wobei es bestimmt niemanden gibt, der noch nie von ihm gehört hat. Die Rede ist natürlich von Andrew Lloyd Webber (*22. März 1948 in London).

In die Wiege gelegt

© Stage Entertainment / Morris Mac Matzen
© Stage Entertainment / Morris Mac Matzen

Das Talent zum Komponieren kommt bei dem gebürtigen Londoner nicht von irgendwoher. Sein Vater war selbst ein bekannter Komponist und seine Mutter Pianistin. Nachdem er für ein Semester Geschichte studierte, wechselte er zum Royal College of Music in London und nahm dort ein Musikstudium auf. Im Jahr 1965 lernte er Tim Rice kennen, der von da an häufig die Texte zu seinen bekannten Musicals verfassen sollte und inzwischen selbst kein unbeschriebenes Blatt in der Musicalbranche ist. Zusammen schufen sie das Musical „The like of us“, welches allerdings erst 40 Jahre später im Jahr 2005 auf die Bühne gebracht wurde. Der erste Meilenstein der beiden war dann im Jahr 1968 „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“, gefolgt von „Jesus Christ Superstar“ (1970) und „Evita“ (1976). In den 1980er Jahren feierte Andrew Lloyd Webber (diesmal ohne die Beteiligung von Tim Rice) dann seine größten Hits mit „Cats“ (1981), „Starlight Express“ (1984), „Das Phantom der Oper“ (1986) und „Aspects of Love“ (1989) sowie „Sunset Boulevard im Jahr 1993. Diese Werke wurden ausnahmslos alle zu Kassenschlagern am Broadway, im Londoner West End und meist auch in Deutschland. Zu seinen neueren bekannten Musicals zählen „Love Never Dies“ (2010) – die Fortsetzung vom „Phantom der Oper“ – sowie „School of Rock“ (2015).

Hassliebe

Ehrlichkeitshalber muss ich gestehen, dass ich kein Fan seiner bekanntesten Werke bin und ihn sogar lange für äußerst überbewertet hielt. Vor allem seine großen Hits wie „Evita“, „Cats“, „Starlight Express“ und „Joseph“ lassen mich nicht gerade in Begeisterungsstürme ausbrechen. Dafür gibt es viele und vor allem meist die gleichen Gründe. Seine Stücke haben in meinen Augen meist nur einen richtigen, großen Hit. Sei es nun „Memory“ aus „Cats“, „Don’t cry for me Argentina“ aus „Evita“ oder „Starlight Express“ aus dem gleichnamigen Musical. Die Lieder sind inzwischen zu Recht und absolut verdient zeitlose Klassiker, jedoch leben seine Stücke häufig nur von diesem einen Song, dessen musikalisches Thema im Laufe der Handlung auch immer wieder aufgegriffen wird. Für mich gehört zu einem guten Musical einfach mehr als nur ein richtiger Hit neben vielen soliden Songs.

Ein weiteres Problem, das ich bisher mit seinen Stücken hatte, war, dass mich viele seiner Lieder und Charaktere nicht berühren. Da warte ich die ganze Zeit darauf, dass Evita endlich im weißen Kleid auf dem Balkon steht und zu ihrem Volk singt und dann lässt es mich absolut kalt, weil mir die Titelfigur so unfassbar unsympathisch ist. Bei „Cats“ und „Starlight Express“ hatte ich dann eher das Problem, dass ich die ganze Geschichte so unfassbar absurd und sinnlos fand, dass ich mich gar nicht erst auf die Handlung einlassen wollte. Von „Joseph“ will ich gar nicht erst anfangen, da ich dieses Stück als Verbrechen gegen die Menschheit empfinde und ich nicht mal wirklich sagen kann, was genau mich an diesem Musical so schaudern lässt. Ich bin mir auch nicht sicher, wer jetzt auf welchen Zug aufgesprungen ist: Andrew Lloyd Weber auf den Musicalboom der 1980er Jahre oder folgte der Musicalboom erst auf seine Stücke?

© Mark Seliger
© Mark Seliger

Die Bekehrung

Die ersten kleinen Zweifel an meiner Abneigung kamen im Oktober 2011, als ich im Kino die Live-Übertragung des 25th Anniversary Concert vom „Phantom der Oper“ gesehen habe. Ich war absolut begeistert, was das „Phantom der Oper“ live im Theater vorher nie geschafft hatte. Allerdings war ich mir noch nicht sicher, ob es nicht einfach nur an Ramin Karimloo und Sierra Boggess lag, die ich inzwischen beide zu meinen internationalen Lieblingsdarstellern zähle. Jedoch erlebte ich das gleiche Phänomen ein Jahr darauf, als ich die konzertante Version des „Phantom der Oper“ in Wien besuchte. Die Musik war mir vorher viel zu opernhaft, was ich zwar stellenweise immer noch finde, aber dadurch, dass mir auf einmal viel mehr Songs gefielen, war es nicht mehr ganz so anstrengend. Auch die Charaktere wirkten viel tiefgründiger und facettenreicher als zuvor. Vor allem Christine, die ich vorher langweilig und äußerst lästig fand, hat sich auf einmal in dieses einsame Mädchen verwandelt, das um ihren Vater trauert und sich in diesen schicken Raoul verliebt – was absolut nachvollziehbar ist! Auch beim Phantom haben sich seelische Abgründe aufgetan, die ich vorher nicht erkannt habe. Das alles dann noch gemischt mit dieser herrlichen Musik, die einfach für ein großes Orchester geschrieben wurde, hat mich endgültig überzeugt, dass ich diesem Stück schon eher eine Chance hätte geben müssen.

Der endgültige Sinneswandel kam dann im Sommer 2014 in München als ich dort „Jesus Christ Superstar“ mit Drew Sarich und Alex Melcher in den Hauptrollen sah. Dieses Stück ist natürlich das komplette Gegenteil vom „Phantom der Oper“ und die Musik mochte ich auch vorher schon sehr gerne, weswegen ich natürlich ganz anders an das Musical herangegangen bin, als bei den anderen Stücken von Andrew Lloyd Webber. Und doch war ich überrascht, dass mich das Musical so begeistert und einfach nicht mehr losgelassen hat. Ich bin katholisch aufgewachsen und zumindest in meiner Kindheit gehörte die ewige Leier rund um den Leidensweg von Jesus einfach dazu, aber interessiert hat es mich nie wirklich. Das lag wohl hauptsächlich daran, dass Jesus den Leuten immer als Samariter verkauft wird, der über alle menschlichen Empfindungen wie Schmerzen, Erschöpfung und Liebe erhaben ist. In „Jesus Christ Superstar“ wird Jesus aber zu einem Menschen gemacht, der genau diese Gefühle durchleidet und auf einmal bekommt diese uralte Geschichte eine ganz neue Dramatik wie es sich Hollywood nicht besser hätte ausdenken können. Noch dazu hat Andrew Lloyd Webber seinen Charakteren so starke und emotionsgeladene Musik an die Hand gegeben, dass ich spätestens bei „Gethsemane“ einfach nur mit den Nerven am Ende war, als Jesus alleine und verzweifelt dem Tod entgegen blickt und nochmal seine ganze Frustration rausschreit. Definitiv ganz großes Musiktheater, welches absolut keine Kostüme, Kulissen geschweige denn viele Dialoge benötigt.

Ein Blick hinter den Kitsch

Ich schätze zwar, dass „Jesus Christ Superstar“ eine ganz schmale Gratwanderung zwischen „genialem Musical“ und „absurder als Cats“ ist – Schließlich ist es eine Rockoper über Jesus und mir graut es schon ein wenig vor dem Regisseur, der den Hauptdarsteller in weißer Kutte und voller Messias-Montur ein Kreuz anschreien lässt, während im Hintergrund ein Slash-Verschnitt ein E-Gitarren-Solo hinlegt. Allerdings zeigte diese Inszenierung ebenso wie das konzertante „Phantom“ ganz klar, wie viel Potenzial in den Musicals von Andrew Lloyd Webber steckt, wenn es von und vor allem mit Menschen inszeniert wird, die sein Werk verstanden haben und nicht versuchen, es für die Masse zu verkitschen.

Des Weiteren ist es erstaunlich, wie viele unterschiedliche Musikrichtungen seine Stücke abbilden. Von Rock über Klassik bis hin zu Pop hat er alles schon irgendwie erfolgreich in seinen Musicals aufgegriffen. Und das Erstaunliche ist hierbei auch, dass seine Musik nicht sofort als von ihm komponiert zu erkennen ist. Bei vielen Komponisten, die nicht mal halb so viel Songs geschrieben haben wie er, ist eine ganz klare Linie und ein eigener Stil rauszuhören, um nicht gar zu sagen, dass alles furchtbar gleich klingt. Andrew Lloyd Webber schafft es jedoch oft, sich in seinen Musicals komplett neu zu erfinden. Natürlich ist es nicht die große Kunst, ein Stück wie „Phantom der Oper“ anders als ein Popmusical á la „Starlight Express“ zu vertonen, jedoch klingt beispielsweise „School of Rock“ komplett anders als „Jesus Christ Superstar“, obwohl beide in die gleiche Musikrichtung gehen.

Neben all diesen Gründen, darf man natürlich nicht die Tatsache vergessen, dass er schlicht und einfach das moderne Musiktheater weltweit mitbegründet hat, weswegen er zu Recht DER Musicalkomponisten unsere Zeit ist, ganz egal ob jetzt der Musicalboom oder Andrew Lloyd Webber zuerst da waren.

Beitragsbild: © Tracey Nolan