An einem nasskalten Januarabend, irgendwo in Hamburg. Die Musical-Revolution hat Deutschland endgültig erreicht – der erste Hamilton-Singalong hierzulande findet statt. Ein kurzer Bericht:

Bei den „Singalongs“ handelt es sich im Grunde um Musical-Karaoke, die vor allem in Amerika und England populär ist: Fans und Interessierte treffen sich, um zusammen ein Stück durchzuhören und gemeinsam zu singen (in diesem Fall sogar rappen). Wer sich traut, darf dabei gerne selbst zum Mikro greifen und einen Song performen. Besonders beliebt für die Singalongs ist „Hamilton“, das preisgekrönte Hip-Hop-Musical von Lin-Manuel Miranda über einen der Gründerväter und ersten Finanzminister der USA, welches längst vom Broadway-Hit zum kulturellen Phänomen geworden ist – und das sogar über die Grenzen der USA hinweg. Auch in der deutschen Musical-Community ist „Hamilton“ schon lange kein Geheimtipp mehr. Da war der erste Singalong hierzulande nur eine Frage der Zeit. Und welche Stadt wäre für so ein Event besser geeignet als die deutsche Musicalmetropole Hamburg.

Dass es überhaupt dazu kommen konnte, ist dem Hamburger Malte Ohlsen zu verdanken, für den der Abend die Erfüllung eines Herzenswunschs war. Für Ohlsen, selbst großer Hamilton-Fan, ist es die perfekte Verbindung sämtlicher theatralischer und dramatischer Elemente, die das Musical so besonders machen. Dennoch stechen Musik und Texte natürlich hervor: „Selbst nach dem Singalong höre ich die Songs immer noch fast jeden Tag – und das seit nun mehr als 3 Jahren.“ Die Idee hatte er, nachdem er erstmals von diesen Events in den USA las: „Ich wollte meine Begeisterung für das Musical unbedingt zum Ausdruck bringen und dachte mir, warum sollte sowas nicht auch in Deutschland funktionieren?“ Schwierig war es zunächst, einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. Letztendlich konnte er aber die Verantwortlichen der Zinnschmelze in Hamburg-Barmbek von seiner Idee überzeugen, die einen kleinen Saal inklusive Technik zur Verfügung stellten und den Kartenverkauf übernahmen. Um das allgemeine Interesse abzuschätzen und kein finanzielles Risiko einzugehen, startete Ohlsen im Oktober ein Crowdfunding-Projekt und nutzte die sozialen Medien, um auf die Veranstaltung aufmerksam zu machen. Es dauerte nur wenige Wochen, bis die Finanzierung gesichert war.

Am 11. Januar war die Zinnschmelze dann tatsächlich ausverkauft und die ca. 120 Gäste erwartete eine bestens hergerichtete Location. Das Publikum bestand aus einer bunten Mischung aus Hardcore-Fans, die das Musical bereits in London oder New York sehen konnten, und „Stück-Neulingen“, die die Neugier an diesem Abend in die Zinnschmelze verschlagen hat. Auch konnte man dort alle Altersklassen antreffen und sogar einige Hamilton-Shirts konnte man im Zuschauerraum erblicken. Im Vorfeld hatten sich bereits etwa 20 Interessierte gemeldet, um einzelne Parts während des Singalongs zu übernehmen. Diese konnten sich online für die 46 Songs des Musicals eintragen. Hierbei wurden jedoch keine Rollen durchgängig besetzt, mit jedem Lied wechselten die Akteure auf der Bühne, die teilweise extra zu diesem Anlass aus Hessen oder NRW in die Hansestadt gereist sind. Unter ihnen waren sowohl fortgeschrittene Musical-Studenten als auch Laiendarsteller, die bereits im Amateur- oder semiprofessionellen Bereich auf der Bühne standen. So sangen an diesem Abend viele Menschen miteinander, die sich vorher noch nie begegnet waren, alle verbunden durch die gemeinsame Leidenschaft für „Hamilton“. Der Großteil der Solosänger lernte sich erst unmittelbar vorher kennen, sodass einiges an Improvisationstalent bei den gemeinsamen Songs gefragt war, doch die Chemie untereinander stimmte sofort. Organisator Ohlsen ließ alle Lyrics synchron zur Musik über eine Leinwand laufen, ergänzt durch Illustrationen und Memes. So konnten die „Neulinge“ die Geschichte besser verfolgen und natürlich jeder mitsingen, der beim längsten Libretto eines Musicals (20.000 Wörter!) nicht ganz so textsicher war.

Schon gleich zu Beginn wurde deutlich, wie diese Veranstaltung ablaufen sollte: Vom ersten Takt an gab der halbe Saal gemeinsam und lautstark den Opener zum Besten, was bei der anderen Hälfte des Publikums anfangs noch für etwas ungläubiges Erstaunen sorgte. Doch dieser Enthusiasmus sollte den ganzen Abend tragen und letztendlich auch die anderen Gäste infizieren. Nach etwa drei Stunden, in denen die gemeinsame Begeisterung für „Hamilton“ im Mittelpunkt stand, gab es für alle Mitwirkenden und Organisatoren viel Beifall und Standing Ovations. Der erste Hamilton-Singalong Deutschlands war ein großer Erfolg und Riesenspaß für alle Beteiligten, die das Musical gemeinschaftlich zelebrierten. Ein wirklich fantastischer Abend! To the revolution!

Schnell war klar, dass es nicht bei einem einmaligen Event bleiben sollte. Mittlerweile steht bereits fest, dass der Singalong am 8. Februar 2020 in die zweite Runde geht. Karten für die Veranstaltung kann man sich vorrausichtlich ab April hier sichern.

„Hamilton“ soll 2020 nach Hamburg kommen. Unseren immer noch aktuellen Kommentar zu diesem Thema findet ihr hier. Wer mehr über das Musical erfahren möchte, dem empfehlen wir auch unseren Musical des Monats-Artikel und unsere Review zur Londoner Produktion.

Beitragsbild: © Malte Ohlsen