Als ich am Abend am Bahnhof in Winzendorf aus dem Zug steige, fällt mir als erstes auf, dass es dort ziemlich einsam ist. Dass ich diesen Ort überhaupt besuche, hat folgenden Grund: 2017 findet der erste „Musicalsommer“ in Winzendorf statt – eine Gemeinde in Niederösterreich, die sonst eigentlich für ihre Karl May Festspiele bekannt ist. Intendantin ist keine geringere als Marika Lichter. Für den Start des Musicalsommers wurde „Zorro – Das Musical“ ausgewählt.

Das Stück wird im Steinbruch gezeigt, demselben Ort, an dem die Karl May Festspiele aufgeführt werden. Dementsprechend ist der Platz vor der Bühne von Häusern im Stile einer Westernstadt umgeben – eine sehr stimmige Atmosphäre, passend für ein Musical wie „Zorro“.

Die Bühne selbst präsentiert sich zumindest teilweise als Open Air-Bühne mit beeindruckender Kulisse. Der Zuschauerraum ist komfortablerweise überdacht, obwohl das am Tag meines Besuches eigentlich kaum eine Rolle spielt, denn das Thermometer zeigt auch am Abend noch über 30 Grad an. Im Theater riecht es nach staubigen Ledersitzen und nach Pferd, was im Publikum die Frage aufwirft, ob tatsächlich echte Tiere auf der Bühne zu sehen sein werden. Die Antwort ist: Ja.

© Phillipp Bernhard

Großes Spektakel mit inhaltlichen Schwächen

Im Stück gibt es zwei Reiter (Joseph Schützenhofer, Toni Belkovich), die alle Gegebenheiten der Naturkulisse – Tunnel, Hügel, Täler – bestens ausnutzen und so das Stück mit reichlich Bewegung ausstatten. Pferde und Reiter in einem Musical auftreten zu lassen, auf dessen Logo sich bereits die Silhouette eines sich aufbäumenden Pferdes befindet, ist durchaus naheliegend, kommt jedoch etwas unerwartet – im positiven Sinne. Sie sind aber tatsächlich nur ein kleiner Aspekt eines großartigen Spektakels, das sich mir auf der Bühne bietet.

In dem Musical werden anspruchsvolle Choreographien (Sabine Arthold) getanzt, der Titelheld muss mit seinen Gegnern mehrere Fechtduelle austragen und flüchtet dann mit Hilfe des ein oder anderen Spezialeffektes. Die rundum gelungene Musik der Gipsy Kings beinhaltet Ohrwürmer wie „Bamboleo“ oder „Baila me“ und rundet mit ihren teilweise in Spanisch gehaltenen Texten und eingängigen Melodien dieses Feuerwerk an Eindrücken stimmig ab, sodass diese Inszenierung (Regie: Andreas Gergen) bis zum Schluss fesselt und auch so manche handlungsbedingte Länge gut überdecken kann.

Leider hat das Stück einige inhaltliche Schwächen. „Zorro“ handelt von Diego de Vega, welcher zum Nachfolger seines Vaters, dem Bürgermeister, auserkoren und nach Madrid geschickt wird, um sich dort in allerlei Tugenden zu üben. Diego tut dies aber nicht, sondern schmeißt allzu bald die Schule und wird so Jahre später von Luisa, seiner aus Kalifornien angereisten Freundin aus Kindertagen, aufgegriffen. Diese erzählt ihm, sein Vater sei gestorben und sein Bruder Ramon habe die Macht an sich gerissen. Natürlich kehrt Diego zurück. Unter seinem Pseudonym „Zorro“ setzt er alles daran, seinen Vater zu rächen und seinen rechtmäßigen Platz einzunehmen.

Das Ganze ist also eine alles in allem altbekannte Geschichte, die trotz all ihrer Abgegriffenheit viel Abenteuer verspricht. Leider haben sich die Autoren Stephen Clark und Helen Edmundson bemüht, das Stück als eine Komödie zu gestalten. Nun hat der Versuch, Abenteuergeschichten mit Witz zu verbinden, schon öfter gut funktioniert – man denke etwa an „Die Braut des Prinzen“, einen Film, der im Übrigen die übliche „Zorro“-Handlung auf geniale Weise parodiert. Meiner Meinung nach kommt „Zorro – Das Musical“ mit seinem sehr einfachen Humor jedoch nicht an diesen Witz heran.

© Phillipp Bernhard

Viele Witze in „Zorro“ sind nicht nur platte Schenkelklopfer, sondern verpacken ihre Punchline in teilweise leider auch sehr gestellt wirkende Sätze. Besonders in Erinnerung bleibt mir eine Szene, in der Diego versucht, seinen Bruder Ramon in Sicherheit zu wiegen und sich ihm gegenüber betont tuntig gibt, was ich persönlich heutzutage als Witzvorlage einfach nicht mehr zeitgemäß finde. Beim Publikum jedoch kommt dies sehr gut an, was wahrscheinlich zu großen Teilen an den schauspielerischen Fähigkeiten von Armin Kahl liegt, der Diego/Zorro einfach nur großartig verkörpert.

Bezüglich der Figurenzeichnung ist „Zorro“ offensichtlich um Ambivalenz bemüht, doch auch hier wimmelt es von Stereotypen: Da ist der Bösewicht, dessen Motiv der Neid auf seinen Bruder ist und der Held, der sich eine zweite Identität aufbaut und dem dadurch droht, seine Jugendliebe zu verlieren. Und da ist die Jugendliebe selber, die für Zorro die einzig richtige Frau sein muss – ohne, dass an irgendeiner Stelle des Stückes deutlich wird, worauf diese große Liebe beruht.

Gute DarstellerInnen und eine gelungene Inszenierung

Dass „Zorro“ trotz eindeutiger inhaltlicher Schwächen sehenswert ist, ist unter anderem auch der Verdienst der grandiosen DarstellerInnen: Allen voran brilliert Armin Kahl als Zorro, dem man die Spielfreude sichtlich anmerkt und der auch tänzerisch und gesanglich überzeugt. Ana Milva Gomes überrascht in der Rolle der Inez mit ihrer Wandlungsfähigkeit. Bemerkenswert ist nicht nur ihr stimmliches Repertoire, sondern auch ihre Begabung, die eben bereits erwähnten Dialoge so zu sprechen, dass sie nicht platt wirken. Ihr gegenüber wirkt Franziska Kemna als Luisa zum Teil gesanglich ein wenig blass. Schauspielerisch ist sie Ana Milva Gomes aber durchaus ebenbürtig. Christoph Apfelbeck kann als Ramon viele Facetten eines Bösewichts zeigen. Besonders stimmlich beeindruckt er. Martin Berger hat ein unglaubliches komödiantisches Talent, das in seiner Rolle als Sergeant Garcia bestens zur Geltung kommt.

So ist der „Musicalsommer Winzendorf“ aufgrund großartiger Besetzung und der oben beschriebenen kreativen Inszenierung durchaus lohnenswert, auch wenn ich mir persönlich ein inhaltlich stärkeres Musical auf dem Spielplan gewünscht hätte.

„Zorro – Das Musical“ ist noch bis zum 22.7.17 in Winzendorf zu sehen.

Premierendatum Uraufführung: 2.7. 2008 (Eastbourne)
Premiere in Winzendorf:
22.6.2017
Musik:
Gipsy Kings
Co-Komponist und musikalische Anpassung: John Cameron
Regie: Andreas Gergen
Regieassistenz: Christian-Peter Hauser
Kostüme:
Gerlinde Höglhammer
Choreographie
: Sabine Arthold
Musikalischer Leiter: Lior Kretzer
Besetzung der Hauptrollen: Armin Kahl (Diego de la Vega/Zorro),Ana Milva Gomez (Inez), Christoph Apfelbeck (Ramon) Franziska Kemna (Luisa), Martin Berger (Sergeant Garcia), Christian-Peter Hauser (Don Alejandro)
KinderdarstellerInnen : Nina Hübner (junge Luisa), Nina Lehmann (junge Luisa), Patricia Mitsch (junge Luisa), Florian Burketics (junger Ramon), Elias Trausmuth (junger Diego)

Mehr Infos zu „Zorro“ in Winzendorf gibt es hier.

Beitragsbild: © Phillipp Bernhard