Der Film war ein Überraschungshit – das Musical zumindest für mich eine Überraschung.

Ohne große Erwartungen und mehr zu Ablenkungszwecken saß ich in der Kinoliveübertragung 2014 und stellte mich auf einen schönen, aber wenig kreativen Film- zu- Musical-Abklatsch mit ebenfalls schöner, aber genauso wenig kreativer Elton-John-Musik -Untermalung ein. Schon zehn Minuten später wusste ich: Ich hatte mich getäuscht, denn das Stück ist mehr als eine Eins-zu-Eins Umsetzung des Films aus dem Jahre 2000. Seitdem gehört „Billy Elliot“ zu den meiner Meinung nach besten Musicals, die ich je gesehen habe. 

Handlung und Hintergründe

Sowohl im Film als auch im Stück geht es um den jungen Billy, der in England während des Streiks der Bergarbeiter sein Talent für Ballett entdeckt und nun gegen die Ressentiments seines männlich geprägten Umfelds rebelliert, indem er sich für die Royal Ballet School bewirbt. Ihm hilft die etwas verschrobene Ballettlehrerin Mrs. Wilkinson.

Der Plot ist also eine Coming-of- Age- Story, mit der einfachen Moral, dass es sich auszahlt, ehrlich zu sich selbst zu sein – “In everything you do, always be yourself“ lautet die Bitte von Billys verstorbener Mutter an ihren Sohn. Die Gefahr, dass das Stück in Rührseligkeit abgleitet, ist also jederzeit vorhanden, die Grenze zum Kitsch wird jedoch niemals überschritten.

Anders als der Film konzentriert sich das Musical jedoch viel deutlicher auf die politischen Hintergründe des Bergarbeiter-Streiks von 1984/85. Das Stück von Elton John (Musik) und Lee Hall (Buch) hatte Premiere am Victoria Palace Theatre in London 2005. 2014 folgte die eben erwähnte  Kino-Liveübertragung aus London. Nach Stationen in u.a. Australien, den Niederlanden und Dänemark wird das Stück von Juni bis Juli 2017 im Mehr! Theater in Hamburg zu sehen sein.

Eine Handlung mit Tiefgang, Witz und genialen Tanzszenen

Es ist eine Herausforderung, eine Komödie auf die Bühne zu bringen, die zum einen massentauglich, zum anderen jedoch den nötigen Tiefgang besitzen muss. Wie „Billy Elliot“ sich dieser Aufgabe stellt, ist bewundernswert:

Die Charaktere sind ausgefeilt, Text und Musik verleihen ihnen die notwendige Tiefe. Der Witz besteht oft aus der Situationskomik. So trägt der Vater Jackie Elliot daheim in der Küche eine Kochschürze mit aufgezeichnetem Frauenkörper. Das ist eine tragikomische Szene, weil hieran sowohl das ärmliche  Milieu von Billys Zuhause als auch ein versteckter Witz deutlich werden. Ähnlich ergreifend ist die Szene, in der sich Jackie bei Billys Vortanzen mit einem besser gestellten Vater unterhält und die Unterhaltung an der unterschiedlichen Aussprache des Gegenübers zu scheitern droht. Auch im Ende des Musicals zeichnet sich die größere Ernsthaftigkeit des Bühnenstückes im Vergleich zum Film ab: Während der Film sich hier auf Billys Ballett-Karriere fokussiert, die als durchaus zukunftsträchtig gezeigt wird, endet das Stück sowohl mit der Aufnahme Billys an die Royal Ballet School, als auch mit der Ankündigung, dass seine Heimatstadt durch die Politik Thatchers nun verarmen wird.

© Alastair Muir

Die sehr dichte Handlung gewinnt vor allem durch die Inszenierung an Dynamik. Ein Grund von vielen ist das mit Liebe gestaltete Bühnenbild, welches  sich jederzeit verändern kann. Billy Elliots Schafzimmer kann sich wie ein Turm hervorheben , neue Handlungsorte – etwa das Zimmer seines besten Freundes Michael – lassen sich von den Darstellern mühelos aus der Wand ziehen.

Besonders hervorzuheben ist die Genialität der Tanzszenen. Nicht nur sind die Choreographien aller Kinderdarsteller sehr anspruchsvoll, sodass Erstaunen aufkommt, wie überhaupt jemand, noch dazu ein Kind, solche Choreographien tanzen kann, sondern  auch gerade die dramaturgischen Einfälle, die überhaupt Anlass zu den einzelnen Szenen geben, sind sehr originell. Als Beispiel sei hier „Solidarity“ herausgegriffen, ein über fünf Minuten dauerndes Lied, welches sowohl Billys Ballet-Klasse als auch die mit der Polizei in Konflikt geratenden streikenden Bergabeiter porträtiert und diese im Refrain immer wieder einander gegenüberstellt.

Solche tatsächlich bedrohlich wirkenden Momente wechseln sich ab mit bittersüßen – etwa „Grandma`s Song“, ein Lied, in dem sich Billys Oma an ihre nicht immer idyllische Ehe mit seinem Großvater erinnert  – und geradezu ausgelassenen Songs, denen jedoch immer ein Hauch von Melancholie anhaftet (etwa: „Merry Christmas, Maggie Thatcher“ oder „Expressing yourself“).

© Alastair Muir

Ebenso ambivalent wie der Inhalt, der zwischen Tragödie und Komödie schwankt, ist die Charakterzeichnung. Im Gegensatz zum Film etwa wird der Vater Jackie Elliot hier viel stärker in seinen Zweifeln und seinem Loyalitätskonflikt zu seinen streikenden Kollegen gezeigt. Die Dichte des Inhalts und die Ambivalenz der Figuren machen „Billy Elliot“ zu einem Stück, welches zwar durchaus auch für jüngere Zuschauer geeignet ist, sich jedoch keinesfalls vorrangig an Kinder richtet.

Fazit

Nicht nur, weil das Musical eine einzigartige Interpretation des Filmes darstellt, die völlig eigene Akzente setzt, sondern auch aufgrund seiner beeindruckenden Choreographien sowie seiner dichten Handlung, die vom Zuschauer jegliche Emotion abverlangt, sowie der großartigen Darsteller, ist „Billy Elliot“ ein beeindruckendes Musical für die besonderen Momente.

„Billy Elliot“ spielt vom 28.06. bis 23.07. 2017 im Mehr! Theater am Großmarkt Hamburg. Tickets und weitere Informationen gibt es hier.

Beitragsbild: © Alastair Muir