Was Disney kann, kann das Münchener Gärtnerplatztheater schon lange und schickt ein Urgestein mancher Kinderzimmer nun als Musicalversion auf die Bühne. „Pumuckl – Das Musical“ feierte im Frühjahr Premiere in München und konnte sich bereits lange im Vorfeld über ausverkaufte Vorstellungen freuen.

Obwohl mich „Meister Eder und sein Pumuckl“ meine ganze Kindheit durch begleitet hat – sei es nun abends das Hörspiel zum Einschlafen oder die Serie in den frühen Morgenstunden – war ich nicht wirklich Feuer und Flamme für die Idee, das Ganze als Musical umzusetzen. Ich selbst bin einfach schon „zu erwachsen“ für einen Neuaufguss der Geschichten rund um den kleinen Klabautermann. Auch war ich mir unsicher, ob „Pumuckl“ bei den heutigen Kindern noch eine Rolle spielt, schließlich scheint die Serie fast vollständig aus dem deutschen Fernsehen verschwunden und auch Hörspiele entsprechen wohl nicht mehr dem Standard. Umso erstaunter war ich, als ich sah, dass alle Vorstellungen in München restlos ausverkauft waren und auf Facebook wahrlich ein Kampf um letzte Resttickets herrscht. Und ich rede nicht von Fünfjährigen, sondern von Menschen in meinem Alter. In einer Zeit, in der neue Musicals in Deutschland doch meistens ums nackte Überleben kämpfen und selbst die beste Werbung kaum Zuschauer ins Theater lockt, war dies für mich dann doch ein Grund, dem Gärtnerplatztheater einen Besuch abzustatten.

© Christian POGO Zach

Es gibt wohl wenige Menschen im deutschsprachigen Raum, die nicht mit den großen und kleinen Abenteuern des Kobolds von Kinderbuchautorin Ellis Kaut groß geworden sind. Pumuckl, ein Kobold, der gerne Streiche spielt und für Menschen unsichtbar ist, bleibt eines Tages in der Schreinerwerkstatt des Meister Eder an einem Leimtopf kleben und muss nach Koboldgesetz nun bei eben diesem bleiben. Vor allem für den Junggesellen Eder ist dies eine große Herausforderung, schließlich kann nur er den kleinen Kobold fortan sehen und gerät des Öfteren in Erklärungsnot, wenn merkwürdige Vorkommnisse in seiner Werkstatt passieren. Ein Grund mehr also, den kleinen Kobold zu erziehen. Richtig gefruchtet haben die Erziehungsmaßnahmen nie und somit kam es zwischen dem 21. Februar 1962 und dem 30. Dezember 1973 zur Ausstrahlung zahlreicher Radiohörspiele und die Fernsehserie folgte in den 80er-Jahren.

Obwohl „Pumuckl“ also schon über 50 Jahre auf den Buckel hat und in zahlreichen Medien vertreten war, hat er sich optisch nie verändert. Auch im Gärtnerplatztheater tritt er so auf, wie man ihn kennt: Grüne Hose, gelbes Hemd, rote Haare und das runde Bäuchlein. Auch sonst ist alles beim Bekannten geblieben. Meister Eder flucht immer noch auf Bayerisch, im Wirtshaus tragen alle Tracht und die Münchner Frauenkirche überragt das Geschehen. Vor allem aufgrund der Serie hatte ich – und wahrscheinlich 80 % des Publikums – doch ein klares Bild im Kopf, wie alles auszusehen hat und es war definitiv wichtig, dass man den Kobold nicht zu sehr auf modern trimmt, sondern in dieser urigen Zeit bleibt, in der man noch zum Schreiner statt zu Ikea gegangen ist, wenn man ein neues Möbelstück gebraucht hat. Auch die Bühnenausstattung hält sich liebevoll und detailgetreu an diese Zeit, auch wenn hin und wieder Modernisierungen wie ein „I Love Karlsruhe“-Jutebeutel über die Bühne hüpfen und man dem Meister Eder vor einem Burn-Out – bzw. nach Pumuckls Neuschöpfung „Birn-Out“ – warnt, wenn ihm alles zu viel wird.

Von kleinen und großen Kindern

© Christian POGO Zach

Die Handlung ist eine simple Aneinanderreihung von bereits bekannten Abenteuern und somit erkannte ich auch sofort unter anderem die erste Folge wieder, als Pumuckl am Leim von Meister Eder hängen bleibt. Trotz aller Nostalgie hat mir aufgrund der Zusammenreihung der einzelnen Geschichten und einer Einführungshandlung rund um einen Schulwandertag insbesondere im ersten Akt ein wenig der rote Faden gefehlt. Wäre es beim ersten Akt geblieben, hätte ich das Musical wohl wirklich nur für Kinder empfehlen können, da die einzelnen Szenen einfach zu sehr zusammengewürfelt schienen und auch manchmal etwas zu albern rüberkamen. Der zweite Akt hingegen hatte eine viel rundere Geschichte und durch das abschließende Ende konnte ich meine Meinung in der Pause noch einmal revidieren und doch sagen, dass das Musical auch für die bereits erwachsenen Fans eine Freude ist.

Vor allem das Bühnenbild von Karl Fehringer und Judith Leikauf hat es mir angetan. Es ist sozusagen ein „Little Munich“ mit vielen kleinen Gässchen, Türmchen und drei Hauptkulissen. Alles befindet sich auf der Drehbühne, wodurch man mit einer Drehung schnell und einfach den Schauplatz ändern kann. Das Wirtshaus und die Werkstatt von Meister Eder bleibt immer gleich, während der dritte Schauplatz des Öfteren umgebaut wird. Somit ist es einmal ein Schloss, in dem Pumuckl Unfug treibt und einmal die Wohnung des Schlossers Schmitt und seiner Frau. Insbesondere die Szene, in der Pumuckl nachts durch das dunkle München wandert, in dem sich die Drehbühne immer wieder dreht, war rein optisch schon ein Genuss. Allein schon wegen der Szene, in der die Bühne mit raffinierten Lichteffekten und Trockeneis in das tobende Meer verwandelt wird und erklärt, wie Pumuckl nach München gekommen ist, lohnt sich ein Besuch. Man darf natürlich keine großen Showeffekte erwarten, aber das Gärtnerplatztheater hat es definitiv geschafft, mit einfachen und detailverliebten Mitteln den Pumuckl ganz neu aufleben zu lassen.

„Alles, was sich reimt, ist gut“

Das bekannte Sprichwort vom Pumuckl kommt auch im Musical zum Einsatz und bei deutschsprachigen Musical-Produktionen beobachte ich häufig, dass die einfachste Lösung doch oft darin gefunden wird, sich alles so gut wie möglich reimen zu lassen. Nicht selten führt dies dazu, dass selbst das schönste Lied zerstört wird. Die Gefahr, dass dies auch bei „Pumuckl“ – dem Meister der Reime – der Fall wird, war daher nicht abwegig, wenn nicht sogar vorprogrammiert. Umso erstaunter war ich dann doch, wie gut es funktioniert hat. Sowohl die Musik als auch die Texte von Franz Wittenbrink und Anne X. Weber liefern die perfekte musikalische Untermalung für den immer überdrehten Kobold, ohne jedoch zu sehr ins Kindische abzudriften. Natürlich kommt man nicht ohne „Hurra, hurra, der Pumuckl ist da“ aus, jedoch wird der Titelsong nur in einer Anfangsszene mit umschriebenem Text und dann noch einmal zum Finale angestimmt. Ansonsten ist hier ein fantastischer, abwechslungsreicher Score mit dem ein oder anderem Ohrwurm gelungen.

© Christian POGO Zach

Auch aufgrund der Dartellerriege merkt man, dass „Pumuckl“ mehr ist als nur Unterhaltung für Kinder. Allen voran gefiel mir Christian Schleinzer in der Titelrolle. Vor allem gesanglich ist es für einen erwachsenen Mann sicherlich nicht einfach, die Songs des Musicals zu singen, schließlich bleibt Pumuckl grundsätzlich sehr hoch und krächzend in der Stimme. Das dann noch gut und vor allem so klingen zu lassen, als würde man ganz natürlich immer so sprechen und singen, ist schon eine Herausforderung. Auch schauspielerisch trifft er genau den Geist von Pumuckl: Immer aufgedreht und doch absolut liebenswert. Erstaunlich fand ich, dass Pumuckl auf der Bühne viel mehr wie ein Kind wirkte, während der Kobold für mich früher immer eher ein kleiner (erwachsener) Mann war, der einfach nur sehr ungezogen ist und noch viel lernen muss. Vielleicht spielt hier auch die Tatsache eine Rolle, dass Pumuckl von einem erwachsenen Mann gespielt wird, der genauso groß ist wie die restlichen Menschen. Ich weiß nicht, was alles in der Entstehungsphase des Musicals über Bord geworfen wurde, weil es für die Bühne nicht umsetzbar gewesen wäre, aber ich hätte es interessant gefunden, wenn man hier vielleicht eine etwas kreativere Lösung gefunden hätte und den Pumuckl mit Hilfe von Puppen oder ähnlichem auf seine „eigentliche“ Größe gebracht hätte. Vielleicht auch eine Mischung aus normalem Darsteller bei den zahlreichen Songs, in denen Pumuckl alleine auf der Bühne ist und aus Puppe, wenn er unter Menschen ist. Nichtsdestotrotz wurde mit Christian Schleinzer eine hervorragende Besetzung gefunden. Die Rolle wird auch noch von Benjamin Oeser gespielt.

© Christian POGO Zach

Ferdinand Dörfler passt als Meister Eder wie die Faust aufs Auge. Ein Urbayer, der ohne Probleme die ganze Riege an bayerischen Schimpfwörtern und Flüchen raushauen kann und natürlich bleibt er in all dem Ärger, den er mit seinem Pumuckl hat, immer noch der sanftmütige Schreiner. Auch das restliche Ensemble inklusive dem Kinderchor legt eine große bayerische Lebensfreude an den Tag. Vielleicht manchmal ein wenig zu viel, jedoch darf man nicht vergessen, dass Pumuckl in erster Linie eine Figur für Kinder ist, auch wenn sich wahrlich viele sehr große Kinder im Theatersaal finden lassen. Alles in allem ist es ein kurzweiliges Stück Münchener Geschichte mit vielen kleinen Einfällen rund um einen Kobold, der auch nach 50 Jahren noch viele Menschen begeistert.

Wer das Musical im Frühjahr verpasst hat, hat ab Herbst wieder die Chance, das Stück im Gärtnerplatztheater zu sehen. Weitere Infos findet ihr hier.

Uraufführung: 19.04.2018 (Gärtnerplatztheater, München)
Besuchte Vorstellung: 21.04.2018 (Gärtnerplatztheater, München)
Musik, Lyrics: Franz Wittenbrink, Anne X. Weber
Regie: Nicole Claudia Weber
Choreografie: Karl Alfred Schreiner
Bühnenbild: Karl Fehringer, Judith Leikauf
Lichtdesign: Jakob Bogensperger
Kostüme: Tanja Hofmann
Dramaturgie: David Treffinger
Musikalischer Leiter: Andreas Kowalewitz
Besetzung: Christian Schleinzer (Pumuckl), Ferdinand Dörfler (Meister Eder), Dagmar Hellberg (Frau Steinhauser), Angelika Sedlmeier (Monika Steinhauser), Susanne Seimel (Hanna Steinhauser), Stefan Bischoff (Schlosser Schmitt), Ulrike Dostal (Gerti Schmitt)

Beitragsbild: © Gärtnerplatztheater

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Nadine Jobst
"What if life were more like theatre? Wouldn't that be grand?" - (Neil Patrick Harris)

Lieblings-Musical(s): „Wicked“, „Pippin“, „Hamilton“
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Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit:„Wicked“ (Stuttgart)
An Musicals fasziniert mich: Like a handprint on my heart... Dass mir Musik ein unbeschreibliches Gefühl, mir Texte eine wilde Idee und mir eine schlichte Inszenierung einen Gedanken geben können, welche mich aus dem Theater hinaus in den Alltag begleiten.