MainMusical präsentiert nun das fünfte Jahr in Folge eine großartige Show im fränkischen Erlenbach. Dieses Jahr ist es Elton John und Tim Rices „Aida“. Ein Mammutprojekt, das auch mit einem rein weißen Ensemble sehr gut funktioniert.

„Aida“ erzählt die Geschichte der gleichnamigen Prinzessin Nubiens. Die Ägypter, die Nubien plündern, verschleppen das Volk der Nubier, um sie als Sklaven auszubeuten. Der oberste Heerführer Radames findet allerdings Gefallen an der Prinzessin und schenkt sie seiner Verlobten Amneris, der Tochter des Pharaos. Doch das Unheil nimmt seinen Lauf. Radames verliebt sich in Aida, vernachlässigt Amneris. Aida will ihr Volk nicht verraten, hintergeht dafür Radames. Die Folge: verletzte Gefühle, falsche Hoffnungen und eine schwerwiegende Entscheidung Amneris‘.

Das Musical Aida basiert lose auf der Oper „Aida“ von Guiseppe Verdi – mit einigen musicaltypischen Änderungen. Die Liebesbeziehung steht im Musical viel stärker im Vordergrund als politische Ungerechtigkeit und es gibt eine klare Trennung zwischen Gut und Böse.

© MainMusical e.V.

Linda Woolverton und Robert Falls sowie David Henry Hwang nahmen sich der Story an und schrieben diese für das Musical um, das Erfolgsduo Sir Elton John und Tim Rice steuerten Musik und Texte bei. Heraus kam ein ernstes und emotionales Stück mit starken Charakteren, das auch für Profis eine Herausforderung ist.

Eine Wahnsinns-Ausstattung

Nachdem „Aida“ knapp zwei Jahre für Laienproduktionen gesperrt war, ist MainMusical nun die erste Truppe, die die Geschichte rund um Liebe, Verrat und Eifersucht nach der Zwangspause wieder aufführen darf.

Künstlerische Gesamtleitung sowie Regie und Hauptrolle übernimmt hierbei Christopher Abb. Er fügte einen zusätzlichen musicaltypischen Wendepunkt in die Story ein. In dieser Inszenierung wird erst später klar, dass Zoser Radames‘ Vater ist. Ein schöner Einfall, der Radames einen wirklichen Grund gibt, sein Verhalten zu ändern. Das Konzept der Show ist vor allem genau das: Eine Show! Am meisten fallen die wirklich unfassbar guten Kulissen, Requisiten und Kostüme auf. Monumentale Säulen, beeindruckende Projektionen, ein Sandgrab mit Special-Effect und ein echter Fluss, ein solches Bühnenbild habe ich noch nie auf einer Laienbühne gesehen und war ziemlich überwältigt (Kulisse: Michael Dietrich).  Auch was die Kostüme angeht, hat man sich nicht lumpen lassen, besonders fielen mir hier die Uniform der Minister auf (Kostüm: Lena Bretz, Maske: Monique Haas). Was den Bereich der Ausstattung angeht, bewegt sich MainMusical auf jeden Fall im Profi Bereich!

Mit der Ausstattung der Bühne geht natürlich auch die Technik einher. Und die war auch weit entfernt von semiprofessionellem Niveau. Für das Lichtdesign war Pierré Kolb verantwortlich. Ich muss zugeben, die Eröffnung des 2. Akts mit „Einen Schritt zu weit“ war mir persönlich etwas zu viel (Carmen) Nebel, dafür konnte man die Kerkerszene mit eben diesem Nebel in ganz neues Licht rücken. Für solche Bilder entschuldigt man auch gerne den Lärm, den so eine Nebelmaschine macht.

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Der Ton, der ja eigentlich dazu da sein sollte, die Künstler auf der Bühne zu unterstützen, tat dies leider nur bedingt. Bei der Einstellung wurde leider ein Großteil der Höhen herausgenommen, den Sängern fehlte die Brillianz bei ihren Tönen. Insgesamt war es für Musical viel zu mittelbetont, es klang eher nach Rock. Ein weiterer (optischer) Makel, der aber auch zu dem untypischen Musicalsound beitrug, waren die extrem großen und abstehenden Mikros. Nun ist es hier aber auch so, dass der Chor nicht auf der Bühne stand, das Ensemble teilweise mikrofoniert war und das Orchester auch noch mit abgemischt werden will. Der Sound kommt aus drei Quellen, insofern ist die Leistung von Sascha Kempf immer noch beachtlich.

Starker Cast

Neben dem grandiosen Bühnenbild war auch die Besetzung der Hauptdarsteller sehr gut.

Melissa Rohleder ist in der Rolle der Titelfigur Aida zu sehen. Sie spielt ihre Figur überzeugend rebellisch, verleiht Aida etwas fast pubertär Görenhaftes. Diese Interpretation fand ich sehr stimmig und gesanglich geht Rohleder mit den wirklich anspruchsvollen Songs hervorragend um.

Emma Adelmann als Pharaotochter Amneris ist trotz ihrer sehr jungen 15 Jahre eine überzeugende Besetzung. Zu Anfang noch schrill, eingebildet und anstrengend, wandelt sie sich mit den Ereignissen immer mehr zu einer abgeklärten Verstandsfrau. Das überaus anspruchsvolle „Sinn für Stil“ bekommt sie gesanglich sehr gut gestemmt, mein Highlight war aber „Die Wahrheit“. Nur zu stehen und ohne große Gesten zu interpretieren, ist oft sehr wirkungsvoll.

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Christopher Abb übernahm neben der Rolle des Radames auch noch die künstlerische Gesamtleitung und Regie. Sein Radames ist die ganze Zeit über sehr verliebt, wobei er aber auch den Konflikt in dem er steht, zum Ausdruck bringt. Auch gesanglich überzeugt er auf ganzer Linie

Zoser, der oberste Minister und Vater von Radames, wird von Martin Simon gespielt. Ihm steht die Rolle des Bösewichts sehr gut und er hat sichtlich Spaß dabei, auch wenn manche Gesten etwas affektiert wirken. Gesanglich kann ich auch vor ihm nur den Hut ziehen. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber die Hauptdarsteller waren durch die Bank gesanglich erste Sahne.

Zum Schluss gibt es noch Mereb, ebenfalls Nubier aber schon lange im ägyptischen Staatsdienst. Benjamin Ganz spielt die Rolle mit viel Gefühl, gesanglich sticht er durch seine weiche Stimme heraus, die auf Merebs schwierige (weil so hohe) Passagen sehr schön passt.

Zu viel Show?

Insgesamt muss ich sagen, dass ich die Wendungen nicht schlüssig inszeniert fand. Die Beziehung zwischen Aida und Radames dümpelte sehr lange auf latent aggressiver Stimmung und auf einmal küssen sie sich. Auch später ging es mit den beiden zu schnell, zuerst feinden sie sich noch an, dann verbringen sie die Nacht miteinander und tauschen Liebesschwüre aus. Genauso war es für mich nicht schlüssig, dass Amneris Aida begnadigt, denn als so gute Freundinnen wie beschrieben, wurden sie davor nicht etabliert. Diese langsame und intime Entwicklung der Beziehung der Figuren hat im Regiekonzept leider keinen so großen Platz eingenommen. Dass viele der Songs und Dialoge frontal zum Publikum gesungen und gestentechnisch durchchoreographiert waren, trug ebenfalls nicht besonders zur Authentizität bei.

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Ein weiterer, wirklich auffälliger Punkt waren die Choreographien. Sie hatten sehr großes Potenzial, doch wurde bei der Einübung auf diesen Aspekt der Show offenbar am wenigsten Wert gelegt. Besonders bei den Choreos der Minister fiel auf, dass das Männerensemble unsicher war, die Choreo saß noch nicht. An anderer Stelle wirkte es, als griffen Regie und Choreo nicht ineinander. Die Musik baut sich auf und man spürt: Gleich kommt ein Dance-Break. Aber das, was auf der Bühne passiert, arbeitet nicht auf eine Choreo hin. Dass sie dann trotzdem kommt, lässt sie unmotiviert und fehl am Platz wirken.

Insgesamt war es aber ein extrem beeindruckender Abend. Nicht selten saß ich mit wirklich offenem Mund da, ich habe Tränen gelacht und geweint. MainMusical muss sich auf keinen Fall verstecken und ich finde es schade, dass diese unglaubliche Produktion in dem kleinen Nest Erlenbach im bayerischen Unterfranken mit nur vier Vorstellungen abgespielt war. Ich jedenfalls freue mich sehr auf die nächsten Produktionen von MainMusical („Der Graf von Monte Christo“ im April 2018 und „Elisabeth – Legende einer Heiligen“ August 2018).

„Aida“ – Das Musical

Uraufführung: 1999 Chicago, Broadwaypremiere: März 2000, Palace Theatre, New York
Premiere in Erlenbach: 27. Juli 2017
Buch: Linda Woolverton, Robert Falls, David Henry Hwang
Musik und Text:
Elton John, Tim Rice
Regie: Christopher Abb
Choreographie:
Eva Palmer
Orchesterleitung:
Carola Martin
Chorleitung: Mathias Nachbar
Kulissenleitung: Michael Dietrich
Requisiten-/Kostümleitun: Lena Bretz
Maske: Monique Haas
Lichtdesign: Pierré Kolb
Sounddesign: Sascha Kempf

Besetzung: Melissa Rohleder (Aida), Christopher Abb (Radames), Emma Adelmann (Amneris), Martin Simon (Zoser), Benjamin Ganz (Mereb), Marcel Lutz (Pharao), Manfred Krompasky (Amonasro), Laura Brettschneider (Nehbeka), Melanie Wolf-Knapp, Jasmin Eisert, Lena Breunig, Silvia Zahner, Alexander Hornich, Catharina Motzel, Cornelius Reith, David Breitenbach, Jonas Bretz, Katharina Kusch, Kathrin Rippenberger, Kiara Krüger-Schlegel, Lisa Müller, Lisa Stöckel, Manuela Kusch, Maurizio Panizzi, Sarah Leischner, Sebastian Beck, Sophie Dietrich, Svenja Nünning

Mehr Informationen zu den Produktionen von MainMusical finden Sie hier.

Beitragsbild: © MainMusical e.V.