Bravo! – Anders kann man diese Review nicht beginnen. Das deutschsprachige Musical ruht doch noch nicht in Frieden in einem Sarg, in der von einigen großen Produktionsfirmen errichteten Gruft, denn dem Kreativteam ist es gelungen ein Loch in die Wand der besagten Gruft zu schlagen und nun scheint ein Hoffnungsschimmer, den man „innovative Musical-Entwicklung in Deutschland“ nennt, in die düsteren Gewölbe. Sarg niemals nie! – Dass wir das noch erleben dürfen!

Das Musical „Sarg niemals nie“ von Dominik Wagner und Jörn-Felix Alt feierte am 17. Juli 2013 seine Uraufführung an der Neuköllner Oper. Seitdem spielte es schon in der Berliner Bar jeder Vernunft, im Kammertheater Karlsruhe und in der Theatercouch in Wien. Seit dem 11. Mai 2017 gastiert das Musical nun im Silbersaal im Deutschen Theater München.

Ein Musical zum Totlachen

So lautet der Untertitel dieses Kammermusicals und das ist nicht übertrieben, denn das Musical erfüllt in dieser Hinsicht die Erwartungen der Zuschauer. Es erzählt die Geschichte der drei Hauptcharaktere (weitere Rollen gibt es nicht), die tatsächlich sehr ulkig, makaber und auf eine so absurde Weise konstruiert ist, dass man schon beim Lesen der Inhaltsangabe schmunzeln muss: Nachdem Herr Schneider verstorben ist, übernimmt sein Sohn David das Bestattungsunternehmen seiner Familie. Obwohl man meinen sollte, dass die Kunden für einen Bestatter niemals ausgehen, zeigt uns diese Geschichte, dass auch dieser Berufszweig seine Tücken hat. David und seine polnische Haushaltshilfe Dakmar haben alle Hände voll zu tun, sich eingermaßen über Wasser zu halten. Als dann Davids Bruder Tim aus Indien zurückkommt, wo er Jahre lang Kamasutra-Meister war, um sein leider nicht mehr vorhandenes Erbe entgegen zu nehmen, gerät alles aus den Fugen. Durch einen Zufall entdecken die Drei nämlich, dass Asche eine sehr gute Droge ist und so entwickeln sie eine ganz neue Geschäftsidee für das Bestattungsunternehmen.

Das Kreativteam

Neben pointenreichen Dialogen voll von schwarzem Humor sind auch die Songtexte von Dominik Wagner sehr ideenreich. So gibt es Lieder mit dem Titel „Touch Mahal“, „Wir machen aus Asche Asche“, „Pizza Magre Rita“ oder das Gebet „Hanf Unser“, mit dem die Drogensüchtigen ihrer Sucht huldigen.

Die Musik von Christoph Reuter ist abwechslungsreich und harmoniert perfekt mit den lustigen Texten von Dominik Wagner. Von der schmissigen Uptempo-Nummer bis zur melancholischen Pop-Ballade ist alles vertreten. Und so lockt häufig schon alleine der Musikstil den Zuschauern ein Lachen ab. Hier ist musikalisch gelungen, was man sich so häufig von Musicalproduktionen wünscht: Musik, die schon alleine die Geschichte erzählt, aber trotzdem durchgehend eine wiederkehrende Motivik aufweist.

Auch die Choreografie von Jörn-Felix Alt passt sich perfekt in das Gesamtbild ein. Diese ist für drei Darsteller nicht zu überladen, aber situationsbedingt sehr hilfreich, um die Geschichte zu erzählen.

Als Gemeinschaftsprojekt führten Dominik Wagner und Jörn-Felix Alt zusammen Regie. Sie schaffen es eine kurzweilige Vorstellung zu inszenieren, die es versteht ihre Stärken im Schaffen von Pointen auszuspielen, ohne dabei ins kitschige abzudriften.

Erwähnenswert ist auch das Bühnenbild von Ivan Ivanov, der die kleine Bühne geschickt eingerichtete hat. Hier soll nicht zu viel verraten werden, aber die Bühnenaustattung hat so einige Überraschungen zu bieten.

David, Dakmar und Tim

Alle drei Darsteller haben ihre Rollen singend, tanzend und spielend verinnerlicht. Die Charaktere sind so unterschiedlich und umso witziger ist ihr Zusammentreffen. Durch das fabelhafte Buch und das eindringliche Spiel der Darsteller werden so einmalig lustige Konflikte entwickelt und ausgefochten. Manuel Steinsdörfer verkörpert durch sein intensives Spiel Davids Ängste und Probleme seine Gefühle auszudrücken. Die Zwangshandlung, dass sich David dauernd die Hände desinfiziert, aus einem Akt von Unsicherheit und Selbstzweifel, wird zum Running Gag in diesem Stück.

Auch Dennis Kornau als Tim gibt einen unverwechselbar komischen Charakter – Highlight wenn er immer wieder seine Stärken als Kamasutra-Meister auslebt. Denise Vilöhr hält als Haushälterin Dakmar beide Brüder zusammen und auf Trab. Ihr fällt vor allem der Charakter mit der realistischsten Weltanschauung zu. Trotz der beiden exzentrischen Brüder scheint sie am Boden geblieben zu sein. Gekonnt fügt Denise Vilöhr ihre Stimme gut in die männlichen Töne ein.

Das Musical hat insgesamt gesanglich einiges zu bieten. Von Solo bis Terzett ist alles vertreten. Selten erlebt man ein Musicalensemble, das die Stimmen so wunderbar vereint und auch im Sologesang für Glanzmomenten sorgen kann. Gleiches gilt für den Tanz. Die Tanznummern bauen einen sagenhafte Energie auf, obwohl sich nur drei Menschen auf der Bühne bewegen.

Die „Limited Edition“

Rundum ist „Sarg niemals nie“ eine fabelhafte und kurzweilige Musicalunterhaltung, mit einem Kritikpunkt, der hier nicht verschwiegen werden soll. Die Geschichte ist mit einem Augenzwinkern erzählt und zielt vor allem auf den Unterhaltungsfaktor ab. Jedoch gibt es eine Stelle im Musical, in der die beiden Brüder eine Ballade für ihren Vater singen. An sich ein wunderschöner Song, nur leider passt er nicht in das Gesamtkonzept. Das Lied, eingebettet zwischen den spritzigen Szenen, reisst die Geschichte leider auseinander. Obwohl Manuel Steinsdörfer und Dennis Kornau sehr gut spielen und singen, nimmt man es dem Stück in diesem Moment leider nicht ab, plötzlich nachdenklich und emotional werden zu wollen. Man hätte sich hierbei auch einfach auf das bereits vorhandene Motiv der Musical-Komödie konzentrieren können. Prinzipiell ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Komödien auch mal ernste Töne anschlagen, nur leider blieb dieses Duett der Brüder die einzige emotionale Stelle und kann deswegen vom Zuschauer als störend empfunden werden. Man kommt nicht drum rum sich zur fragen, ob das vielleicht Absicht war. Da sich das Musical nicht so ernst nimmt, kann dieses Lied auch als Parodie des Drama-Musicals intensioniert gewesen sein.

Fazit

Trotz dieses einen kleinen Ausrutschers kann man dem Kreativteam gratulieren. Sie haben es geschafft, ein interessantes und spektakuläres Thema in einem Musical zu verarbeiten. Mit viel Liebe, Leidenschaft und Hingabe haben sie einen großen Beitrag zur Musical-Entwicklung in Deutschland geleistet. Und das noch auf eine so unterhaltsame und leichte Weise. Der Besuch sei jedem wärmstens empfohlen, denn hier kann man tatsächlich zwei Stunden durchlachen. Es bleibt zu hoffen, dass noch mehr Autoren in näherer Zukunft solch außergewöhnliche Musical-Projekte verwirklichen. Aber sarg niemals nie, dass das nicht noch passiert!

„Sarg niemals nie“ – Das Musical

Uraufführung: 17.07.2013 (Neuköllner Oper)
Besuchte Vorstellung: Premiere, 11.05.2017 (Silbersaal, Deutsches Theater München)
Musik: Christoph Reuter, Cristin Claas
Lyrics und Buch: Dominik Wagner
Choreographie: Jörn-Felix Alt
Regie: Dominik Wagner, Jörn-Felix Alt
Musikalische Leitung: Nikolai Orloff
Bühnenbild: Ivan Ivanov
Lichtdesign: Moritz Schick
Produktionsassistenz, Abendspielleitung: Teresa Finke
Besetzung: Denise Vilöhr (Dakmar), Dennis Kornau (Tim), Manuel Steinsdörfer (David)

„Sarg niemals nie“ ist noch bis zum 20.05.2017 im Silbersaal des Deutschen Theaters München zu sehen. Informationen und Tickets gibt es hier.

Beitragsbild: © Kathrin Heller

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Agnes Wiener
"The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot." - (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton”, „Finding Neverland“, „Schikaneder“, „Tanz der Vampire“ und meine guilty pleasure „Der Schuh des Manitu"
Lieblings-Komponist: Lin-Manuel Miranda, Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unendlichen Möglichkeiten in diesem Genre - ob unterschiedliche Musikstile oder interessante Erzählweisen. Der Phantasie, verschiedenste Stoffe mit den Mitteln Tanz, Gesang und Schauspiel auf die Bühne zu bringen, sind keine Grenzen gesetzt.