Vorsicht: Ab hier beginnt die Satirezone! Wir schreiben Tagebuch für die PR-Füchse und Wortakrobaten unserer Zeit. Denn nicht alles, was in Pressemeldungen steht, muss auch stimmen.

Liebes Tagebuch,

ich dachte, ich hätte schon alles erlebt und es könne mich nichts mehr überraschen. Jedenfalls bis zum heutigen Tag, als uns mitgeteilt wurde, dass ein Musical, das immerhin schon seit 1,5 Jahren Ensuite aufgeführt wird, umbenannt wird. Also dass eine Show ein neues Logo oder eine neue CI verpasst bekommt, ist ja schon lange keine Seltenheit mehr (zum letzten Mal exzessiv bei Rocky betrieben, als man erst auf eine weibliche, dann auf eine männliche und am Ende einfach auf eine nicht vorhandene Zielgruppe abgezielt hat). Dass ein Musical aber im laufenden Spielbetrieb umbenannt wird, haben nichtmal die Amis in ihrer fast 100-jährigen Musical-Geschichte geschafft.

„Das Wunder von Bern“ trägt von nun an also den super aussagekräftigen Titel „Das Wunder“. Und ich darf allen Leuten verklickern, warum.
Eigentlich ist es ja ganz einfach: Ist eine Show erfolgreich, braucht man sie auch nicht zu ändern. Läuft eine Show nicht so gut, ändert man eben ein paar Szenen oder mal ein Logo. Was die Änderung eines ganzen Namens bedeutet, brauche ich an dieser Stelle wohl nicht weiter auszuführen. Nur dass auf diesen Gedanken natürlich niemand kommen darf und wir den kommunikativen Stunt vollführen müssen, eine pseudo-plausible Begründung zu finden.

Dabei mag ich „Das Wunder von Bern“, für mich ist es eine der besten Shows, die wir momentan zeigen. Musikalisch nett, Story mit Botschaft (ich weine im Finale jedes Mal, wenn ich es sehe), tolles Bühnenbild – nur leider ein Thema, das Tante Gertrud nunmal wenig interessiert. Zumal mit „König der Löwen“ und „Aladdin“ zwei Städtetrip-kompatiblere Musicals in Hamburg am Start sind.

Erstmal muss ich allen klar machen, dass es sich nicht um ein neues Musical handelt, sondern weiterhin um „Das Wunder von Bern“. Am besten ich mach so `nen ollen Rider/Twix-Vergleich und dann weiß schon jeder Bescheid.

© Stage Entertainment
© Stage Entertainment

Gerade fällt mir auch ein, dass meine Kollegen und ich immer nur vom „Wunder“ sprechen. Vielleicht könnte ich ja den Leuten weis machen, dass ganz viele unserer Gäste nur vom „Wunder“ sprechen und wir darauf netterweise reagiert haben. Ist zwar totaler Quatsch, weil auch alle nur vom „Phantom“ reden und wir „Das Phantom der Oper“ trotzdem nie umbenannt haben, aber so geben wir uns wenigstens als Unternehmen, das nah an seinem Publikum ist.

Und dann könnte ich ja die ewige Laier abspielen, die wir schon seit über zwei Jahren immer wieder bringen, von wegen „Es geht ja gar nicht um Fußball, sondern um die Vater-Sohn-Geschichte“. Das ist zwar genauso glaubwürdig, wie wenn wir sagen würden, in „Aladdin“ geht es gar nicht um Aladdin, sondern um die Wunderlampe, aber das Musical-Publikum ist eben größtenteils weiblich und steht leider nicht auf Fußball. Ich meine, wir stellen uns ja auch nicht hin und produzieren „Wimbledon – Das Musical“ und behaupten dann: „Ja, heißt zwar so, aber in Wirklichkeit geht es gar nicht um Tennis“… jaja…

Den Salat haben wir uns aber selbst eingebrockt und ich muss nun schauen, was ich draus mache. Also, am besten schreibe ich einfach, es geht ja um Mattes und sein persönliches Wunder. Ich weiß zwar ehrlich gesagt auch nicht, was Mattes` Wunder genau ist (dass sein Vater und er am Ende `nen Draht zueinander finden, ist meiner Ansicht nach nicht die Definition von Wunder), aber so genau liest unsere Texte ja eh niemand.

Nicht, dass Mattes irgendwann noch mehr in den Vordergrund gestellt wird und unser findiges Unternehmen irgendwann auf die Idee kommt, aus dem „Wunder“ plötzlich „Mattes – das Musical“ zu machen. Wäre eigentlich nur konsequent und zuzutrauen wäre es ihnen auch.

Wie sagt man so schön: Never change a winning team – so viel zum Erfolg unseres „Wunders“.

Hier das finale Meisterwerk:

https://www.facebook.com/DasMusicalDasWundervonBern/posts/855536354552546

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Beitragsbild: © KULTURPOEBEL.de / Lennart Schaffert

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Stephan Huber
„Das Musical sollte alles sein, was es sein möchte. Wer es nicht mag, soll zu Hause bleiben.“ (Oscar Hammerstein II.)

Lieblings-Musical(s): „Once“, „Memphis“, „Hamilton” und der All-Time-Favorite: „Elisabeth“
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Brian Yorkey
Musical-Fan seit: „Elisabeth” (Essen)
An Musicals fasziniert mich: Die Einheit von Story, Musik und Tanz. Musicals transportieren das, was Worte nicht mehr ausdrücken können. Ich brauche kein ausladendes Bühnenbild oder riesige Show-Effekte – eine leere Bühne, eine starke Stimme und ein ergreifender Song – DAS ist für mich das pure Musical-Theater.