Selten hat eine neue Musical-Produktion bereits im Vorfeld so viel Kritik einstecken müssen wie die „Mjusicäl“-Version zum Erfolgsfilm „Fack ju Göhte“. Vor allem die Fachpresse und Online-Plattformen waren nach der Premiere sehr angetan von der neuesten Produktion von Stage Entertainment.

Wer kennt das nicht: Da kommt man nach über einem Jahr endlich aus dem Knast raus und muss erbittert feststellen, dass eine Nutte, die gleichzeitig so etwas ähnliches wie deine beste Freundin ist, dein hart erbeutetes Geld auf einer Baustelle vergraben hat und es nun unterhalb einer Schulturnhalle liegt. Was bleibt einem also anderes übrig, als sich als Hausmeister bei besagter Schule zu bewerben und weil ein Unglück selten alleine kommt, ist man plötzlich der neue Aushilfslehrer und muss sich nun tagsüber mit den Schrecken des Lehrerdaseins und abends mit dem Graben eines Tunnels herumschlagen.

© Stage Entertainment

Der Originalfilm aus dem Jahr 2013, dem im Jahr 2015 und 2017 noch zwei Fortsetzungen folgten, gehört inzwischen zu den erfolgreichsten deutschen Filmen und hat dank seiner legendären Sprüche wie „Chantal, heul leise“ und seiner Besetzung rund um Elyas M’Barek nicht nur beim jungen Publikum Kultstatus erreicht. Ob man deswegen gleich eine Musical-Version davon braucht? Definitiv nein. Aber aufgrund der Tatsache, dass es inzwischen Stoffe aller Art gibt, die für die Musicalbühne adaptiert werden, sollte man über diese kritische Frage vielleicht des Öfteren einfach hinweg- und jedes Stück, welches es zur Aufführung schafft, als Bereicherung ansehen. Und das ist „Fack ju Göhte – Se Musical“ auf jeden Fall! Eine Bereicherung zum bestehenden Musicalprogramm in Deutschland.

Ich bin wahrlich kein Freund davon, wenn Filme – egal wie erfolgreich, egal wie alt, egal wie tauglich – als Musical auf die Bühne kommen. Für mich steckt häufig der Gedanke des schnellen Geldes dahinter und hat für mich einfach bereits im Vorfeld einen anderen Charakter, als wenn z. B. ein Lin-Manuel Miranda im Alleingang aufgrund einer Idee jahrelang ein Stück wie „Hamilton“ schreibt. Da steckt einfach viel mehr Herzblut und Leidenschaft darin. Natürlich kann das Endprodukt letzten Endes genauso großartig werden, wenn das richtige Team dahinter steht, die ihr „adoptiertes Baby“ mit genauso viel Liebe auf die Bühne bringen wollen. Vor allem aufgrund der doch sehr aggressiven Abneigung der Fans gegenüber des Stücks hatte ich bereits im Vorfeld meine Gedanken zu „Fack ju Göhte – Se Mjusical“ niedergeschrieben (Artikel findet ihr hier) und die Sorge war anschließend schon da, dass das Stück mir dann doch überhaupt nicht gefällt und ich an meinen eigenen Worten ersticke. Aber sowohl die ersten Ausschnitte als auch der Besuch der Show haben gezeigt, dass ich doch richtig lag.

Neue Wege

© Stage Entertainment

Nach Jahren der Spekulationen hat es Stage Entertainment also doch noch geschafft, ein Theater in München einzuweihen, nur, dass man letzten Endes nie das Gefühl hat, wirklich in einem Showpalast des Musicalgiganten zu sein: Das Werk 7 im Münchener Osten ist wirklich eher eine Halle als ein Musicaltheater. Und doch war ich begeistert vom neuen Musicalhaus in München. Das Werk 7 befindet sich auf dem ehemaligen Pfanni-Fabrikgelände, welches in den letzten Jahren hauptsächlich die „Kultfabrik“ beherbergte, eines der größten Party-Areale Europas. Seit 2016 entstand hier nun das neue Werksviertel, welches mit vielen bunten Bars, Restaurants und Platz für Kreative eher an Berlin erinnert als an die Münchener Schickeria.

Ich bemängle oft, dass in Deutschland zu selten das jüngere Publikum angesprochen wird, welches in London und New York hauptsächlich durch die Off-Broadway- bzw. Off-West-End-Szene versorgt wird. Zwar haben sich inzwischen viele kleinere Produktionsfirmen sowie die Stadttheater diesem Problem angenommen, aber die Reichweite eines Konzerns wie Stage Entertainment kann hier einfach nicht bedient werden. Das Hauptproblem lag darin, dass Stage Entertainment so ein kleines Theater mit wenig Sitzplätzen gefehlt hat. Schließlich würde es wirtschaftlich nicht so gut funktionieren, Stücke, die einfach in eine intimes Theater gehören, für Ticketpreise um die 120 € in einem Haus mit 2.000 Sitzplätzen spielen zu lassen. Nun gibt es also ein kleineres Theater im Repertoire von Stage Entertainment und ich hoffe, dass es in den nächsten Jahren noch viele weitere Produktionen in hoher Qualität nach München schaffen.

© Stage Entertainment

Mit „Fack ju Göhte“ hat man sicherlich einen guten Anfang gemacht. Das Thema Schule zieht sich sowohl auf als auch neben der Bühne durch den ganzen Abend. Die komplette Bühnenausstattung besteht aus Turngeräten, die wohl jeder noch aus seiner eigenen Schulzeit kennt und die immer wieder geschickt zweckentfremdet werden. Die Bühne und der Zuschauerraum gehen nahtlos ineinander über und man sollte definitiv keine Berührungsängste mit den Darstellern haben. So werden auch mal während einer Schultheateraufführung von „Romeo und Julia“ zwei Zuschauer von der Schulleiterin von ihren Plätzen vertrieben, weil das ihr Platz ist – und bereits vor der Vorstellung wird man von Chantal und Co. mit einem aggressiven „Handy aus“ daran erinnert, dass es in der Schule ein Handy- und vor allem Foto- und Filmverbot gibt. Auch im Vorraum, welcher eigentlich auch nur mit Vorhängen vom Theaterraum abgetrennt ist, lebt man das Thema „Fack ju Göhte“ mit Graffiti-Wänden, Turngeräten und dem klassischen Schulgong als Erinnerung, dass die Vorstellung bald beginnt.

Die 7-köpfige Band unter der musikalischen Leitung von Philipp Gras sitzt über dem eigentlich Backstagebereich, welcher sich sozusagen in der Mitte der Halle befindet. Sicherlich erweist sich der kleine Raum hier als Vorteil, denn der Ton ist wirklich erste Sahne! Das Thema Turnhalle macht auch vor den Sitzplätzen nicht halt und somit sitzt man auf nicht wirklich bequemen Plastikstühlen. Jedoch muss ich sagen, dass ich vor allem in London schon sehr viel schlechter saß. Apropos London: Die Getränke dürfen in Plastikbechern mit in den Saal genommen werden. Ob das nun ein Fortschritt oder ein Rückschritt ist, sei dahin gestellt, jedoch passt es einfach zum Charakter der Show. Das alles schlägt sich auch in den Ticketpreisen nieder, die für die Verhältnisse von Stage Entertainment wirklich human sind. Ich möchte ungern wieder eine Preisdiskussion starten und jeder muss selbst entscheiden, was er bereit ist, für einen Musicalabend zu zahlen. Aber für mich ist Musical und Theater nach wie vor ein Luxusgut und bei einer Preisspanne zwischen 30 € und 100 € darf man sich einfach nicht beschweren.

Deutschlands eigene kleine Musical-Revolution

Während sich Stage Entertainment in puncto Theater also auf neue Wege wagt, war auch die Produktion von „Fack ju Göhte“ fast schon revolutionär in Deutschland. Mit Nico Rebscher, Simon Triebel und Kevin Schröder hat man Komponisten bzw. Texter gefunden, die – außer Kevin Schröder – bisher wenig mit Musicals zu tun hatten, aber musikalisch sowohl national als auch international große Erfolge feiern konnten. Natürlich kann es auch nach hinten los gehen, wenn erfolgreiche Komponisten versuchen, mal eben schnell einen Musical-Score zu schreiben. In diesem Fall ist es jedoch äußerst gelungen, vor allem weil man das Team im Vorfeld in die richtigen Stücke wie „Book of Mormon“ und „In the Heights“ geschickt hatte und man verstanden hat, dass Musical sich vor allem international schon lange von den bekannten Musical-Hits der 80er Jahre wegbewegt hat.

Herausgekommen ist ein frischer Score, bei dem man sich oft querbeet an Hits von vorwiegend deutschen Künstlern erinnert fühlt. Somit gibt es die Ensemble-Nummer, die sehr stark an Culcha Candela erinnert, aber auch das Solo, welches so als Hit von z. B. Johannes Örding in Radio laufen könnte. Vor allem der Song „Zeitkapsel“, welcher im Vorfeld oft zu hören war, ist für mich herausragend. Zum Einen ein Hit, der sofort ins Ohr geht, zum Anderen erzählt er auch zwischen den Zeilen, was der Film unter all dem Klamauk und coolen Sprüchen nicht wirklich rüber gebracht hat: Die Zukunftsangst von Jugendlichen, die sich in diesem Alter noch selbst finden müssen. Somit ist in meinen Augen definitiv ein Mehrwert zum Film vorhanden, da die Charaktere doch ein wenig vielschichtiger werden. Natürlich ist die Handlung trotz allem nicht die tiefgründigste und den Pulitzer-Preis wird man damit wohl nicht gewinnen, aber das Stück macht Spaß und vor allem das junge Publikum hatte seine Freude an dieser Art Musical.

Die allermeisten Zuschauer hatten mit großer Wahrscheinlichkeit den Film gesehen und doch muss ich einen Problempunkt ansprechen. Ich denke, dass es bei ein paar Szenen nicht ganz klar ist, was gerade passiert und aus welchem Grund. Ich habe den Film gesehen – ist schon länger her, das gebe ich zu – und doch war eine Szene dabei, der ich im ersten Moment nicht ganz folgen konnte. Wie ergeht es einem Zuschauer, der ohne jegliche Vorkenntnisse in dieses Stück geht? Auch bei einigen anderen Szenen sehe ich dieses Problem und bei manchen hatte ich sogar das Gefühl, dass sich ein wenig auf dem Film und den Vorkenntnissen der Zuschauer ausgeruht wird. Zudem empfand ich manche Szenen, wie etwa die großartig gelöste Schwimmbad-Sequenz, als zu lang. Ich habe mich dennoch keine einzige Minute wirklich gelangweilt, dafür ist zu viel Aktion im Raum.

© Stage Entertainment

Es haben sich wahrscheinlich viele Zuschauer gewünscht, dass der äußerst unwahrscheinliche Fall eintritt und Elyas M’Barak sich als fantastischer Sänger entpuppt, der zudem gerade kein anderes Jobangebot hat. Die Rolle des Zeki Müller ging dann doch an Max Hemmersdorfer. Bei den Ausschnitten von der ersten Pressekonferenz wirkte er noch etwas zu aufgesetzt. Hier habe ich einfach ein Dirty-Dancing-Trauma, wenn bekannte Texte aus Filmen eins zu eins auf der Bühne aufgesagt werden, da es schnell nach einer bloßen Kopie des Originals klingt. Live auf der Bühne hat er mich jedoch von ersten Satz an überzeugt, ohne auch nur einen Moment wie ein Abklatsch des Filmoriginals zu wirken. Auch gesanglich punktet er gleich mit seiner warmen Gesangsstimme und dank besagter Schwimmbad-Szenen kann ich vor allem die Mädels beruhigen, denn auch optisch braucht er sich nicht hinter Elyas M’Barak zu verstecken.

Johanna Spantzel spielt die überkorrekte und doch liebenswerte Lisi Schnabelstedt. Auch sie schafft es problemlos, sich vom Filmoriginal abzusetzen und ihr eigenes Ding zu machen, ohne die Rolle zu sehr zu verändern. Ganz großes Kino ist auch die Performance von Schulleiterin Frau Gerster alias Elisabeth Ebner. Wie sie als knallharte Geschäftsfrau und ohne Emotionen ihren Job meistert, war schon im Film nicht nur aufgrund des Kleberschnüffelns jede Sekunde wert. Auf der Bühne hebt sie die Rolle dank ihrer Gesangs- und Tanzeinlagen nochmal auf eine ganz andere Stufe der Witzigkeit. Auch die Rolle der Charlie, gespielt von Jennifer Siemann, war für mich bereits im Film ein Highlight. Zwar ist sie nur eine Nebenrolle, die es im Gegensatz zu Lisis Kollegin und Freundin Caro auch ins Musical geschafft hat, aber doch bedient sie eine ganze Sympathiepalette, die weit über die einer einfachen Nebenrolle hinausgeht.

Auch die restliche Besetzung ist es mit ihren frischen Gesichtern und großen Talenten wert, gesehen zu werden. Insbesondere hat mich Robin Cadet als Klassen-Nerd Jerome begeistert. Während er sich die meiste Zeit im Hintergrund hält, haut er ohne Vorwarnung plötzlich ein Highlight nach dem nächsten raus. Insbesondere seine Performance bei „Romeo und Julia“, wenn er als Tybalt eine Michael Jackson-Performance aufs Parkett legt, ist großartig.

Schlussendlich sei gesagt, dass ich einen fantastischen Abend hatte und mir „Fack ju Göhte“ wirklich Spaß gemacht hat, obwohl ich mich manchmal vielleicht zu sehr an meinen eigenen Schulsportunterricht erinnert gefühlt habe.

Uraufführung: 21.01.2018 (Werk 7, München)
Besuchte Vorstellung: 09.02.2018 (Werk 7, München)
Musik, Lyrics, Buch: Nico Rebscher, Simon Triebel, Kevin Schröder
Regie: Christoph Drewitz
Choreografie: Frederik „Benke“ Rydman
Bühnenbild: Andrew D. Edwards
Lichtdesign: Richard Howell
Kostüme: Reto Tuchschmid
Maske: Darren Ware, Pavel Stalmach
Musikalischer Leiter: Philipp Gras
Besetzung: Max Hemmersdorfer (Zeki Müller), Johanna Spantzel (Lisi Schnabelstedt), Elisabeth Ebner (Frau Gerster), Kevin Schmid (Danger), Rebecca Corcodel (Chantal), Anthony Curtis Kirby (Burak), Susanne Studentkowski (Zeynep), Robin Cadet (Jerome), Sandra Leitner (Laura), Jennifer Siemann (Charlie)

Beitragsbild: © Dominik Bindl / Stage Entertainment

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
Lieblings-Komponist: Stephen Schwartz
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.