RTL Today – Nerviges Paradoxon: Wenn die Sonne die Solarpanels ausschaltet

Je mehr Sonne im süddeutschen Aurach scheint, desto wahrscheinlicher werden die Solarpanels von Jens Husemann vom Netz genommen – ein irritierendes Paradoxon in einer Zeit, in der Deutschland durch eine Energiekrise navigiert.

„Es wird jeden Tag abgeschaltet“, sagte Husemann kürzlich an einem sonnigen Tag gegenüber AFP und sagte, dass es in diesem Jahr bisher mehr als 120 Tage Zwangsabschaltungen gegeben habe.

Husemann, der ein Energieumwandlungsunternehmen in der Nähe von München betreibt, besitzt auch eine umfangreiche Solarstromanlage auf dem Flachdach eines Verkehrsunternehmens im bayerischen Aurach.

Die erzeugte Energie fließt in Stromleitungen, die vom Netzbetreiber N-Ergie verwaltet und von diesem im Netz verteilt werden.

Aber bei sonnigem Wetter werden die Stromleitungen überlastet, was dazu führt, dass der Netzbetreiber die Versorgung mit den Solarmodulen unterbricht.

„Das ist ein Verrat an der Bevölkerung“, sagte Husemann und verwies auf steigende Strompreise und den anhaltenden Druck, mehr Solaranlagen in ganz Deutschland zu installieren.

Europas größte Volkswirtschaft strebt eine ehrgeizige Umstellung auf erneuerbare Energien an, die ab 2030 80 Prozent ihres Stroms ausmachen, um CO2-neutral zu werden.

Aber Russlands Invasion in der Ukraine warf einen Schraubenschlüssel in die Arbeit.

Moskau hat die Gaslieferungen nach Deutschland um 80 Prozent gedrosselt, was vermutlich ein Versuch ist, die Entschlossenheit des europäischen Kraftwerks, die Ukraine zu unterstützen, zu schwächen.

Infolgedessen suchte Berlin weltweit nach alternativen Quellen, um den Mangel zu ersetzen.

Umso frustrierender ist es für Husemann, dessen Solarpanels normalerweise genug Strom für 50 Haushalte erzeugen. Bei den wiederholten Stillständen vermutet er, dass sie bis Ende des Jahres nur noch die Hälfte ihrer Kapazität liefern werden.

– Terminengpässe –

Der Netzbetreiber N-Ergie, der für die Stromgewinnung aus Husemann-Panels verantwortlich ist, räumt ein, dass die Situation alles andere als ideal ist.

Im vergangenen Jahr musste er an 257 Tagen die Versorgung mit Solarmodulen in Teilen des Netzes unterbrechen.

„Wir erleben derzeit – und das ist gut so – einen beispiellosen Boom bei Photovoltaikparks“, sagte Rainer Kleedörfer, Leiter der Entwicklungsabteilung von N-Ergie, gegenüber AFP.

Aber während es nur wenige Jahre dauere, um eine Solaranlage zum Laufen zu bringen, dauere die Aktualisierung der notwendigen Infrastruktur zwischen fünf und zehn Jahren, sagte er.

„Die Zahl der Eingriffe und die Menge der abgeregelten Energie haben in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen“, so N-Ergie-Sprecher Michael Enderlein.

„Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Netzengpässe in den kommenden Jahren sogar zunehmen werden“, während ihre Behebung noch einige Jahre dauern wird, sagte Enderlein.

Laut Carsten Koenig, Geschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft, ist das Problem nicht nur auf die Solarenergie beschränkt, sondern betrifft auch die Windenergie.

Solarengpässe seien in der Regel regional und vorübergehend, sagte er. „Allerdings hören wir manchmal, dass gerade in ländlichen Gebieten in Bayern der Stillstand häufiger vorkommt.“

– 2,4 Millionen Haushalte –

Koenig stimmt zu, dass sich das Problem wahrscheinlich verschlimmern wird, bevor es besser wird.

„Dies gilt insbesondere dann, wenn politische Maßnahmen zum ausreichenden Ausbau des Stromnetzes in Deutschland … zu lange andauern“, sagte er.

Rund 6,1 Terawattstunden Strom aus Erneuerbaren Energien mussten nach den letzten verfügbaren Zahlen im Jahr 2020 abgeregelt werden.

Bei einem durchschnittlichen Verbrauch von etwa 2.500 Kilowattstunden pro Jahr in einem Zwei-Personen-Haushalt hätte dies ausgereicht, um etwa 2,4 Millionen Haushalte mit Strom zu versorgen.

Ein Sprecher der Bundesnetzagentur sagte, er teile die Einschätzung nicht, dass „das Netz in den kommenden Jahren nicht bedarfsgerecht ausgebaut werden kann“.

Nur bei Teilaspekten des Ausbaus gebe es Verzögerungen, sagte der Sprecher – vor allem wegen schleppender Genehmigungsverfahren und fehlender Fachfirmen für die Arbeiten.

Verzögerungen gibt es laut Husemann auch bei den Zahlungen, die er für den von ihm gelieferten Solarstrom erhalten soll oder nicht liefern kann.

Rund 35.000 Euro schulde er ihm bereits für den bisher in diesem Jahr produzierten Strom, der nie den Weg in eine Steckdose gefunden habe.

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