Was das Wahlprogramm 2021 über die Ansichten deutscher Parteien zur EU sagt

Angela Merkel wird nach der Bundestagswahl am 26. September Bundeskanzlerin. Doch in welche Richtung kann Deutschlands EU-Politik in der Nach-Merkel-Ära gehen? Minna Ålander, Julina Mintel und Dominik Rehbaum beurteilen, welche Lehren aus dem wichtigsten Parteiprogramm gezogen werden können.

Die deutsche politische Landschaft hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Während die einst dominierenden Parteien nach und nach Wähler und Mitglieder verloren, führten die Bildung der rechten Alternative für Deutschland (AfD), die Wiederwahl der neoliberalen FDP in den Bundestag 2017 und der Aufstieg der Grünen dazu die Politik im Deutschen Bundestag diversifiziert.

Wenn die vierte und letzte Amtszeit von Angela Merkel zu Ende geht, müssen sich die Wähler bei der Bundestagswahl im September entscheiden, ob sie den gewohnten Weg fortsetzen oder drastisch ändern wollen. Angesichts der zentralen Rolle Merkels in der Europapolitik des letzten Jahrzehnts wird die Wahl des nächsten deutschen Staatschefs auch erhebliche Konsequenzen für die EU haben. Einen ersten Einblick in die möglichen Auswirkungen geben die wichtigsten vor der Wahl veröffentlichten Parteiprogramme.

Föderal, national oder supranational?

Zur Position Deutschlands in der EU zeigt das Wahlprogramm, dass es derzeit drei unterschiedliche Lager zwischen den sechs voraussichtlich im Bundestag vertretenen Parteien gibt. Die aktuelle Koalition aus Christdemokraten (CDU/CSU) und Sozialdemokraten (SPD) sieht die EU als zentralen Bestandteil der Zukunft Deutschlands. Doch trotz des recht ambitionierten EU-Kapitels im Koalitionsvertrag 2017 wurden nur wenige konkrete Projekte umgesetzt. Obwohl beide Parteien der EU ein starkes Versprechen gegeben haben, fehlen in ihrem aktuellen Manifest klare Vorstellungen für die zukünftige EU-Integration.

Umgekehrt haben die Grünen und die FDP eine stark integrative, föderalistische Vision für die Zukunft der EU. Die Grünen wollen die Konferenz zur Zukunft Europas als Ausgangspunkt auf dem Weg zur Europäischen Bundesrepublik nutzen, und die FDP sieht als Endziel der EU-Integration einen dezentralen europäischen Bundesstaat vor.

Schließlich unterscheiden sich die linke Die Linke und die rechte AfD von den anderen Parteien durch ihre explizite Kritik an der EU. Die Linke kritisiert die EU wegen ihrer Vorliebe für Neoliberalismus und Sparpolitik. Sie will diesen Ansatz durch einen stärkeren Fokus auf öffentliche Investitionsinitiativen ersetzen und alle Gelder für militärische Projekte kürzen. Andererseits will die AfD, dass Deutschland die EU komplett verlässt.

Institutionelle Reform der EU

Mit Ausnahme der AfD wollen alle großen Parteien die Befugnisse des Europaparlaments durch ein formales Initiativrecht erweitern. Während CDU/CSU, Grüne und FDP explizit Top-Kandidaten Verfahren nur die beiden letztgenannten transnationalen Listen in ihrem Manifest erwähnen. CDU/CSU und SPD befürworten ein Modell des allgemeinen europäischen Wahlrechts, bleiben aber vage, was es bedeutet. Unterdessen schlägt Die Linke vor, dass EU-Kommissare und der Präsident des Europäischen Rates direkt vom Europäischen Parlament gewählt werden.

Generell sind alle großen Parteien für eine Reform der EU-Verträge. Lediglich die AfD weigerte sich, über ihre Forderung nach einem EU-Austritt Deutschlands hinaus die Reformen des Vertrags anzugehen. Grüne und FDP schlagen vor, durch die Konferenz zur Zukunft Europas explizit einen Vertrag zu starten, während Die Linke vor allem mehr Mittel im öffentlichen Sektor ermöglichen will. Die CDU/CSU sieht Vertragsänderungen nicht als Selbstzweck, sondern als mögliches Instrument zur Verbesserung der Handlungsfähigkeit der EU.

EU-Außen- und Sicherheitspolitik

Außen- und sicherheitspolitisch wollen alle Parteien mit Ausnahme der AfD die Beschlussfassung mit qualifizierter Mehrheit (QMV) einführen, um die Entscheidungsfähigkeit der EU zu verbessern. FDP, CDU/CSU und SPD unterstützen eine Europäische Verteidigungsunion und den Aufbau einer europäischen Armee. Allerdings skizziert nur die FDP explizit ein Modell für eine mögliche europäische Armee unter parlamentarischer Kontrolle.

Alle drei Parteien betonen gleichzeitig ihr Bekenntnis zur NATO als wichtigste Säule der europäischen Verteidigung. Das CDU/CSU-Manifest zielt auf ein Kerneuropa (Allianz derer, die bereit sind zu erschaffen) in allen Angelegenheiten der Außen- und Sicherheitspolitik im Rahmen von Ständige strukturierte Zusammenarbeit (PESCO) und der Europäischen Verteidigungsunion.

Die Linke hingegen schlägt die Auflösung der NATO und der Europäischen Verteidigungsagentur vor und lehnt Forderungen nach einer europäischen Armee ab. Die AfD möchte dem Europäischen Auswärtigen Dienst und der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik ein Ende setzen. Den allgemeinen Ansichten zur EU-Außenpolitik in Deutschland stehen die beiden Parteien daher klar gegenüber.

Tabelle: Ansichten zu zentralen EU-Politikthemen im deutschen Wahlprogramm 2021

Quelle: Von den Autoren zusammengestellt.

Die Linke erklärt auch, dass europäische Rüstungsunternehmen den Export von Waffen oder Technologie in autoritäre Länder einstellen sollten und dass die militärische Zusammenarbeit durch Initiativen wie PESCO und die Koordinierte jährliche Überprüfung der Verteidigung (KARTE) muss beendet werden. Auch Grüne und SPD fordern neue Rüstungskontroll- und Abrüstungsinitiativen sowie zivile Konfliktprävention, während die CDU/CSU Rüstungsexporte als konstitutiven Bestandteil der Sicherheitspolitik versteht und gemeinsame europäische Rüstungsprojekte und Beschaffungen fördern will.

Unter den Nachbarn Europas wird Großbritannien als wichtigster Nicht-EU-Partner genannt. Alle Parteien (außer der AfD) betonen jedoch, dass EU-Standards nicht geschwächt werden dürfen, um eine Zusammenarbeit zu ermöglichen. In Bezug auf Russland plädieren Linke und AfD für einen positiven Ansatz und ein Ende der Sanktionen, während die anderen vier betonen, dass die derzeitigen Sanktionen nicht aufgehoben werden können, solange Russland die illegale Annexion der Krim und militärische Aktionen in der Ostukraine fortsetzt. Grüne und SPD setzen sich für die Integration des Westbalkans ein, die FDP will die Beitrittsgespräche mit der Türkei beenden. Für die CDU/CSU muss die Einheit der EU-27 vor der weiteren Erweiterung gewährleistet sein.

Wirtschafts- und Währungsunion

Obwohl auf europäischer Ebene ein gewisser Konsens über die Notwendigkeit zukünftiger Investitionen besteht, wollen nur die Grünen und die Linke den EU-Haushalt aufstocken. Ihrer Meinung nach ist die EU Erholungs- und Resilienzeinrichtung muss in den EU-Haushalt integriert werden, um eine demokratische Kontrolle zu ermöglichen, und als dauerhafter Mechanismus für Investitionen in Zukunftsbereiche genutzt werden. CDU/CSU und FDP lehnten dagegen eine dauerhafte Verankerung des Sanierungsinstruments ab, während die AfD davor warnte, dass die Gründung einer „Transferunion“ schließlich zum Niedergang der europäischen Volkswirtschaften führen könnte. Unterdessen will die SPD das Sanierungsinstrument nutzen, um den Integrationsprozess voranzutreiben und eine echte Fiskal-, Wirtschafts- und Sozialunion zu schaffen.

Die Ansichten der Parteien zum Thema Steuern sind anders als zu den anderen Politikbereichen geteilt. Hier schlagen die Grünen vor, neben einer CO2-Steuer auch EU-Steuern auf Plastik- und Digitalunternehmen einzuführen. CDU/CSU und FDP unterstützen die Harmonisierung der nationalen Unternehmenssteuern und CDU/CSU schließen sich gemeinsam mit Grünen, SPD und Linken einer EU-Finanztransaktionssteuer an. Sowohl AfD als auch FDP sind jedoch absolut gegen jede EU-Steuer.

FDP und CDU/CSU betonen die Notwendigkeit, den Stabilitäts- und Wachstumspakt zu reformieren und Sanktionen gegen Mitgliedstaaten, die die Kriterien konsequent erfüllen, mit sofortiger Wirkung nach der Covid-19-Pandemie zu verhängen. Beide Parteien plädieren auch für die Einführung von Insolvenzverfahren für Staaten. Vielmehr will die SPD aus dem Pakt einen neuen Nachhaltigkeitspakt machen.

Die Grünen und die FDP teilen das Ziel, den Europäischen Stabilitätsmechanismus in einen Europäischen Währungsfonds umzuwandeln, wenn auch mit unterschiedlichen Zielen: Die FDP will diesen neuen „EMF“ mit der Befugnis ausstatten, die Einhaltung der Empfängerstaaten zu überwachen, während die Grünen sehen darin bedingungslose kurzfristige Kredite zur Abwehr von Spekulationen gegen einzelne Staaten. Während sich CDU/CSU, Grüne und Linke für die Einführung eines digitalen Euro durch die Europäische Zentralbank zur Sicherung der Zahlungsmittel einsetzen, schlägt die AfD eine Rückkehr zu einer nationalen deutschen Währung vor.

Wichtige Lektionen

Das wichtigste deutsche Wahlprogramm zeigt, dass die deutsche Parteienlandschaft nach wie vor von einem proeuropäischen Konsens geprägt ist. Die AfD hat als erste offen EU-feindliche Partei im Bundestag viel Aufsehen erregt. Dennoch bleiben die anderen politischen Parteien grundsätzlich positiv gegenüber der EU-Integration, wenn auch mit einigen Vorbehalten gegenüber der Eurozone und der Fiskalpolitik im Falle von CDU/CSU und FDP.

Der Wahlausgang ist äußerst schwer vorherzusagen, aber das wahrscheinlichste Szenario ist, dass die CDU/CSU mit einem neuen Koalitionspartner an der Macht bleibt. Eine solche Koalition ist eine Vereinbarung zwischen CDU/CSU und FDP. Sie dürfte sich einer Umkehr zwischen der europäischen Verschuldung und einer lockereren Fiskalpolitik entgegenstellen. Dies wird zu einer Deregulierung führen und möglicherweise das Tempo der wirtschaftlichen Integration in die EU verlangsamen. Eine Koalition aus CDU/CSU und Grünen kann dagegen die aktuelle Dynamik klimapolitischer Initiativen nutzen, um der EU mehr außenpolitische Handlungsfähigkeit zu verleihen.

Wenn die CDU/CSU alternativ nicht in der Regierung bleiben würde, würde sich die EU-Politik Deutschlands wahrscheinlich deutlich ändern. Eine Koalition aus Grünen, SPD und Linken würde mit ziemlicher Sicherheit eine stärkere Wende in Richtung Sozial- und Klimapolitik einleiten, einschließlich eines europäischen Mindestlohns und erhöhter öffentlicher Investitionen. Die außenpolitischen Positionen der Linken sowie die relativ niedrigen Stimmen der Partei könnten eine solche Koalition jedoch unmöglich machen. Gleiches gilt für eine sogenannte Ampelkoalition aus Grünen, SPD und FDP, wobei hier wohl die Wirtschaftspolitik der wichtigste Punkt sein dürfte.

Derzeit zeigt die Umfrage ein gemischtes Bild und noch ist unklar, welche Richtung Deutschland in der Nach-Merkel-Ära einschlagen wird. Es liegt an den deutschen Wählern zu entscheiden, ob das Land unter einem neuen Führer einen ähnlichen Weg einschlagen soll oder ob es an der Zeit ist, einen großen Bruch mit der Vergangenheit zu beginnen.


Hinweis: Dieser Artikel gibt die Ansichten der Autoren wieder, nicht die Ansichten von EUROPP – European Politics and Policy der London School of Economics. Empfohlene Bildquelle: europäischer Rat


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