Haben wir wirklich schon 2017? Ist Weihnachten wirklich schon wieder vorbei? Und was mache ich mit den ganzen Schoko-Nikoläusen und Marzipan-Kartoffeln und werde ich meinen Feiertagshüftspeck wieder los? Mich umtreibt momentan so einiges, in besonderem Maße aber die Frage, wie ich dieses vergangene Jahr 2016 so einordnen kann.

Gehe ich meine Musical-Highlights des letzten Jahres durch, lande ich immer wieder bei Liedern, die mich 2016 begleitet haben. Showtunes, die ich hoch und runter gehört habe. Songs, die ich mit besonderen Ereignissen und Momenten verbinde. Mal sind es Lieder, die erst letztes Jahr herauskamen, mal welche, die es schon seit Jahrzehnten gibt und mich erst 2016 so richtig gepackt haben. Das Kuriose ist hierbei vor allem: So oft ich diese Songs im letzten Jahr gehört habe: Das berüchtigte Radio-Phänomen des „Überhörens“ hat sich bei keinem einzigen Lied dieser Liste eingeschlichen und ich bin sehr optimistisch, dass dies die nächsten Jahre auch so bleiben wird.

Ich kann nichtmal sagen, was aus dieser Auswahl DER Musical-Song 2016 für mich war: Fest steht nur: Sie alle haben mein letztes Jahr begleitet, bereichert und waren immer da, wenn ich sie gebraucht habe – in schönen wie nicht so schönen Momenten.

Mein Musical-Soundtrack 2016

„Wie wird man seinen Schatten los“ – „MOZART!“
Musik: Sylvester Levay ; Lyrics: Michael Kunze

Mein Soundtrack des Januars und meines Wien-Trips. Diese Stadt ist für mich die schönste der Welt und der Ausflug im Januar, als ich mir zum zweiten Mal das viel zu kurz gespielte „Mozart!“ ansah, war wirklich rundum gelungen. Ich finde generell, dass dieses Stück stark unterbewertet ist und zu sehr im Schatten von „Elisabeth“ steht. „Wie wird man seinen  Schatten los“ ist für mich eines der schönsten Lieder des Genres und eines der eindrucksvollsten Akt-Finalstücke überhaupt.



„Waving through a window“ – „Dear Evan Hansen“

Musik & Lyrics: Benj Pasek, Justin Paul

Das Musical des aufstrebenden Komponisten-Duos Pasek/Paul wird in New York schon als das neue „Hamilton“ gehandelt, was ich persönlich für (zu) gewagt halte. Trotzdem ist das Social-Media-Musical wohl DER Tipp der aktuellen Saison und man kann damit rechnen, dass „Dear Evan Hansen“ bei den Tonys nicht mit leeren Händen nach Hause gehen wird.
Der Song „Waving through a window“ hat mich extrem gepackt und ich kann nicht mit Sicherheit sagen, wie unglaublich oft ich dieses Lied im Herbst gehört habe: Die Melodie und Lyrics samt der stimmstarken Performance von Ben Platt sind wirklich ganz große Musical-Kunst und ich hoffe so, dass jemand den Mut besitzt und das Stück in absehbarer Zeit nach Deutschland bringt.



„Hair“ – „Hair“
Musik: Galt MacDermot ; Lyrics: Gerome Ragni, James Rado

Die Gil-Mehmert-Inszenierung von „Hair“ in der Münchner Reithalle hat mich letztes Jahr sehr begeistert. Ich bezweifle, dass ich in absehbarer Zeit eine ähnlich starke Produktion von diesem Musical-Klassiker sehen werde und habe damals das Titellied hoch und runter gehört – und leider auch gesungen. Einmal sogar so laut, dass ich Besuch von meinen Nachbarn bekam und O-Ton „Mit dem Krach…“ aufhören sollte. So viel zu der mitreißenden Wirkung dieses Songs.



„Mouth Tattoo“ – „Murder Ballad“

Musik: Juliana Nash ; Lyrics: Juliana Nash, Julia Jordan

Ich bin durch puren Zufall über dieses Stück gestolpert und hatte vorher gar keine Ahnung, welche Musical-Perle hier 2013 am Off-Broadway uraufgeführt wurde. Das durchkomponierte Musical, welches die Geschichte eines Mordes erzählt und bis zum Ende offen lässt, wen es treffen wird, wartet mit einer wirklich intelligenten und komplexen Partitur auf. „Mouth Tattoo“ ist ein richtig starker Indie-Rock-Song, der mich immer wieder beeindruckt hat und von dem ich gar nicht genug bekommen konnte.



„Falling slowly“ – „Once“

Musik & Lyrics: Glen Hansard, Markéta Irglová

Auch nicht das neueste Lied, aber wohl eines der emotionalsten, das je geschrieben und zurecht mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Auf den vielen Autofahrten über die Insel Korfu habe ich das Lied unzählige Male gehört. Zugegeben: „Falling Slowly“ ist nicht gerade der typische Sommersong, aber irgendwie empfand ich ihn in diesem wunderschönen Urlaub in dieser idyllischen Landschaft als sehr entspannend und passend.



„Träum groß“ – „Schikaneder“

Musik & Lyrics: Stephen Schwartz

Auch wenn wir wissen, dass Stephen Schwartz ein extrem vielseitiger Komponist ist: Der Musikstil, den er bei „Schikaneder“ in Anlehnung an Mozart und seine „Zauberflöte“ gewählt hat, ist nicht unbedingt typisch für ihn. Gerade hierin liegt für mich auch der Reiz dieses Musicals, das – wie Mark Seibert es passend ausdrückte – eine neue Schublade aufmacht.
„Träum groß“ ist der Hit der Show, ein wiederkehrendes musikalisches Motiv und ein ganz großer Ohrwurm, den ich mir 2016 immer wieder angehört habe.



„Satisfied“ – „Hamilton“

Musik & Lyrics: Lin-Manuel Miranda

„Hamilton“ ist schon jetzt das Musical des Jahrzehnts für mich – und ohne pessimistisch klingen zu wollen, bezweifle ich, dass in den nächsten Jahren ein Werk komponiert wird, das mich ähnlich berührt, mitreißt und überrascht wie dieses Stück über den vormals wohl unbekanntesten Gründervater der USA. „Satisfied“ ist nichtmal der größte Showstopper dieses Musicals – aber für mich ist dieser Song am beeindruckendsten geraten. Der Beat ist so Musical-untypisch und doch so bühnenwirksam und reißt mich jedes Mal aufs Neue mit. Ich habe das Lied vor allem während meinem letztjährigen Praktikum in München unzählige Male gehört und verbinde damit meine ganze Zeit in der bayerischen Hauptstadt.



„96.000“ – „In the Heights“

Musik & Lyrics: Lin-Manuel Miranda

Ein verrücktes Lied irgendwie, das sich aus so vielen kleinen musikalischen Zitaten und unterschiedlichen Melodien zusammensetzt und am Ende zu einem kraftvollen Finale kulminiert.  Gerade nach meinen Besuchen bei „In the Heights“ in Mainz und London habe ich dieses Lied hoch und runter gehört und kein zweiter Song hat mir dieses Jahr auf Knopfdruck so gute Laune verliehen wie dieser.



„You will still be mine“ – „Waitress“

Musik & Lyrics: Sara Bareilles

Dieser Song ist nicht unbedingt der innovativste, der je geschrieben wurde, ein solider Pop-Rock-Song eben. Jedoch einer, von dem ich dieses Jahr seltsamerweise gar nicht genug bekommen konnte und der mich häufiger beim Kochen und Backen begleitete – keine Ahnung, wieso die Wahl immer gerade hierauf fiel, aber irgendwie empfand ich das ganze Stück in diesen Momenten als sehr passend.



„21 Guns“ – „American Idiot“

Musik & Lyrics: Green Day

Donald Trump wird Präsident der USA. Was sich wie ein schlechter Scherz aus „The Simpsons“ anhört, wird tatsächlich Realität. Da wir kein politisches Magazin sind, will ich dies gar nicht länger bewerten und kommentieren, ich denke und hoffe, wir teilen hierzu sowieso dieselbe Auffassung. Allerdings motivierte mich der Ausgang der US-Wahl dazu, mir Green Day`s „American Idiot“ wieder anzuhören. Vor allem „21 Guns“ hat mich hierbei sehr nachdenklich gestimmt und ich empfinde dieses Lied als ungemein wertvoll und intelligent – so wie das gesamte Musical!



„Merry Christmas, Maggie Thatcher“ – „Billy Elliot“
Musik: Elton John ; Lyrics: Lee Hall

2016 fiel Weihnachten bei mir sehr kurz aus, weil ich schon am ersten Weihnachtstag in Ski-Urlaub gefahren bin und daher wenig Zeit mit meiner Familie hatte. Die Momente, die wir hatten, waren sehr lustig und schön und irgendwie lies mich das ebenfalls sehr lustige und nicht ganz ernst gemeinte „Merry Christmas, Maggie Thatcher“ dieses Jahr nicht los. Ein Lied, das mich wirklich immer zum Lachen bringt.



„Louder than words“ – „Tick…Tick…BOOM!“

Musik & Lyrics: Jonathan Larson

Wir haben auf KULTURPOEBEL.de letztes Jahr nicht nur über Musicals geschrieben, sondern zum ersten Mal auch eines selbst produziert, nämlich das viel zu selten gespielte Rock-Musical „Tick…Tick…BOOM!“ von „Rent“-Mastermind Jonathan Larson. Diese Produktion war wohl die größte Herausforderung und spannendste Zeit meines bisherigen Lebens. Das Lied „Louder than Words“, das zugegebenermaßen reichlich pathetisch und typisch amerikanisch das Ende des Musicals bildet, hat mir bei jeder einzelnen Vorstellung die Tränen in die Augen getrieben und steht wie kein zweites für mein Jahr 2016.

Beitragsbild: © VBW / Deen van Meer