Lange nicht mehr hat ein Musical in Deutschland so polarisiert wie „Bat Out of Hell“, das aktuell in Oberhausen zu sehen ist. Das Musical mit den Hits von Meat Loaf ist eine unkonventionelle Rock-Oper mit altbekannter Love-Story, die trotz aller Vorzeichen am Ende doch zu begeistern weiß und Lust auf mehr macht.

Als Stage Entertainment bekanntgab, dass „Bat Out of Hell“ im November 2018 in Oberhausen Premiere feiern sollte, war das schon eine Überraschung, hatte doch wohl kaum jemand mit diesem Stück als Nachfolger von „Tarzan“ im Metronom-Theater gerechnet und schließlich war die Uraufführung in Manchester noch keine zwei Jahre her. Genauso stellte sich die Frage, ob Rock-Ikone Meat Loaf allein im Jahr 2018 noch ein Garant für einen erfolgreichen Long-Run sein würde. Sein Album „Bat Out of Hell“ wurde bis heute zwar über 40 Millionen Mal verkauft, erschien aber immerhin bereits 1978 und ist vom Musikstil bei weitem nicht so zugänglich für ein heutiges Publikum wie die Evergreens großer Popdiven und -gruppen, die wahrscheinlich auch in Zukunft noch volle Häuser garantieren. Dieses Musical zu produzieren, ist ohne Frage ein Wagnis – und da ist die Frage nach der Aufführungssprache noch gar nicht gestellt.

„Bat Out of Hell“ als Musical einzuordnen fällt gar nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick scheint. Zwar wird das Stück fast ausschließlich als „mit den Songs von Meat Loaf“ beworben (ein Werbeslogan, der vielleicht falsche Erwartungen wecken könnte), doch ist es eben nicht ein typisches Jukebox-Musical, das um die Songs eines Künstlers eine lose, erzwungene Handlung strickt. Es ist in erster Linie eine Herzensangelegenheit des Songwriters Jim Steinman, dem Mann hinter den Hits von Meat Loaf, der auch für Bonnie Tyler und Celine Dion Songs schrieb und im Musicalbereich u. a. Lieder aus seinem Katalog für „Tanz der Vampire“ beisteuerte und die Texte zu Andrew Lloyd Webbers „Whistle Down the Wind“ verfasste. Das Musical „Bat Out of Hell“ ist voll und ganz sein Werk, hier schrieb er neben Musik und Lyrics auch das Buch, welches die Idee zu einer Geschichte aufgreift, die schon seit den 60ern im Kopf des Komponisten herumschwirrte: Steinman wollte in „Neverland“ eine moderne Peter Pan-Geschichte erzählen und begann bereits an der Arbeit zu ersten Songs. Damals wurde die Idee zu einem Musical jedoch verworfen, die Songs landeten später auf dem Album eines noch unbekannten jungen Meat Loaf, das zu einer ganzen Trilogie ausgeweitet wurde und den Sänger zum Weltstar machte.

Es sollte allerdings noch einige Zeit vergehen, bis die Songs ihren Weg auf die Musical-Bühne fanden. Erst im Frühjahr 2017 wurde „Bat Out of Hell“ in Manchester uraufgeführt und spielte seitdem in London (unsere Review) und Toronto, eine geplante Nordamerika-Tour wurde unlängst auf Sommer verschoben. Dass das Musical nun keine zwei Jahre nach seiner Uraufführung bereits in Deutschland zu sehen ist, ist ob der sonst so langen Wartezeiten für englischsprachige Neuheiten durchaus bemerkenswert.

Strat (Robin Reitsma) © Stage Entertainment

Aber worum geht es eigentlich in „Bat Out of Hell“? Die Story ist an sich nicht bahnbrechend, verrückt und kompliziert wird es eher bei der Vorgeschichte. Die Handlung trägt sich im Jahr 2030 in der dystopischen Stadt Obsidian, dem ehemaligen, größtenteils zerstörten Manhattan, zu. Hier regiert mit harter Hand der Tyrann Falco, der in seinen riesigen Falco Towers residiert. Nach einem nicht weiter definierten Chemiekrieg gibt es eine Gruppe rebellischer Jugendlicher („The Lost“), die nicht mehr altern können, da deren DNA eingefroren ist. Anführer dieser Gruppe ist Strat, der selbst auf ewig achtzehn sein muss. Bei gewaltsamen Protesten am Anfang des Stückes begegnet dieser Raven, der Tochter von Falco und Sloane, zum ersten Mal. Es kommt, wie es kommen muss – beide verlieben sich ineinander. Das kann ihr Vater Falco natürlich kaum gutheißen, welcher nebenbei selbst mit zunehmenden Eheproblemen zu kämpfen hat …

Was folgt, ist eine wirre, teils absurde Geschichte um Liebe, Verrat, Jung vs. Alt und das Erwachsenwerden. Aber vor allem doch Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll. Es ist ein wilder Mix aus verschiedensten bekannten Stoffen der Literatur und Theatergeschichte: Neben dem bereits erwähntem Peter Pan sind Parallelen zu „Romeo und Julia“, „Twilight“, „1984“, „We Will Rock You“ oder auch „Starmania“ erkennbar. Es wird allerdings auch deutlich, dass ein Besuch des Musicals ohne jegliche Vorkenntnis schwierig für das Verständnis der Geschichte ist und bei dem ein oder anderen Zuschauer für Fragezeichen sorgen kann. Das Buch von Steinman liefert wenig Hintergrund, die Texte schwanken ständig zwischen poetisch und kryptisch und die Charakterzeichnung der Figuren bleibt überwiegend an der Oberfläche. Ebenso ist der dramaturgische Aufbau des Plots sehr unausgeglichen, was nicht nur daran liegt, dass der zweite Akt die deutlich besseren Songs hat. Doch obwohl die (Rahmen-)Handlung so ungewöhnlich für ein Musical ist, sucht man einen tieferen Sinn vergebens. Sieht man von der klassischen Moral, dass die Liebe am Ende über alles siegt, einmal ab, ist sie doch nicht mehr als bloßes Vehikel für Steinmanns Songs und Rock ’n’ Roll-Stereotype jeglicher Art. Dabei klingt die Ausgangssituation von „Bat Out of Hell“ eigentlich äußerst vielversprechend, vielleicht hätte ein separater Autor das Potenzial des Stückes besser ausschöpfen können.

Doch wenn es um erstklassigen Bombast-Rock mit einer Überdosis Pathos oder eingängige Balladen mit großer Emotionalität geht, macht Jim Steinman wohl niemand etwas vor. Natürlich ist die Musik der Star in diesem Musical, da sie mit ihrer implizierten Theatralität einfach für die große Bühne gemacht ist und erst dort ihre Energie und Wucht entfaltet. Verschiedene Stilrichtungen des Rocks vereinen sich hier zu einem eigenen, unverkennbaren Sound, den der Komponist selbst ganz bescheiden als „Wagnerian Rock“ bezeichnet. Die Songs wie „I’d Do Anything for Love“ („Ich würd aus Liebe alles tun“) oder „It’s All Coming Back to Me Now“ („Jetzt kommt alles zurück zu mir“, Musikvideo hier) sind fast allesamt Welthits. Dennoch bleibt einer der beiden zuvor unveröffentlichten Songs am meisten im Gedächtnis. „What Part of My Body Hurts the Most“ („Wo tut mir der Schmerz am meisten weh“) ist ein wunderschönes, ergreifendes Liebesduett, welches von nun an zum Repertoire jeder guten Musical-Show gehören sollte.

© Stage Entertainment

Neben der musikalischen überzeugt zudem die visuelle Komponente. Bühnenbild, Effekte und technische Ausstattung in „Bat Out of Hell“ sind ganz nach dem Motto „mehr ist mehr“ konzipiert. Das aufwendige Bühnenbild (Jon Bausor) dominiert der Falco Tower, der dem Hals einer E-Gitarre nachempfunden ist und der mit seinen 17 Metern Größe beinahe erschlagend wirkt. Der andere Teil der Bühne stellt das U-Bahn-Tunnelsystem dar, indem sich die „Lost“ verstecken. Die vollgepackte Bühne im dreckigen Industrie-Ruinen-Look ragt mit ihren „Stahlträgern“ weit in den Zuschauerraum hinein und beeindruckt mit ihrer Überdimensionierung. Doch auch viele Details lassen sich finden, die wiederum ganz selbstreflexiv auf die Albumgeschichte anspielen. Auch die Effekte lassen kaum Wünsche offen. Es gibt Feuer, Wasser, einen abstürzenden Cadillac, enorm viel Konfetti, natürlich Fledermäuse und sogar eine zerberstende Harley. Die Licht-Effekte (Patrick Woodroffe) und Projektionen (Videodesign: Finn Ross) stehen dem in nichts nach. Zusammen mit den Kostümen (Jon Bausor, Meentje Nielsen), die 80er-Jahre-Futurismus mit Motorradlederjacken kombinieren, wird so ein in sich stimmiges comichaftes Endzeitsetting erzeugt. Sehr zu loben ist auch die hervorragende Tongestaltung. Endlich ist es in einem deutschen Musicaltheater mal richtig, richtig laut und dennoch entgeht einem kein Schlagzeugsolo oder Gitarrenriff. Die Musiker unter der Leitung von Martin Gallery spielen groß auf und rocken, was das Zeug hält. Das geht alles vielleicht manchmal auf Kosten der Textverständlichkeit, macht so aber deutlich mehr Spaß. Steinmans Musik wäre anders aber auch wirklich nicht vorstellbar.

Jay Scheib inszeniert „Bat Out of Hell“ als liebenswürdig trashiges, aber qualitativ natürlich absolut hochwertiges „B-Musical“. Er punktet mit überraschenden Regieeinfällen, auch wenn nicht jeder Gag gleichermaßen zündet. Zudem ist das Stück multimedial: Per Kamera werden einige Szenen, die zum Beispiel im Tower spielen, auf Leinwände und Fernseher übertragen. Das ermöglicht ungewohnte Einblicke und Nahaufnahmen und erzeugt eine interessante Reality TV-Ästhetik. Etwas befremdlich wirkt an einigen Stellen das Overacting bestimmter Rollen, auch wenn dies durchaus in das Gesamtkonzept passt. Die Szenenübergänge gelingen fließend und wirken filmisch angehaucht. Die bereits erwähnten dramaturgischen Schwächen des Buches kann aber auch er nicht wett machen. Es dauert im ersten Akt doch seine Zeit, bis der Zuschauer endgültig vom Bühnengeschehen gefesselt wird, da man sich in dem unkonventionellen Setting erst mal zurechtfinden muss und die Handlung nicht gerade rasant vorangetrieben wird. Dafür geht es nach der Pause dann Schlag auf Schlag und ein Songhighlight jagt das nächste – je länger das Stück dauert, desto besser wird es (zumindest wenn man über das etwas inkonsequente Ende hinwegsieht). So etwas wie Spannung kommt aber nicht auf, dazu ist die Handlung erwartungsgemäß zu vorhersehbar. Dafür hat man ab einem bestimmten Zeitpunkt das aufregende Gefühl, dass hier alles möglich ist.

„Bat Out of Hell“ in Oberhausen besticht zudem durch ein rundum gelungenes Casting, das in den beiden Hauptrollen wieder auf junge, noch unbekanntere Darsteller setzt.

Strat (Robin Reitsma) und Raven (Sarah Kornfeld) © Stage Entertainment

Robin Reitsma ist in der Rolle des Strat zu sehen und man nimmt ihm die gespielten 18 Jahre auf jeden Fall ab. Er spielt mit viel Energie und Gefühl, beim Gesang hält er sich aber lange zurück. Erst beim Titellied vor der Pause zeigt er vollends sein Können. Sein „Bat Out of Hell“ ist ein Showstopper, der das Publikum elektrisiert in die Pause schickt. An die anarchische Verrücktheit eines Andrew Polac (Londoner Strat) kommt er allerdings nicht heran. Sarah Kornfeld als Raven spielt glaubwürdig den rebellischen Teenager, der aus seinem Elternhaus ausbrechen möchte. Obwohl sie bei der besuchten Vorstellung krankheitsbedingt gesanglich nicht ganz ihre Leistung abrufen konnte, überzeugt sie vor allem mit ihrer etwas rauchigen Stimme in „Der Himmel ist weit“ oder „Jetzt kommt alles zurück zu mir“.

Beide werden allerdings von zwei erfahrenen Musical-Veteranen in den Schatten gestellt: Alex Melcher als Falco ist grandios. Er genießt es sichtlich, mit großer Spielfreude den Bösen zu mimen. Gleichzeitig brilliert er aber auch in den emotionalen Szenen. So wirkt er einfach zu sympathisch, um tatsächlich als Bedrohung wahrgenommen zu werden. Willemijn Verkaik hat offensichtlich schon anspruchsvollere Rollen gespielt und singt hervorragend ohne ersichtliche Anstrengung. Beide beeindrucken in ihrer schauspielerischen Performance als Ehepaar, das sich mittlerweile auseinandergelebt hat und reißen jede Szene an sich. Ihr gemeinsames „Wo tut mir der Schmerz am meisten weh“ ist allein schon das halbe Eintrittsgeld wert.

Stimmliche Glanzlichter können auch auch Aisata Blackman und Benet Monteiro als unglückliches Liebespaar setzen („Für dich steht es zwei zu eins“). Tom van der Ven kommt als Tink die undankbare Rolle zu, zumindest etwas Konflikt zu generieren. Immerhin darf er in einem der ruhigeren Momente sein Talent andeuten („Lieben darf ich nicht“). Alles in allem agieren aber alle Darsteller auf einem gewohnt hohen handwerklichen Niveau und faszinieren mit erstklassigen Rockstimmen. Und auch die Textverständlichkeit ist größtenteils gegeben.

Ein heikles Thema war bereits im Vorfeld die Übersetzung des Stückes, welche von Roland Schimmelpfennig (Text) und Frank Ramond (Songs) durchgeführt wurde. An sich ist dazu alles gesagt. Kurzum: die deutschen Texte bewegen sich in einem für ein Bühnenwerk völlig akzeptablem Rahmen. Während einige Songs sehr gut gelungen sind, sind andere wiederum äußerst gewöhnungsbedürftig. Die Wechsel zwischen Deutsch und Englisch scheinen bis auf wenige Ausnahmen sinnvoll, wenn auch manchmal etwas unnötig kompliziert und sind wohl Geschmackssache. An Musical-Übersetzungen werden sich auch in Zukunft die Geister scheiden – in diesem Fall sollte man sich wohl einfach darauf einlassen, um sich ein eigenes Bild zu machen und dieses Spektakel nicht zu verpassen.

Denn wenn man „Bat Out of Hell“ eine Chance gibt, erlebt man höchst wahrscheinlich einen sehr guten, unterhaltsamen Abend, der erfrischend anders ist als der gewöhnliche Musical-Mainstream. Das Buch von Steinman wird wahrscheinlich keinen Pulitzer Preis gewinnen, doch es ist eine authentische und leidenschaftliche Liebeserklärung an Rockmusik und -kultur. Das Musical bietet eine großartige Show und besticht durch wunderbare Darsteller, die mit viel Spaß bei der Sache sind. Letztendlich springt der Funke auch auf das Publikum über. Nach dem Schlussapplaus möchte man es am liebsten nochmal sehen. (Und ganz ehrlich? I would do anything to see it again!)

Infos und Tickets findet ihr hier.

UA: 17.02.2017 (Opera House, Manchester)
DEA: 08.11.2018 (Stage Metronom Theater, Oberhausen)
Besuchte Vorstellung: 07.11.2018
Musik, Lyrics, Buch: Jim Steinman
Musical Supervisor: Michael Reed
Übersetzung: Roland Schimmelpfennig (Text), Frank Ramond (Songs)
Regie: Jay Scheib
Choreographie: Emma Portner
Bühne: Jon Bausor
Kostüme: Jon Bausor, Meentje Nielsen
Besetzung: Robin Reitsma (Strat), Sarah Kornfeld (Raven), Alex Melcher (Falco), Willemijn Verkaik (Sloane), Tom van der Ven (Tink), Aisata Blackman (Zahara), Benet Monteiro (Jagwire), Michael Moore (Ledoux), Lorenzo di Girolamo (Blake) und Ensemble

Beitragsbild: © Stage Entertainment

 

TEILEN
Vorheriger ArtikelNews: Kerstin Ibald und Patrick Imhof bei „Ich war noch niemals in New York“ in Thun
Nächster ArtikelNews: „Next to Normal“ 2019 in Wien und Marburg
Dennis Traud
"„The musicals that leave us kind of staggering on our feet are the ones that really reach for a lot.“ (Lin-Manuel Miranda)

Lieblings-Musical(s): „Hamilton“, „Dear Evan Hansen“, „Der Kleine Horrorladen“, „HAIR“
Lieblings-Komponist: Leonard Bernstein, Alan Menken, Lin-Manuel Miranda
Lieblings-Texter: Lin-Manuel Miranda
Musical-Fan seit: „Der König der Löwen” (Hamburg)
An Musicals fasziniert mich: Die unglaublich große Bandbreite an Themen, Formen, Musikstilen. Nichts ist unmöglich und nichts zu ungewöhnlich.